Freitag, 23. Februar 2024

Demenz
Wenn das Ich allmählich verschwindet

Am 21. September ist Welt-Alzheimertag 2023. Der Tag nimmt eine Krankheit ins Visier, unter der viele Menschen leiden: Allein in Deutschland haben rund 1,8 Millionen Menschen Demenz. Ein neues Medikament soll nun den Verlauf zumindest verlangsamen.

19.09.2023
    Eine Illustration zeigt, wie kleine Bauarbeiter den Kopf eines Mann abtragen.
    Demenz fängt damit an, dass man Kleinigkeiten vergisst. Später kann die Krankheit dazu führen, dass man nicht mehr selbstständig leben kann. (picture alliance / Westend61 / Gary Waters)
    Umfragen zeigen, dass Demenz vielen Angst macht, denn diese Krankheit kann im Alter anscheinend jeden treffen. Ist Demenz gleich Alzheimer? Und kann man sich vor einer Erkrankung schützen? Anlässlich des Welt-Alzheimertages beantworten wir die wichtigsten Fragen.

    Inhaltsverzeichnis

    Was ist Demenz?

    Demenz ist der Verlust der geistigen Fähigkeiten. Dabei hat die Krankheit verschiedene Formen. Die häufigste ist die Alzheimer-Erkrankung, an der rund zwei Drittel der Demenz-Erkrankten leiden. Darum werden Demenz und Alzheimer oft synonym verwendet, was aus medizinischer Sicht nicht ganz richtig ist. Andere Demenz-Formen sind beispielsweise die Vaskuläre Demenz, die Lewy-Body-Demenz oder die Frontotemporale Demenz (FDT).
    Bei Alzheimer bilden sich an den Gehirnzellen Eiweiße, die die Kommunikation innerhalb und zwischen den Zellen stören. Bei der FDT sterben Gehirnzellen im Stirn- und Schläfenbereich ab.
    Demenz tritt vor allem im Alter auf; das Risiko steigt ab 65 Jahren besonders an. Betroffene leiden vor allem unter der abnehmenden Leistungsfähigkeit ihres Gehirns, was zu Gedächtnisverlust führt. Warum es zu krankhaften Veränderungen des Gehirns kommt, ist noch nicht vollständig geklärt. Die Krankheit kann, muss aber nicht vererbt werden.
    Bei Demenz handelt es sich um eine schwere Krankheit, die vor allem alte Menschen betrifft. Doch für den Gerontopsychiater Jan Wojnar, der als Heimarzt Bewohner in Hamburger Pflegeeinrichtungen betreut, ist es unverantwortlich, Demenz als eine Alterserscheinung zu bagatellisieren. So würden Argumente dafür geliefert, "eventuell weniger Geld in diesen Bereich zu investieren und dadurch das Leben der Demenzkranken viel schlimmer zu gestalten, als es möglich wäre".

    Was sind die Symptome von Demenz?

    Die verschiedenen Demenz-Formen können unterschiedliche Symptome hervorrufen. Beispielsweise sterben bei der Frontotemporalen Demenz vor allem Nervenzellen ab, die für die Emotionen und das Sozialverhalten verantwortlich sind. Deswegen können sich bei dieser Form eher Persönlichkeitsveränderungen bemerkbar machen.
    Die Alzheimer-Symptomatik kann in drei Phasen unterschieden werden. Im frühen Stadium können Betroffene sich häufig Kleinigkeiten nicht mehr gut merken. Sie suchen beispielsweise immer wieder ihren Autoschlüssel und wissen nicht, wo sie ihn abgelegt haben. Auch die ersten Orientierungsschwierigkeiten können auftauchen.
    Im mittleren Stadium kann es zu einem gestörten Tag-Nacht-Rhythmus kommen. Erste Sprachprobleme können auftreten: Die Grammatik wird fehlerhaft, bestimmte Vokabeln fallen einem nicht mehr ein. Auch das Langzeitgedächtnis ist immer stärker betroffen, bis hin, dass Erkrankte Familienangehörige nicht mehr erkennen.
    Im fortgeschrittenen Stadium brauchen Betroffene in allen Bereichen des täglichen Lebens Hilfe. Die Muskelspannung lässt nach und auch ein Gespräch zu führen ist kaum mehr möglich.
    Kein Mensch mit Alzheimer-Erkrankung gleicht dem anderen. Nicht immer treten alle Symptome auf und sind gleich stark. Auch psychisch können Betroffene auffällig werden: Sie sind gereizter, aggressiver oder können Symptome einer Depression zeigen.

    Kann man Demenz vorbeugen?

    Vorab, wie bei vielen anderen schweren Krankheiten auch: Das Erkennen früher Symptome ist wichtig. Fachärzte können heutzutage gute Diagnosen stellen, deswegen sollte schnell reagiert werden, wenn man erste Symptome an sich oder Angehörigen zu erkennen glaubt.
    Bestimmte Faktoren, die man nicht beeinflussen kann, können die Wahrscheinlichkeit für eine Erkrankung erhöhen. So bekommen zum Beispiel Frauen häufiger Alzheimer-Demenz als Männer, und das Risiko, an Demenz zu erkranken, ist zu 60 Prozent durch die Gene festgeschrieben. Der Demenzforscher Charles Marshall betont deswegen, dass niemand an der eigenen Erkrankung schuld ist.
    Aber immerhin 40 Prozent des Risikos wird von Faktoren bestimmt, die individuell beeinflussbar sind. Man kann also sein Risiko minimieren. Einfach gesagt: durch ein gesundes Leben. Sehr wichtig sind ausreichend Bewegung (auch im Alter), gesundes Essen, ausreichend Schlaf und soziale Kontakte.
    Soll das persönliche Risiko gesenkt werden, müssen die Faktoren identifiziert werden, die man beeinflussen kann. Dann heiße es, "alle gemeinsam anzugehen, also nicht nur das, was man am liebsten bekämpft“, sagt Tobias Hartmann, wissenschaftlicher Direktor des Deutschen Instituts für Demenzprävention der Universität des Saarlandes.
    Nach einer neuen Studie können auch Hörgeräte bei vielen älteren Menschen eine Demenz vermeiden. Das hat ein internationales Forscherteam mit einer im Fachjournal "The Lancet Public Health" präsentierten Studie untermauert. Demnach haben Menschen mit Schwerhörigkeit ohne Hörgerät ein um 42 Prozent erhöhtes Risiko, eine Demenz zu bekommen. Trugen Schwerhörige dagegen ein Hörgerät, glich das Risiko dem von normal hörenden Menschen.

    Gibt es Medikamente gegen Demenz?

    Alzheimer als auch die anderen Demenz-Formen sind bislang nicht heilbar. Man kann aber versuchen, den Verlauf zu verlangsamen.

    Medikament "Lecanemab" soll Krankheit verlangsamen

    Neue Hoffnung gibt ein in den USA zugelassenes Alzheimer-Medikament. Das Mittel heißt "Lecanemab". Es soll zwar Alzheimer nicht heilen, aber ein Fortschreiten der Krankheit - zumindest im frühen Stadium - verlangsamen können, so die US-Zulassungsbehörde FDA. Die Zulassung für Europa wurde bei der Arzneimittelbehörde EMA beantragt. Sie könnte noch 2023 erfolgen.   
    Doch das Medikament ist umstritten. So kann es zu signifikanten Nebenwirkungen wie Hirnschwellungen kommen, wie einige Studien zeigten.

    Diagnostik für Alzheimer-Demenz verbessert sich

    Hoffnung gibt auch ein neues Verfahren zur Diagnostik. Um eine Alzheimer-Demenz sicher zu diagnostizieren, wird häufig ein aufwendiges bildgebendes Verfahren benutzt: der PET-Scan. Günstiger und einfacher wäre ein Labortest. US-Forscher glauben nun, einen nützlichen Biomarker dafür identifiziert zu haben.
    Jens Wiltfang, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universitätsmedizin in Göttingen, betont, dass Biomarker in Körperflüssigkeiten bereits dann auf Vorstadien von Demenz hinweisen können, wenn in bildgebenden Verfahren noch längst keine Veränderungen sichtbar sind – teilweise bis zu 15 Jahre früher. Je eher der Patient eine Diagnose hat, desto schneller kann auch mit einer Therapie begonnen werden.

    Wie viele Menschen sind von Demenz betroffen und wo gibt es Hilfe?

    2022 lebten rund 1,8 Millionen Demenz-Erkrankte in Deutschland. Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft e.V. warnt vor dem Hintergrund des demografischen Wandels davor, dass sich bis zum Jahr 2050 die Zahl der Erkrankten auf 2,4 bis 2,8 Millionen erhöhen kann.
    Angebote und professionelle Unterstützung sind vielfältig. Eine erste Anlaufstelle kann der Hausarzt sein. Das Bundesministerium für Familie bietet ein Alzheimer-Telefon für Betroffene und Angehörige an. Kontaktdaten mit Ansprechpartner und Organisationen, die weiterhelfen, sind hier gesammelt.

    nho, tmk