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Am Anfang ist die Angst

Sokolowsky interpretiert die Muslimfeindschaft schlüssig als eine relativ neue Form eines Ausländerhasses in gesellschaftlich eher akzeptierter Form: Weil man "Kanake" oder "Kameltreiber" nicht mehr sagen dürfe, ohne gesellschaftliche Ächtung zu erfahren, werde nun stattdessen über Muslime und Minarette gehetzt.

Von Philipp Gessler | 28.12.2009

Man muss sich solchen Dreck nicht durchlesen. Im Internet finden sich Foren, die so viel Menschenverachtung und Hass versprühen, dass es beinahe schon unverantwortlich ist, diese zu zitieren. Auf der Website Politically Incorrect (PI) etwa, die nach eigenen Angaben mehr als 45.000 Besucher täglich – ja: täglich! - zählt, finden sich Einträge wie:

Viele Muselmanen sind tickende Zeitbomben. Können aus jedem noch so nichtigen Anlass hochgehen und wie wild um sich schlagen, stechen, beißen, kratzen und spucken.

oder:

Es müsste Mohammedanern grundsätzlich verboten sein, öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen.

Kay Sokolowsky ist wie ein Kanalarbeiter in den Dreck hinabgestiegen. Der Redakteur und Publizist, der sich schon in früheren Büchern um Verschwörungstheorien und um das Übel des Rassismus gekümmert hat, zeigt in seinem neusten Werk nun, was sich dort unten abspielt, wo niemand gerne hinschaut.

Sein Buch "Feindbild Moslem" befasst sich mit einem brandaktuellen Phänomen, das aber in lesbaren Monografien und außerhalb von Expertenkreisen bisher kaum diskutiert wurde: dem Hass gegen Muslime.

Dieser Vorurteilskomplex ist in Deutschland verbreitet – und die Hasstiraden auf Websites wie Politically Incorrect sind nur die extremsten Ausschläge einer politischen Strömung, die weit in die Mitte der Gesellschaft gedrungen ist. Es fängt an mit mehr als zweifelhaften Aussagen eines Bundesbankers – und endet mit einem muslimfeindlichen Mord in Dresden. Laut repräsentativen Umfragen, etwa der Soziologen um Wilhelm Heitmeyer, haben über 60 Prozent der Bevölkerung eine "konsistent islamophobe" oder "pessimistisch-kritische" Einstellung gegenüber Muslimen.

Etwas überspitzt, aber durchaus nachvollziehbar schreibt Sokolowsky deshalb:

Der Kulturkampf, der gegen den Islam ausgefochten wird, hat hierzulande längst den Status der Normalität erlangt. Der böse Blick auf die muslimische Community, der anklagende Gestus der Mehrheitsgesellschafter, wenn sie von Integrationsproblemen 'der' Muslime sprechen, der immer schlechter verhohlene Wunsch, die gefürchteten Migranten mit drakonischen Sondergesetzen zu kujonieren oder gleich aus dem Land zu jagen – diese klar rassistische Praxis hat den Charakter eines Massenphänomens angenommen.

Gerade in den ersten beiden Kapiteln des Buches gelingt es Sokolowsky in diesem Ton furios, Grundmuster des Islamhasses frei zu legen. Er deutet ihn in erster Linie als ein Phänomen der Angst:

Am Anfang ist die Angst. Die Angst vor dem anderen, der suspekt wirkt allein um seiner Fremdheit willen, der fremd scheint und bleiben muss, weil der Ängstliche sich weigert, ihn als Gleichen zu akzeptieren. Weil diese Angst kein individuelles Motiv hat, sondern besessen nach Ausreden sucht, um fortbestehen zu können, und weil diese Furcht aus ebensoviel Lust am Grauen wie grauenhafter Lust an der Diffamierung gemischt ist, kann ihr niemand mit Räson begegnen. Die Angsthaber müssen ihre Angst hüten. Gäben sie sie auf, könnten sie sich schwerlich länger als bessere Menschen und über die Dummköpfe erhaben fühlen, die ihren Wahn nicht teilen.

Sokolowsky interpretiert die Muslimfeindschaft schlüssig als eine relativ neue Form eines Ausländerhasses in gesellschaftlich eher akzeptierter Form: Weil man "Kanake" oder "Kameltreiber" nicht mehr sagen dürfe, ohne gesellschaftliche Ächtung zu erfahren, werde nun stattdessen über Muslime und Minarette gehetzt – in der sicheren Annahme, dass der Subtext schon richtig verstanden werde.

Ein Höhepunkt des Werkes sind Sokolowskys Recherchen darüber, wie sehr der braune Sumpf bei Websites wie Politically Incorrect schon durchgedrungen ist, obwohl man bei diesem Internetauftritt stets betont, dass man für Israel einstehe und die NS-Ideologie verachte. Als etwa ein Gast-Blogger anlässlich des 70. Jahrestages der Reichspogromnacht die PI-Leserschaft an eine ständige Erinnerung an die deutsche Schuld gemahnte, hagelte es empörte Reaktionen. Darin wurde ein Schlussstrich unter die Erinnerung gefordert oder sogar der Holocaust relativiert.

Nicht überzeugend ist dagegen, wie länglich sich Sokolowsky an dem Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" und seiner Islamkritik zu Zeiten des früheren Chefredakteurs Stefan Aust abarbeitet. Übertrieben ist auch des Autors Ansicht, die Islamfeinde hätten mittlerweile die "Deutungshoheit in den Medien und Gremien" - was immer das genau heißen soll.

Dass sich Sokolowsky zudem an Henryk M. Broder und seiner Islamkritik so festbeißt, schwächt sein Werk zusätzlich. Er widmet dem bissigen Publizisten ein ganzes Kapitel – und die Polemik, die er dabei nutzt, steht der Broders in nichts nach. Hart an der Grenze justiziabler Beleidigungen beschimpft er Broder im Laufe des Buches als

Beleidiger, Unflatwerfer, Stänkerer, Grobian, Fanatiker, Haudrauf und Opportunist.

Je mehr man liest, desto häufiger hat man den Eindruck, als werde Sokolowsky von seinem Eifer im Einsatz gegen den Hass auf Muslime hinweg getragen. Er schadet so seiner guten Sache und verprellt mögliche Bündnispartner. So lästert er etwa über die Lichterketten gegen rechte Gewalt Anfang der 90er-Jahre. Oder schreibt ziemlich platt:

Doch wer eine Differenz zwischen 'Fremden' und Einheimischen akzeptiert, der hat den halben Weg zum Rassisten bereits hinter sich.

Schade, dass Sokolowsky immer wieder in seinem Buch seine meist klugen Gedanken mit diesem Übermaß an Polemik verseucht, ja an manchen, wenigen Stellen sich auf das niedrige Niveau derer herab begibt, die er zurecht angreift.

Oft ein wenig hilflos wirkt Sokolowsky zudem immer dann, wenn er Probleme benennt, die auch etwas mit dem Islam zu tun haben oder haben könnten – so zum Beispiel die patriarchalen Strukturen in vielen islamisch geprägten Familien. So schreibt Sokolowsky trocken:

Weit mehr türkisch- als deutschstämmige Männer schlagen und missbrauchen ihre Lebensgefährtinnen. Das lässt sich nicht kleinreden.

Seine Lösung für dieses Problem aber ist doch etwas dünn:

Die Prügler sollten begreifen, dass sie nur gewinnen, wenn sie Gewalt gegen Frauen verpönen.
Dennoch: Wer das neue Phänomen des Islamhasses verstehen will, hat in Sokolowskys Buch einen klugen, anregenden und meist sogar unterhaltsamen Ansatz. Das erste Standardwerk zum Thema Muslimhass muss aber noch geschrieben werden.

Kay Sokolowsky, Feindbild Moslem, Berlin 2009 (Rotbuch Verlag), 256 Seiten, Preis: EUR 16,90