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Amerikanisch-jüdische Wirtschaftsuniversität in Berlin

Jens Rosbach | 15.10.2003

    In den USA ist so etwas ganz normal: ein jüdisches College. Und auch ein jüdisches Wirtschaftscollege ist dort nichts Ungewöhnliches. In Deutschland sind solche Einrichtungen dagegen noch immer keine Selbstverständlichkeit. Kein Wunder, dass ganz groß gefeiert wird, wenn nun in Berlin das Touro-College seine Pforten öffnet. Touro steht für ein Netzwerk aus 24 jüdischen Privatuniversitäten in Amerika, Israel und Russland. Ab dem 15. Oktober wird nun auch in der deutschen Hauptstadt so eine College-Ausbildung angeboten - und zwar eine Ausbildung zum Business-Manager.


    Ich will hier studieren, weil ich denke, dass das eine einmalige Gelegenheit ist, die ich auf einer staatlichen Universität nicht habe. Da ich selbst jüdisch bin und dadurch meine Identität hier mehr ausleben kann und vielleicht einige Dinge erfahren kann, die ich noch nicht weiß.

    Daniel Kohls geht regelmäßig am Freitagabend, am Sabbat, in die Synagoge. Und viele seiner Freunde kommen aus der jüdischen Gemeinde in Berlin. Für den 22-Jährigen ist es also nur logisch, dass er nun auch am jüdischen College studiert. Genauso wie Avinda Parrera. Der 19-jährige Diplomatensohn aus Sri Lanka ist allerdings Buddhist.

    Man bekommt hier die einmalige Gelegenheit, jüdische Leute zu treffen. Ich denke, das ist echt eine Chance, mehr über andere Kulturen zu erfahren.

    Das Touro-College ist ein Wirtschaftscollege für jüdische und nichtjüdische, für deutsche und nichtdeutsche Studenten. Angeboten wird ein Management-Studium nach amerikanischem Vorbild komplett auf englisch. Allerdings legt Sara Nachama, die Leiterin der Privat-Uni, auch viel Wert auf sozialwissenschaftliche Fächer.

    Wir möchten gerne, dass die Studenten natürlich ihre Ausbildung in Betriebswirtschaft haben, aber gleichzeitig sollen sie auch ein Herz für die Mitarbeiter haben. Sie sollen verstehen, dass es nichts bringt, nur mit dem Kopf durch die Wand zu wollen. Das heißt, was wir hier eigentlich ausbilden, sind Manager mit Herz.

    Sara Nachama wurde in Israel geboren und ist heute die Ehefrau eines Berliner Rabbis. Die liberale Jüdin stellt es ihren Studenten frei, ob sie neben den normalen Business- und sozialwissenschaftlichen Kursen auch jüdische Fächer belegen - wie hebräische Sprache oder jüdische Ethik.

    Ich denke, eine Religion kann man jemandem nicht pflichtgemäß beibringen. Das muss jeder wollen. Also wenn man sagt: jetzt musst du das machen, dann hört man sofort: Ach nee, das will ich ja gar nicht. Aber wenn man selber die Möglichkeit hat auszuwählen, dann überlegt man zwei Mal.

    Der Berliner Senat sponsert das College, indem er eine große Villa, die übrigens einmal von den Nazis einer jüdischen Familie geraubt worden war, kostenlos zur Verfügung stellt. Politiker aller Couleur loben das Projekt. Brigitte Reich, die Wissenschaftsreferentin beim Berliner Kultursenator, erklärt, die Schule habe dennoch einen Nachteil.

    Die Abschlüsse sind staatlich nicht anerkannt. Vorraussetzung dafür wäre, dass die Universität eine staatlich anerkannte Hochschule wäre. Das ist nicht so, sie haben die Anerkennung bei uns nicht beantragt.

    Das Touro-College vergibt den Titel "Bachelor of Science in Business, Management and Administration" - ein amerikanischer Abschluss, der zwar in der freien Wirtschaft zählt, nicht aber im öffentlichen Dienst und auch nicht an anderen Hochschulen. Was sagen die Studierenden dazu? Die zahlen nämlich eine Collegegebühr - und zwar 3000 Euro pro Semester - und bekommen dennoch keinen anerkannten Titel. Daniel Kohls:

    Ich mache mir darüber nicht solche Sorgen, denn ich glaube, dass es in den nächsten drei Jahren bis zu meinem Abschluss hoffentlich anerkannt wird, und es ist ja auch nicht gesagt, dass ich nach dem Abschluss in Deutschland bleibe, denn es ist ja ein weltweit anerkannter Abschluss, bis auf Deutschland.

    Die Collegeleitung berichtet, andere Berliner Beamte hätten verlangt, erst einmal die Uni in Betrieb zu nehmen, bevor überhaupt ein Antrag auf Anerkennung gestellt werden dürfe. Behördenwirrwarr. Tatsächlich zweifelt niemand in der Hauptstadt daran, dass die Privatschule früher oder später ihren staatlichen Segen bekommt. Die zukünftigen "Manager mit Herz" können auch in finanzieller Hinsicht ganz beruhigt sein - dank vieler Sponsoren, die von der neuen jüdischen Universität begeistert sind.

    Wir haben auch ein Förderverein, der den Studenten Stipendiums-Möglichkeiten gibt. Aber ab zweiten Semester. Und wenn sie uns zeigen, dass sie gut sind und lernen, dann kriegen sie natürlich auch das Stipendium.

    Links zum Thema

    Touro-College Berlin