Montag, 28. November 2022

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Anschläge auf Kirchen in Ägypten
"Hasswelle gegen Kopten ist unbeschreiblich groß"

Die Aggression gegenüber Kopten in Ägypten habe enorm zugenommen, sagte Anba Damian, Bischof der Kopten in Deutschland, im DLF. Der sogenannte Islamische Staat wolle Ägypten und andere Länder von Christen befreien. Unterstützt würde dies durch die lasche Haltung der Sicherheitskräfte. Wichtig sei, dass Deutschland Präsident Al-Sisi ernsthafte Hilfe anbiete.

Anba Damian im Gespräch mit Peter Kapern | 11.04.2017

    Der koptische Bischof Anba Damian beim Evangelischen Kirchentag in Stuttgart 2015.
    Der koptische Bischof Anba Damian. (imago - epd)
    Peter Kapern: Acht Minuten nach neun war es, als der Selbstmordattentäter, den der sogenannte Islamische Staat geschickt hatte, den Sprengsatz zündete, und zwar in der St.-Georg-Kirche in Tanta im ägyptischen Nil-Delta. Das war der Moment, in dem 27 Menschen starben und die Kirchuhr stehen blieb. Kurz darauf tötete ein zweiter Sprengsatz 17 Menschen vor der St.-Markus-Kathedrale in Alexandria. Bei beiden Anschlägen wurden weit mehr als 100 Menschen verletzt. Ziel der Attacken waren koptische Christen in Ägypten und es ist nicht das erste Mal, dass sie ins Visier der islamistischen Terroristen geraten sind.
    In Deutschland leben etwa 12.000 koptische Christen. Ihr geistliches Oberhaupt ist Bischof Anba Damian, den ich jetzt am Telefon begrüßen kann. Guten Morgen.
    Anba Damian: Guten Morgen.
    Kapern: Herr Bischof, was hören Ihre Gemeindemitglieder, was hören Sie von Ihren Freunden und Verwandten in Ägypten jetzt nach den jüngsten Anschlägen, wenn Sie sich mit denen in Kontakt bringen?
    Damian: Die Kopten sind sehr erschüttert. Sie sind in einem schockähnlichen Zustand, sind sehr traurig, betroffen. Wir finden keine passenden Worte, um unsere Gefühle zum Ausdruck zu bringen.
    "Die Hasswelle gegen Kopten ist unbeschreiblich groß geworden"
    Kapern: Wie verhalten sich die christlichen Brüder in Ägypten jetzt? Trauen die sich überhaupt noch auf die Straßen, oder wie sieht deren Alltag in Ägypten jetzt aus?
    Damian: Wir sind daran gewöhnt, das ist für uns nicht neu. Vor allem die Aggression hat in den letzten Monaten ein enormes Ausmaß angenommen. Die Hasswelle gegen Kopten ist unbeschreiblich groß geworden und der ISIS hat den Kopten den Krieg erklärt. Wir wissen aber, dass wir nur durch die Kraft des Gebetes diese harte Zeit überwinden können, und wir zeigen unseren Peinigern die christliche Nächstenliebe, denn Jesus Christus hat uns beigebracht, liebe Deine Feinde.
    "Austreibung, Übertreten zum Islam oder die Ermordung"
    Kapern: Welche Strategie verfolgt ISIS, der sogenannte Islamische Staat gegenüber den koptischen Christen in Ägypten? Welche Ziele verfolgt er?
    Damian: Entweder eine Austreibung, Übertreten zum Islam, oder die Ermordung und Tötung. Was sie genau wollen, einfach uns in Schrecken zu versetzen und unser Leben in die Unsicherheit zu bringen und nach Möglichkeit Ägypten so wie die anderen Länder von den Christen zu befreien.
    Kapern: Nun haben Sie gesagt, Herr Bischof, dass die ägyptische Polizei die koptischen Kirchen in Ägypten nicht ausreichend schützt. Wie genau sieht das aus? Warum tun die das nicht?
    Kein ausreichender Schutz für Gottesdienste
    Damian: Die lasche Haltung ist nicht zu übersehen und eine andere Beschreibung finde ich nicht. Denn wenn der ISIS uns den Krieg erklärt und auf der Halbinsel Sinai schon Kopten enthauptet worden sind, in Brand gesetzt worden sind, und wenn scharenweise koptische Familien vertrieben werden, dann muss man schon darauf achten, dass die Gottesdienste einen besseren Schutz bekommen. Aber das, was man erlebt, ist eine sehr lasche Haltung. Manche Soldaten, die am Eingang der Kirchen stehen, haben nicht mal Munition in ihren Waffen, oder die machen ihre Pause, gerade wenn die Menschen in die Kirche reinkommen, oder sie gehen zum Toilettengang oder was weiß ich. Die lasche Haltung spielt eine Rolle und die geringere Zahl auch von Sicherheits- und Security-Personal.
    Kopten als Bürger zweiter Klasse
    Kapern: Warum ist das so, Herr Bischof? Was steckt dahinter?
    Damian: Grundsätzlich nahm man die Drohungen nicht so ernst und man war sich nicht im Klaren über die Konsequenzen und man behandelt auch die Kopten im Allgemeinen nicht als Bürger der ersten Klasse. Ich kann Ihnen versichern: Wenn eine Moschee mit Graffiti beschmiert wird, dann wird es einen Weltuntergang geben. Wir hatten es erlebt in Dresden, als die Frau Marwa El-Sherbini im Gerichtssaal getötet worden war, welchen Aufstand weltweit es damals gab. Und bei der Ermordung von so vielen Kopten kommen manchmal blasse und schwachsinnige Kondolenzen von hochrangigen islamischen Institutionen. Für sie ist das nicht so gravierend. Wir sind nicht als gleichberechtigte Bürger anzusehen und ich hoffe, dass sich das ändert.
    Forderung nach Hilfe aus Deutschland für die ägyptische Regierung
    Kapern: Haben Sie Wünsche, Erwartungen an die deutsche Politik?
    Damian: Ich wünsche mir, dass wir einfach in unseren Gesprächen und Verhandlungen mit Ägypten das Thema Menschenrechte besprechen, dass wir ehrlich und ernsthaft über die Situation in aller Klarheit diskutieren, dass man eventuell Hilfe anbietet für die ernsthaften Bemühungen von Präsident Al-Sisi, dass Deutschland ernsthafte Hilfe und Know-how anbietet. Ich glaube, er ist angewiesen auf das deutsche Know-how. Und ich wünsche mir, dass die Ausbildung vor allem der Imame und dass der Religionsunterricht für die muslimischen Kinder reformiert werden kann, und das ist die Aufgabe der ältesten und größten islamischen sunnitischen Universität der Welt, nämlich El-Azhar. Denn es wurde kein Mensch auf der Welt als Krimineller oder Terrorist geboren, sondern man verhält sich und verändert sich aufgrund dessen, was man lernt als ein kleines Kind, als Schüler und dann später als Gläubiger in den Moscheen.
    Kapern: Bischof Anba Damian, das geistliche Oberhaupt der koptischen Christen in Deutschland, heute Morgen im Deutschlandfunk. Herr Bischof, wir haben Sie auf dem Bahnhof erreicht. Sie machen sich gerade auf den Weg nach Berlin. Ich wünsche Ihnen eine gute Reise und sage vielen Dank für das Interview.
    Damian: Gottes Segen und alles Gute.
    Kapern: Vielen Dank!
    Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.