Samstag, 19.10.2019
 
Seit 16:30 Uhr Forschung aktuell
StartseiteEine WeltWelle der Gewalt 05.10.2019

Arabische Dörfer in IsraelWelle der Gewalt

Clan-Kriminalität, Familienfehden, Morde. Seit Jahresbeginn häufen sich Gewaltdelikte in den arabischen Städten im Norden Israels. Bürgermeister werfen der Polizei Untätigkeit vor. Die Bewohner der Städte und Dörfer fürchten zunehmend um ihre Sicherheit.

Von Benny Riemer

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Die Bürger der Stadt Um El Fahm im Norden Israels demonstrieren und fordern die Polizei zum Handeln auf. (deutschlandfunk/ Benny Riemer)
Die Bürger der Stadt Um El Fahm im Norden Israels demonstrieren und fordern die Polizei zum Handeln auf. (deutschlandfunk/ Benny Riemer)
Mehr zum Thema

Schutz für die einen, Schikane für die anderen

Gewalt gegen Frauen Israelinnen protestieren gegen das Wegschauen der Polizei

Google Maps in den Palästinensischen Gebieten "Keine Route gefunden"

"Polizei, Polizei, hört ihr zu? Die Verbrecher sind immer noch frei!" Das rufen die jugendlichen Demonstranten in Um El Fahm. So einen Protestzug gibt es hier momentan fast täglich. Denn die Bürger der 55-tausend-Einwohner-Stadt im Norden Israels haben Angst und fordern die Polizei zum Handeln auf. Seit Anfang des Jahres sind im Land schon mehr als 65 arabische Israelis getötet worden – die meisten wohl durch Bandenkriminalität und Fehden zwischen Familienclans. Erst vergangene Woche wurde der 26-jährige Youssef erschossen – mitten am Tag. Die Hintergründe: Unklar. Er soll zwischen zwei Fronten geraten sein.

"Es ist genug für diese Stadt"

Wir treffen Youssefs Familie in einem kleinen Haus, versteckt in den engen und steilen Gassen von Um El Fahm. Eine Gruppe Männer sitzt vor dem Eingang im Stuhlkreis – drinnen auf den Sofas im dunklen Erdgeschoss die weiblichen Familienmitglieder. Die Großmutter, eine Tante, eine Cousine von Youssef. Sie kümmern sich um die trauernde Mutter. Sie weint nicht, ihr Gesicht wirkt versteinert, in der Hand hält sie eine Gebetskette.

"Das ist sehr schwierig für mich, denn mein Herz ist gebrochen. So schlimm, wenn eine Mutter ihren Sohn verliert – und er wurde so brutal getötet. Es ist genug für diese Stadt, genug mit den Morden. Ich habe Angst am Abend schlafen zu gehen, weil ich dauernd Schüsse höre. Das ist kein Leben, das hält man nicht aus, ich ertrage das nicht mehr."

Familiengesetz vor staatlichen Gesetzen

Eigentlich gilt Israel als relativ sicher, was Kriminalität betrifft. Die meisten aller Mordopfer im Land sind Araber – ihr Anteil ist in den letzten beiden Jahren deutlich gestiegen, von 63 auf fast 80 Prozent. Tatorte sind fast ausschließlich die arabischen Gebiete im Norden.

Jamal Hakroosh ist selbst arabischer Israeli und bei der israelischen Polizei. Er sagt: Ja, das ist ein Problem, das mit der arabischen Gesellschaft zu tun hat.

Jamal Hakroosh ist arabischer Israeli und bei der israelischen Polizei. (deutschlandfunk/ Benny Riemer)Jamal Hakroosh ist arabischer Israeli und bei der israelischen Polizei. (deutschlandfunk/ Benny Riemer)

"Da geht es auch um arabische Verhaltensmuster. Einige glauben nicht an das staatliche Gesetz, und gehen zu einer Art Familiengesetz über. Da sprechen wir dann über Vergeltung. Und wenn dann ein Mord passiert, warten diese Leute nicht auf die Polizei. Dann gilt: Wer getötet hat, wird getötet."

Die Polizei ist überfordert

Hakrush weiß aus eigener Erfahrung: Die Polizei ist da teilweise überfordert. Und da sei auch noch ein anderes Problem, sagt er: Das Misstrauen zwischen der israelischen Polizei und der arabischen Bevölkerung. Auf Zusammenarbeit mit den Bürgern, um die Anführer von bestimmten Clans ausfindig zu machen, könne man nicht zählen. Und arabische Polizisten gibt es in Israel kaum. Hakrush fordert mehr Polizeistationen, um die Gewalt in den Griff zu bekommen. Für Mudar Younes, den Vorsitzenden aller arabischen Kommunen im Norden Israels, ist das zu kurz gedacht.

"Von mir ist die nächste Polizeistation weniger als 5 Minuten entfernt – und trotzdem braucht die Polizei bis zu 30 Minuten, um an einem Tatort zu sein. Denn sie ist immer gerade woanders, es fehlt an Personal! Also da geht es um Grundsatzentscheidungen, um mehr Finanzmittel. Man hat die arabische Bevölkerung jahrelang vernachlässigt."

An dem Tag, an dem der 26-jährige Youssef erschossen wurde, reagierte der Bürgermeister von Um El Fahm, Samir Mahamid, mit einer drastischen Maßnahme. Er schloss die Polizeiwache der Stadt – vorübergehend. Ein symbolischer Akt, denn er wirft der israelischen Polizei vor, wegzuschauen und nichts zu unternehmen. Er droht, das nächste Mal ernst zu machen.

Aufklärung statt Vergeltung

"Das kann man ganz legal tun: Diese Wache endgültig schließen. Denn wir fordern, dass die Polizei ihren Job macht. Aber vielleicht kommen wir diesem Ziel ja bald ein bisschen näher – in ein paar Tagen gibt es ein Treffen mit der Polizei. Denn wir wollen ja, dass die Verbrechen, die hier in Um El Fahm passieren, aufgeklärt werden."

Aufklärung statt Vergeltung. Auch dafür demonstrieren die Menschen hier fast jeden Tag. Sie haben die Hoffnung auf eine sichere Heimatstadt noch nicht aufgegeben.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk