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Arbeiten statt Enkel hüten

Mit 70 Jahren ein Dach neu decken - bei einigen mag das gehen, aber bei der Mehrzahl der Älteren dürften die Knochen wohl kaum noch mitmachen. Unsere Gesellschaft altert und es stellt sich die Frage: Wie lange können und wollen wir arbeiten? Dazu gibt es nun eine neue Studie.

Von Axel Schröder | 13.11.2013

Das Symposium "Potenziale des Alters" der Hamburger Körber-Stiftung stellte Lösungen für ein längst bekanntes, aber immer noch nicht gelöstes Problem unserer Gesellschaft vor: Die Bevölkerung wird immer älter und die jüngeren Generationen werden mit der Sicherung der Renten für das Heer all derer, die aus dem Beruf ausscheiden, maßlos überfordert sein. Die heute vorgestellte Studie "Produktiv im Alter", von der Körber-Stiftung, dem Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung und der Robert-Bosch-Stiftung belegt diese Entwicklung. Und kommt zum Schluss: wir müssen länger arbeiten. Um ein auskömmliches Einkommen zu haben und um weiterhin in die Rentenversicherung einzuzahlen. Allerdings müssten sich dafür zuallererst unsere Vorstellungen vom Arbeiten und Leben verändern, Dr. Reiner Klingholz, Mitautor der Studie:

"Wir haben aus der alten Zeit eine absurde Vorstellung von Arbeit und Freizeit mitgenommen. Übertrieben formuliert heißt das: "Arbeit ist schrecklich!" Und die sollte man möglichst schnell wieder los werden! Damit man endlich in Rente kommt und dann die Freizeit genießt. Das hat früher nicht in die Welt gepasst und heute auch nicht. Denn Arbeit macht sehr vielen Leuten Spaß! Und umgekehrt ist das Rentendasein nicht der Eintritt ins Paradies. Viele Leute langweilen sich ganz schrecklich."

Und auch die Unternehmen müssten sich viel stärker der Potenziale der alten Hasen bewusst werden.

Zum längeren Arbeiten gehören ein längeres Lernen, mehr und qualifiziertere Weiterbildungen, so Klingholz. Vor allem aber auch ein gesünderes Arbeiten, dass Rücksicht nimmt auf die körperliche Belastbarkeit der Arbeitskräfte. Margarete Heckel, Autorin des Buchs "Aus Erfahrung gut", hat deutsche Firmen besucht, die neue, zukunftsträchtige Arbeitszeitmodelle einführen. Ein Beispiel dafür ist der Maschinenbauer Trumpf, so Heckel:

"Da kann jeder Mitarbeiter, egal, ob am Band oder in der Konzernzentrale für die jeweils nächsten zwei Jahre sagen: 'Ich möchte 1 und 43 Stunden in der Woche arbeiten!' Das heißt, sie könnten sagen: 'Ich will 28 Stunden arbeiten!' Ich kann sagen: 'Ich will 33 Stunden arbeiten!' Und ihr Nachbar sagt: 'Ich will 38 Stunden arbeiten!'"

Wie Arbeit im Alter aussehen kann, schilderten auf dem Symposium auch Gäste aus den Vereinigten Staaten. Die Firma "Vita Needle" produziert im Speckgürtel von Boston Metallröhrchen für die Industrie und für medizinische Anwendungen. Der Altersschnitt liegt bei 74 Jahren. Howard Ring arbeitet als Ingenieur für "Vita Needle". Sechs Jahre lang war der heute 79-Jährige auf Arbeitssuche, heute ist froh, bei der Oldie-Firma - nicht ganz freiwillig - weiter machen zu dürfen.

"Ich habe dort angefangen, weil ich das Geld brauchte. Dann habe ich gemerkt: Ich habe dort Freunde, Menschen, mit denen ich sprechen kann, eine Struktur für mein Leben. Wenn ich aufstehe, habe ich einen Ort, an dem ich gebraucht werde. Wo ich Dinge tun kann, die ich vorher auch gemacht habe."

Und das funktioniert auch bis ins sehr hohe Alter: Seine älteste Kollegin hat gerade ihren 95. Geburtstag gefeiert. Ein Problem mit der Diskriminierung älterer Arbeitnehmer hat seine Firma auf jeden Fall nicht.

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