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StartseiteMusikjournalWährend der Restaurierung verstummt19.08.2019

Arp Schnitger Orgel in BrasilienWährend der Restaurierung verstummt

Nur ein einziges Instrument des berühmten Orgelbauers Arp Schnitger steht nicht in Europa, sondern in Brasilien, in der Kathedrale in Mariana. Die Orgelkonzerte dort waren beliebt bei Touristen. Seit 2016 schweigt die Orgel aber.

Von Niklas Rudolph

Die Kathedrale in Mariana, auch genannt die Basilica de Nossa Senhora da Assunçao. (imago stock&people)
Die Kathedrale in Mariana, die "Catedral Basilika Nossa Senhora da Assunção". In ihr steht die einzige Arp Schnitger-Orgel außerhalb Europas. (imago stock&people)

Die Sonne dringt durch die offenen Fenster der Kathedrale von Mariana. Durch die Scheiben erahnt man die grünen Wälder und die Roten Berge in der Landschaft von Minas Gerais, im bergigen Herzen Brasiliens. Es ist warm, der Himmel wolkenlos. Doch trotz des schönen Wetters ist das kühle Kirchenschiff voller Menschen, die gekommen sind um die Orgel von Mariana zu hören.
"Ich habe zwar schon Konzerte in Kirchen besucht, aber noch nie mit einer Orgel. Mit so einem alten Instrument wie diesem." sagt eine Besucherin. In Brasilien sind Orgeln eine Seltenheit und wenn es welche gibt, dann stehen sie oft unnütz in der Ecke und fallen dem Zahn der Zeit zum Opfer. Es fehlt an Organisten, die sie spielen können. Aber das soll sich ändern - hier in Mariana, dank der Organistin Elisa Freixo:
"Wir haben hier fast 2700 Konzerte gemacht in den dreißig Jahre, seit die Orgel restauriert ist. Letztes Wochenende war ein langes Wochenende mit Feiertag. Wir haben in vier Tagen neun Konzerte gehabt. Das ist schon ganz besonders – und die waren sehr voll."

Besuchermagnet Orgelkonzerte - bis 2016

So wie auch jetzt. Mit schnellen Schritten kommt Elisa Freixo in die Kathedrale - ganz bescheiden durch den Besuchereingang. Sie begrüßt die etwa 70 Zuhörer und erzählt ihnen, dass sie etwas Außergewöhnliches hören werden.

Elisa Freixo: "Ich spiele heute ein Stück von einem Lehrer von mir, einem Alten Lehrer, das ist ein Tanz was hier sehr schön klingt. Das ist ein sehr lustiges Stück, Kreisel heißt das und das Solo ist im Pedal und die Hände bewegen sich sehr rhythmisch."

Musik: Kreisel

Diese Orgelkonzerte von Elisa Freixo waren lange ein wichtiger Anker für den Tourismus in Mariana. Aber seit Januar 2016 hat die Orgel keinen Ton mehr von sich gegeben, denn die Kathedrale wird renoviert. Eigentlich sollte alles ganz schnell gehen, ein Jahr war eingeplant, aber mittlerweile sind schon dreieinhalb ins Land gestrichen. Elisa Freixo ist gerade auf Konzertreise in Europa, deswegen sprechen wir mit ihrer Kollegin Josineia Godinho: "In diesem einen Jahr wurden nämlich nur strukturelle Änderungen durchgeführt. Teile des Daches wurden ausgetauscht, ein Turm wurde vor dem Einsturz bewahrt. Allerdings waren die neuen Stromleitungen und Blitzableiter nicht Teil des Projekts. Und erst im Frühjahr hat die schwierigste Phase begonnen - die Restaurierung der Kunstwerke."

Josineia Godinho sitzt auf der Orgelbank vor dem Spieltisch der Orgel in der Kathedrale in Mariana. (Niklas Rudolph)Josineia Godinho am Spieltisch der Orgel in der Kathedrale in Mariana. (Niklas Rudolph)

Es kann also noch etwas dauern, bis die Orgel wieder zugänglich sein wird. Solange liegt sie, sorgsam in ihre Einzelteile verpackt, im Museumsarchiv.

Musik: Dietrich Buxtehude, Praeludium in D minor BuxWV 140, Rainer Oster an St. Jacobi, Hamburg

Eine Orgel aus Hamburg

Die Geschichte der Orgel von Mariana im Herzen Brasiliens beginnt in Hamburg. Um 1700 entsteht sie in der Werkstatt des berühmten Orgelbauers Arp Schnitger. Dieser hatte gerade die größte jemals in Deutschland gebaute Orgel fertiggestellt. In der Hamburger Jacobikirche steht seitdem ein Koloss mit über 4000 Pfeifen. Die Hamburger Kaufleute erzählten auf ihren Reisen von dem Instrument. So gelangte Schnitgers Ruf mit den Handelsrouten bis ins ferne Lissabon. Zu der Zeit waren die Portugiesen eine reiche Seefahrernation und schmückten sich mit prunkvoll verzierten, teuren Orgeln. Gerade mit einem Instrument aus Deutschland ließ sich die weltweite Vorherrschaft der Portugiesen unterstreichen. Der portugiesische König Dom Pedro II. bestellte also zwei Orgeln bei Schnitger. Eine davon steht heute in der Kathedrale von Mariana. Gar nicht so ungewöhnlich, wie es klingt, erzählt Elisa Freixo:

"Es gab Orgeln in Brasilien seit 1557, also immer hat es Orgeln gegeben und die Orgeln existieren nicht in reiche Nummer, wie in Europa, aber es gibt zahlreiche interessante Orgeln."

Verschifft nach Brasilien - ein Glück für die Orgel

Ganze Instrumente wurden über den Ozean bewegt, so wie die Orgel in Mariana. Der portugiesische König machte sie 1754 der brasilianischen Goldgräberstadt zum Geschenk. Gerade rechtzeitig - denn nicht mal ein Jahr später verwüstete ein Erdbeben große Teile Lissabons. Die Orgel wäre wohl unwiederbringlich verloren gegangen.

Elisa Freixo: "Die Orgel ist eigentlich in einem ziemlich guten Zustand gewesen. Immer. Die hat ungefähr 60-65 der Elemente Original. Aber die war dann sehr schmutzig, die kleinen Flöten waren weg, die Zungen haben auch große Probleme gemacht. Termiten waren an den Hölzer, eben Probleme wie jede andere Orgel, wo man anfängt, die Restaurierung kann natürlich eine große Arbeit sein."

In den 70er-Jahren entdeckte der deutsche Organist und Dirigent Karl Richter das Instrument. Die klare Bauweise, die symmetrischen Pfeifen und der kompakte Kasten ließen nur auf einen Hersteller schließen – Arp Schnitger. Das war eine Sensation. Richter sorgte dafür, dass die Orgel in einer Hamburger Werkstatt restauriert wurde – fast ausschließlich mit Originalteilen.

Portugiesische Renaissance-Orgel-Musik

Seitdem ist die Orgel in Deutschland bestens bekannt. Einer der sich besonders intensiv mit ihnen befassst hat, ist der Organist und Arp-Schnitger-Experte Harald Vogel. Dass heute eine Orgel in Marianna steht, verdanken wir vor allem Arp Schnitgers Sinn für gute Geschäfte.

Arp Schnitger-Orgeln - ein besonderes Kulturerbe

Harald Vogel: "Das war ja nach Schnitger so, dass Instrumente weiter exportiert worden, übrigens auch auf die kanarischen Inseln. Wenn die Schiffe von Hamburg nach Südamerika fuhren, hatten sie eben Platz um etwas mitzunehmen. Und so hatten sie ein Handelssystem, in dem Orgeln eine Rolle spielten."

Ginge es nach Harald Vogel, dann sollten die Arp-Schnitger-Orgeln in diesem Jahr von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt werden. Das erste, das sich über zwei Kontinente erstreckt. Doch bisher ist daraus nichts geworden. Aber alles halb so wild, sagt Elisa Freixo, in Brasilien ticken die Uhren sowieso langsamer, das gilt auch für den Verfall der neu restaurierten Orgel in Mariana. Und die Orgelmusik ist jung in Brasilien, sie beginnt gerade erst damit, ihre eigene, nicht-europäische Sprache zu finden.

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