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Auf der Straße, unter Brücken

Vor einem halben Jahr ließ die französische Regierung das als "Dschungel" bekannte Flüchtlingszeltlager bei Calais räumen. Für die illegalen Migranten hat sich die Situation seitdem eher verschlechtert: Sie versuchen verzweifelter denn je, auf die britische Seite nach Dover zu kommen

Von Kerstin Schweighöfer | 19.03.2010

    Vor einem halben Jahr, im September 2009 setzte die französische Regierung ihre lang angekündigte Drohung in die Tat um und machte das Matratzen- und Zeltlager der Flüchtlinge von Calais mit Bulldozern dem Erdboden gleich. Doch auch wenn der sogenannte Dschungel danach nur noch zerfurchte Erde war, sind die illegalen Flüchtlinge geblieben, nicht alle in Calais, aber die meisten in Frankreich. Und nun ein halbes Jahr, nachdem der Dschungel geräumt wurde, ist ihre Situation noch auswegloser, als sie zuvor schon war. Und so versuchen die Flüchtlinge aus dem Sudan, Eritrea, Irak, Afghanistan oder Somalia verzweifelter denn je, auf die britische Seite nach Dover zu kommen.

    Place de Norvege am Stadtrand von Calais, ein Samstagmorgen. Es war eine kalte Nacht, aber immerhin eine trockene. Am Zaun vor den Eisenbahngleisen sitzt eine Gruppe junger Afghanen auf ihren Schlafsäcken am Lagerfeuer. In den Sträuchern haben sie schmutzige Handtücher aufgehängt und Wasserkanister, vor denen sich einige von ihnen im Stehen das Gesicht waschen und die Zähne putzen.

    In der Mitte des Platzes ein weißer Lieferwagen, davor lange Warteschlangen. Der Boden ist mit leeren weißen Plastikbechern übersät.

    Wie immer um diese Zeit teilen Rosie und Michael von der französischen Hilfsorganisation "Salam" Tee und Croissants aus.

    Zufrieden lassen sich die Flüchtlinge auf den Stufen zur städtischen Turnhalle hinter dem Bus nieder, mit dem warmen Tee in der einen und einem Croissant in der anderen Hand. In dieser Halle konnten rund 200 von ihnen in den Wintermonaten übernachten - das hatte "Salam" nach der Schließung des sogenannten Dschungels von Calais durchgesetzt. So hieß das illegale Lager, das sich rund zwei Kilometer weiter nordöstlich im Hafengebiet der Stadt befand. Doch die Turnhalle stand den Flüchtlingen nur bis Ende Februar zur Verfügung, da blieb die Stadt unerbittlich - obwohl das Thermometer anschließend noch mehrmals weit unter null sank, erzählt Sylvie Copyans, die Sprecherin von Salam:

    "Seit der Räumung des Dschungels hat sich die Situation der Flüchtlinge dramatisch verschlechtert! Sie müssen auf der Straße schlafen oder unter Brücken. Unsere Regierung verschließt die Augen und tut so, als habe sie mit der Räumung des Lagers auch die Flüchtlinge selbst beseitigt! Dass es noch keine Toten gegeben hat, liegt nur daran, dass wir morgens und abends Essen austeilen - und dass es sich bei den meisten Flüchtlingen um starke, junge Männer handelt."

    Rund 300 sind es Schätzungen zufolge noch immer. Rastlos ziehen sie durch die Stadt, auch nachts. Denn dann werden sie von der Polizei, die die Bildung neuer Lager um jeden Preis verhindern will, immer wieder aufgescheucht.

    "Einer von uns hat sich auf der Flucht vor der Polizei das Bein gebrochen!", erzählt Táhit. 30 Jahre ist er alt und kommt aus Darfur. Zusammen mit 80 anderen Sudanesen hat er sich in einem alten Sägewerk am Stadtrand von Calais verkrochen.

    "Einer steht Schmiere. Sobald die Polizei kommt, schlüpfen sie durch ein Loch in der Mauer","

    weiß Lena Dingemanse. Die 62-Jährige arbeitet für eine niederländische Hilfsorganisation. Jeden Samstag fährt sie mit einem Auto voller Lebensmittel und Kleider von Rotterdam nach Calais.

    Auch Táhit, der seit fast drei Monaten hier ist, kennt sie inzwischen gut. So wie die meisten will er nach England, sein ganzes Geld hat er dafür ausgegeben, 5000 Darfurpfund:

    " "Ich glaube, in England ist alles besser, das habe ich jedenfalls gehört. Schon wegen der Sprache haben wir es da leichter. Und man kann schneller Arbeit finden. Dann kann ich meinen Geschwistern Geld schicken, dann kommen sie auch. In Darfur ist Krieg, da sind sie ihres Lebens nicht sicher."

    Sprache und historische Bande machen Großbritannien für die Flüchtlinge zum Gelobten Land - vor allem für Afghanen, Sudanesen und Somalier. Viele haben dort Bekannte oder Verwandte: "Logisch, dass sie sich ihnen anschließen wollen", sagt William Spindler. Er ist Sprecher des Flüchtlingskommissariats der Vereinten Nationen UNCHR und sitzt einen Steinwurf entfernt in der Rue de Vic. Dort hat die UNO-Behörde wegen der Missstände in Calais bereits im Sommer 2009 ein Büro eröffnet.

    "Wir verstehen, weshalb der Dschungel geräumt wurde, erstens herrschten dort menschenunwürdige Zustände, zweitens trieben Kriminelle und Schmuggler ihr Unwesen. Aber die Behörden haben keine Alternative geschaffen, das ist das Problem. Gelöst werden kann es nur auf europäischem Niveau. Es sind nicht Frankreich oder die Stadt Calais, die hier ein Problem haben, es ist Europa!"

    Um nach England zu kommen, verstecken sich manche Flüchtlinge im Frachtgut und fahren als blinde Passagiere auf den Fähren mit. Andere krallen sich unter LKW fest oder fahren auf dem Dach des Eurostars mit durch den Tunnel. Wie viele es schaffen, ist unbekannt. Aber Lena Dingemanse bekommt ab und zu eine Karte oder einen Telefonanruf aus England.

    "Natürlich schaffen es manche! Natürlich! Das verbreitet sich hier immer wie ein Lauffeuer, und dann ist der Jubel riesengroß. Im Winter ist es schwieriger, mit klammen kalten Fingern kann man sich nicht so gut festhalten. Aber zum Glück ist der Winter vorbei."