Montag, 06. Februar 2023

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Auf der Suche nach osteuropäischen cineastischen Juwelen

Ein Schwerpunkt auf dem goEast-Filmfestival des mittel- und osteuropäischen Films in Wiesbaden lag auf Ungarn. Beeindruckende Beiträge kamen aber auch aus Russland, Rumänien und Kasachstan.

Von Kirsten Liese | 16.04.2013

    Eine mysteriöse Handlung, eine elegante Femme fatale und düstere Musik: Der Russe Kirill Serebrennikov präsentiert auf dem Wiesbadener goEast-Filmfestival einen Thriller, der in vieler Hinsicht an Altmeister Hitchcock erinnert und alles besitzt, was dieses Genre ausmacht.

    "Verrat" ist bis zur letzten Einstellung ein verrätselter, fesselnder Film um Liebe, Untreue und Tod. Ungewöhnlich ist schon allein die Besetzung. Die deutsche Schauspielerin Franziska Petri beeindruckt mit fließendem, nahezu akzentfreiem Russisch als geheimnisvolle Kardiologin. Sie konnte sich dabei keineswegs auf solide Sprachkenntnisse stützen:

    "Ich konnte – als ich das Filmangebot bekam – vielleicht drei, vier Sätze Russisch sprechen, und hatte ein bisschen Ahnung von der Aussprache. Aber ich konnte nicht russisch sprechen. Das war alles ein ziemlicher Wahnsinn. Ich hatte einen Coach, aber den erst vom ersten Drehtag an. Und ich glaube, es gibt dafür keine Erklärung außer der, dass Kirill das nicht-russisch besetzen wollte, sodass man damit gar nichts verbinden kann und das kann ich auch gut nachvollziehen, weil das so ein universeller Stoff ist, der überall spielen könnte."

    Auf der Suche nach osteuropäischen cineastischen Juwelen landet man vor allem aber immer wieder bei den Rumänen. Adrian Sitaru etwa glückt mit seiner skurrilen Komödie "Domestic" eine bemerkenswerte Reflektion über fragwürdige, paradoxe Beziehungen zwischen Mensch und Tier. Seine illustren Figuren einer exzentrischen Hausgemeinschaft kennen entweder nur Tierhass oder eine übersteigerte Tierliebe. Und erinnern mehr oder weniger an die schrägen Protagonisten in dem Dokumentarfilm "Tierische Liebe" von Ulrich Seidl. Inspirieren ließ sich der Regisseur Sitaru bei seinen Episoden jedoch von persönlichen Kindheitserinnerungen, die ihn bis heute belasten. Wie ein Mädchen in seinem Film hat auch er einmal ein Huhn geschlachtet:

    "Meine Mutter brachte einmal ein lebendes Huhn nach Hause, und dann stritten meine Eltern darüber, wer es schlachten würde. Schließlich handelte ich mit ihnen aus, dass ich es für eine Bezahlung tun würde. Ich wollte möglicherweise beweisen, dass ich sehr mutig bin, und tötete das Tier dann tatsächlich."

    Als Filmemacher hat Sitaru bereits eine eigene markante Handschrift ausgebildet. Und doch lassen sich in seiner Arbeit Einflüsse von Vertretern der rumänischen neuen Welle nicht verkennen, meint Festivalleiterin Gaby Babic:

    "Sehr prägnant sind die langen Plansequenzen und ein relativ dialoglastiges Kino. Wir haben oft Szenen an Familientischen, wo sich mehrere über Minuten unterhalten und die Kamera ohne Schnitt verfolgt die Szenerie."

    Sitarus Landsmann Marian Crisan vermeidet dagegen dezidiert solche langen Dialogszenen. Mögen solche anspruchsvollen, spröden rumänischen Autorenfilme wie zuletzt auch der Berlinale-Gewinner "Die Stellung des Kindes" international große Beachtung finden. Beim einheimischen rumänischen Publikum treffen sie offenbar auf wenig Zuspruch.

    In seinem berührenden Melodram "Rocker" um einen selbstlosen Vater, der sich zum Sklaven seines heroinsüchtigen Sohnes macht, gibt es sogar einen kleinen Seitenhieb auf die rumänische Welle:

    "Das ist eine selbstironische Bemerkung im Hinblick auf eine öffentliche Diskussion darüber, ob die rumänische Welle passé ist oder schlichtweg ein bisschen zu langweilig und artifiziell. Wir sind vielleicht die erste Generation, der das bewusst wird, und sollten das ändern."

    Aufbruchstimmung herrscht auch in Kasachstan. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion lag der Autorenfilm in diesem Land viele Jahre brach, nun erlebt er im Zuge einer stärkeren staatlichen Filmförderung eine vorsichtige Renaissance. Nachdem die Berlinale in diesem Jahr mit "Harmony Lessons" erstmals einen kasachischen Film im Wettbewerb präsentierte, erlebte in Wiesbaden mit Adilkhan Yerazhanovs Drama "Konstrukteure" ein weiteres filmisches Kleinod aus diesem fernen Land seine Weltpremiere auf einem deutschen Festival.

    Der mit schlichten Schwarz-Weiß-Bildern inszenierte leise Film um zwei junge Brüder und ihre kleine Schwester, die nach dem Tod ihrer Eltern heimatlos werden und den Widerständen trotzen, die ihnen das Leben immer wieder bereitet, zählt in Wiesbaden gewiss zu den Favoriten um den begehrten Skoda-Preis.