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StartseiteHintergrundAuf der Suche nach Perspektiven in einem anderen Land13.03.2007

Auf der Suche nach Perspektiven in einem anderen Land

Flüchtlinge in Nahost

Das internationale Flüchtlingshilfswerk UNHCR schätzt, dass täglich bis zu 5000 der rund 26 Millionen Iraker vor der Gewalt in ihrer Heimat fliehen. Viele von ihnen bewegen sich innerhalb der eigenen Landesgrenzen, aber eine große Zahl sucht auch Schutz in den Nachbarländern, vor allem in Jordanien und Syrien. Das verschärft die dort ohnehin schon existierenden sozialen Spannungen.

Von Birgit Kaspar

Irakische Flüchtlinge warten an einem Checkpoint der US-Armee in Falludscha. (AP)
Irakische Flüchtlinge warten an einem Checkpoint der US-Armee in Falludscha. (AP)
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Ein rotes Sofa, vier Sessel ein kleiner Tisch - und natürlich ein Fernseher. Es ist ein bescheidenes, aber sauberes Wohnzimmer in einem kleinen Appartement in Septiyah, im Osten Beiruts. Seit drei Jahren lebt der irakische Flüchtling Nahjat al Obeidi hier mit seiner Frau und seinen drei Kindern.

"Unsere Situation ist sehr schlecht. Mein Sohn hatte Probleme mit ein paar Leuten, sie haben ihm die Nase gebrochen, aber wir können nicht zur Polizei gehen, weil wir Angst haben. Unsere Lage ist schrecklich, ich bin der einzige, der arbeitet."

Nahjat jobbt als einfacher Arbeiter in einer Galerie, der Verdienst reicht kaum zum Überleben. Der Status der al Obeidis ist sehr unsicher, wie bei den meisten irakischen Flüchtlingen im Libanon, in Syrien und in Jordanien. Die Familie aus Bagdad hat keine Aufenthaltsgenehmigung, seit Januar dieses Jahres besitzt sie allerdings ein Papier, das sie als von der UNO-Flüchtlingsorganisation UNHCR anerkannte Flüchtlinge ausweist. Das legalisiert ihren Status im Libanon jedoch nicht, erklärt Stephane Jaquemet, Regional-Vertreter des UNHCR in Beirut, sondern gibt ihnen nur ein wenig Sicherheit:

""Das Dokument des UNHCR hat Bedeutung vor Gericht, denn es gibt eine Empfehlung des libanesischen Justizministeriums, dass von uns anerkannte Flüchtlinge nicht deportiert werden."

Daran klammern sich die al Obeidis, denn noch mehr Angst als vor den libanesischen Behörden haben sie vor einer Zwangsausweisung in den Irak. Die sunnitische Familie war kurz nach Beginn des Irak-Krieges 2003 in den Libanon geflohen. Nahjat, Soldat in der irakischen Armee und in Saddam Husseins Republikanischer Garde, wollte am Krieg nicht teilnehmen. Weil er aber ohne gültigen Ausweis in den Libanon gekommen war, wurde er ein Jahr später zurückgeschickt. In Bagdad begrüßte ihn ein Freund mit der Warnung, er stehe auf der schwarzen Liste der schiitischen Mahdi-Armee, einer radikal-islamischen Miliz. Als Nahjat und seine Frau eines Abends auf dem Weg zu einer Einladung waren, stoppten Unbekannte ihr Auto.

"Sechs Männer standen vor mir, ich wollte meine Frau verteidigen, doch einem von ihnen gelang es, mir mit einem Messer in Magen und Unterleib zu stechen. Ich verlor das Bewusstsein, dann kidnappten sie meine Frau."

Nahjat zeigt seine zwei jeweils 15 Zentimeter langen, tiefen Narben. Die 34-jährige Lamia sitzt wie versteinert neben ihrem Mann auf dem Sofa, die blond gefärbten langen Haare rahmen ihr trauriges Gesicht ein. Nahjat schießen Tränen in die Augen.

"Ich hörte nichts von meiner Frau, drei Tage lang. Dann kam sie und wollte mir nicht sagen, was ihr zugestoßen war. Sie war vergewaltigt worden."

Die al Obeidis flohen erneut in den Libanon. Sie hoffen nun, dass das UNHCR ein Aufnahmeland für sie findet. Denn eine Rückkehr in den Irak ist unmöglich, sagt Nahjat.

"Selbst wenn Gott mir sagen würde, der Irak hat sich in ein Paradies verwandelt, ich werde niemals zurückgehen. Nach allem, was ich und meine Frau durchgemacht haben, es ist vollkommen unmöglich."

Schätzungen des UNHCR zufolge haben zwischen 20.000 und 40.000 Iraker im Libanon Zuflucht gesucht. Die Zahl steigt täglich, die meisten reisen über Syrien ein, wo bereits rund eine Million irakische Flüchtlinge leben. Insbesondere als Damaskus die Einreise- und Aufenthaltsbeschränkungen verschärft hatte, habe man im Zedernstaat einen stärkeren Zustrom gespürt, erklärt Jaquemet. Die libanesische Regierung zeige zwar Verständnis, habe aber Bedenken, dass sich die ohnehin angespannte innenpolitische Lage weiter verschlechtern könne, denn:

"Sie wollen nicht die Türe öffnen und am nächsten Tag hat sich die Zahl der Iraker trotzdem verdoppelt. Die Aufenthaltsdauer hängt von der Situation im Irak ab. Und die ist sehr ernst: Wir sehen hier konfessionelle Gewalt, und aus der Geschichte haben wir gelernt, dass die Lösung dieser konfessionellen Konflikte eher Jahre als Monate dauert."

Im Libanon gibt es zunehmende Spannungen zwischen Sunniten und Schiiten. Vereinzelte Gewaltausbrüche in den vergangenen Monaten lösten in Beirut Angst vor einer Rückkehr zum Bürgerkrieg aus.

"Die libanesische Regierung würde sich einerseits gerne großzügig gegenüber den irakischen Brüdern zeigen, andererseits hat sie Angst, dass irakische Verhältnisse ins eigene Land kommen könnten."

Das UNHCR schätzt, dass täglich zwischen 2000 und 5000 der rund 26 Millionen Iraker vor der Gewalt fliehen. Viele von ihnen bewegen sich innerhalb der eigenen Landesgrenzen, aber eine sehr große Zahl sucht Schutz in den Nachbarländern, vor allem in Jordanien und Syrien. Rund zwei Millionen Iraker, knapp 20 Prozent der irakischen Bevölkerung, leben inzwischen in den Nachbarstaaten, so Stephane Jaquemet von der UN-Flüchtlingshilfsorganistaion:

"Das UNHCR hat vor wenigen Wochen in einem Gutachten festgestellt, dass angesichts des Ausmaßes der Gewalt jeder Iraker aus dem Süden oder dem Zentrum des Landes als Flüchtling anerkannt werden sollte."

Die wahllose Gewalt hat einen Grad erreicht, wo man von den Menschen nicht mehr erwarten kann, im Irak zu bleiben, sagt Jaquemet. Diese Entwicklung trifft eine Region, die ohnehin noch zwei weitere Konfliktherde hat: die Palästinensergebiete und der Libanon. Das verschärft die Lage-

"Ich betrachte das Schicksal der Iraker als humanitäre Krise, aber auch die Lage der Palästinenser stellt seit nunmehr fast drei Generationen eine humanitäre Krise dar. In der Region herrscht große Angst, dass wir ein zweites Problem palästinensischer Größenordnung bekommen werden, falls die Krise im Irak nicht sehr schnell gelöst wird."

Diese Sorge teilen vor allem die Jordanier. Mit fast zwei Millionen registrierten Palästinenser-Flüchtlingen trägt das kleine Wüstenkönigreich seit Jahrzehnten einen großen Teil des Palästinenser-Problems, es ist nun mit rund 700.000 irakischen Flüchtlingen erneut stark betroffen. Regierungssprecher Nasser Judeh will die beiden Flüchtlingsprobleme zwar nicht miteinander vergleichen, er räumt aber ein:

""Das ist unsere große Sorge, wenn internationale Organisationen uns auffordern, dass wir eine Politik der offenen Tür gegenüber den Irakern verfolgen sollen. Deshalb können wir das nicht akzeptieren, wir brauchen Regulierung und Kontrolle, wir können nicht einfach Menschenmassen einreisen lassen, ohne das sie Teil eines Prozesses sind."

Für Judeh ist klar, dass Jordanien mit seinen sechs Millionen Einwohnern die eigenen Sicherheitsinteressen in den Vordergrund stellen muss. So lassen sich wohl auch die Berichte von Irakern erklären, dass in den letzten Wochen immer mehr Einreiswillige an der Grenze abgewiesen würden. Doch Regierungssprecher Judeh betont, es finde eine individuelle Einzelfallprüfung statt.

"Die Präsenz einer solch großen Zahl von Irakern ist eine Bürde für die jordanische Infrastruktur und unsere Ressourcen. Unsere Infrastruktur ist bereits stark belastet, und wir haben sehr begrenzte natürliche Ressourcen, insbesondere Wasser."

Jordanien benötigt internationale Unterstützung, um besser mit der Situation fertig zu werden. Die Staaten in der Region, die die Flüchtlinge aufnehmen, fordern neben finanzieller Hilfe, dass auch westliche Staaten mehr Bereitschaft zur Aufnahme irakischer Flüchtlinge zeigen. Die internationale Gemeinschaft müsse sich mit diesem Problem auseinandersetzen, so Stephane Jaquemet vom UNHCR:

"Nehmen sie ein Land wie Jordanien, wenn es so weiter geht werden hier mehr Flüchtlinge als Jordanier leben. Das ist nicht akzeptabel. Wir können nicht von Ländern wie Jordanien, Syrien und auch dem Libanon erwarten, dass sie das Problem alleine schultern."

Und die Iraker sind nicht die einzigen in der Region, die versuchen vor Gewalt und politischer Krise zu fliehen. Auch in den Palästinensergebieten wollen immer mehr Menschen einer aussichtslosen Zukunft entkommen.

Maher Rabie mixt einen Erbeer-Milch-Shake für seine Frau Rania. Einen Gast konnte er in seiner Pizzeria in Beit Jala bei Bethlehem heute noch nicht begrüßen.

"Wir haben früher zu sechst im Restaurant gearbeitet und waren immer beschäftigt. Heute sind wir zu zweit und sitzen tatenlos herum. Die palästinensische Wirtschaft existiert nicht mehr, sie ist erledigt."

Maher ist vor fünf Jahren mit seinen drei schulpflichtigen Kindern aus den USA nach Beit Jala zurückgekehrt, weil seine Mutter Pflege benötigte. Er hat in diesen fünf Jahren versucht, eine Existenz aufzubauen.

"Es war die Hölle auf Erden. Manchmal machen wir Witze darüber und sagen, wenn wir in der Zukunft in die Hölle kommen sollten, dann wissen wir wenigstens schon, wie sie aussieht."

Zwei Drittel der Palästinenser leben nach Angaben der britischen Hilfsorganisation Oxfam in Armut. Das westliche Embargo, nach der Wahl der Hamas-Regierung vor einem Jahr, hat die Lage weiter verschlechtert. Das Problem ist aber nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die mangelnde Sicherheit: Es gibt keine Regierung und dann ist da auch noch die israelische Mauer, sagt Maher:

"Stellen Sie sich vor, wie sich das anfühlt, wenn Sie diese Mauer sehen, die täglich länger wird und sich wie eine Schlange um sie herumwindet. Das Westjordanland ist abgeschnitten, man kann nicht von einem Ort an den anderen gelangen. ohne an Checkpoints gedemütigt zu werden. Es gibt keine Hoffnung."

Jetzt wartet er nur noch ab, ob die nächste Sommersaison besser wird.

""Wenn der Sommer nicht funktioniert, dann war es das, dann gehe ich zurück in die Staaten."

Die Palästinenser in Bethlehem, Beit Sahhour und Beit Jala dürfen den Bereich dieser drei Ortschaften ohne israelische Sondergenehmigung nicht verlassen. Die acht Meter hohe Mauer, die Israel mit der Begründung errichtet, sie schütze die Israelis vor palästinensischen Selbstmordattentätern, schließt das Gebiet nun fast ganz ein. Für Mitri Raheb, Pfarrer der evangelisch-lutherischen Weihnachtskirche in Bethlehem, ist die Mauer ein weithin sichtbares Zeichen der Ausweglosigkeit.

"Wenn sie erst einmal fertig ist, dann wird es genau drei Zugänge nach Bethlehem geben. Bethlehem wird dann im Grunde ein zehn Quadratkilometer großes Open-Air-Gefängnis sein."

Auch die Sozialarbeiterin Hiam Abu-Dayyeh will ihre Heimat verlassen und nach Deutschland gehen, wenn sie eine Möglichkeit findet. Sie ist seit Anfang des Jahres arbeitslos und zunehmend deprimiert.

"Diese Mauer hat viele Menschen voneinander getrennt. In Berlin ist diese Mauer weg gegangen, und es wurde bei uns gebaut. Wir haben hier nicht viel. Wir haben keine Regierung, keine Autonomie, die streiten unter sich, die Menschen fühlen sich nicht wohl, wir fühlen uns unsicher, wir haben keine Perspektive."

Immer mehr Palästinenser wollen das Land verlassen, weil sie am Ende ihrer Kräfte seien, so Hiam. Die An-Najah-Universität in Nablus erstellte Ende 2006 eine Umfrage, der zufolge jede dritte Familie auswandern will. Die meisten begründeten dies mit der wirtschaftlichen Lage, der Gesetzlosigkeit und der politischen Krise sowie der Angst vor einem Bürgerkrieg. Das gilt nach Ansicht von Bernard Sabella, Soziologe an der Universität Bethlehem auch für die Christen. Er schätzt, dass von den derzeit rund 50.000 Christen in den Palästinensergebieten jährlich etwa zwischen 50 und 75 Familien ihre Heimat verließen. Die wenigsten fühlten sich von der moslemischen Mehrheit oder der Hamas bedroht, sie suchten einfach einen Ausweg, so die Sozialarbeiterin Hiam.

"Es darf nicht weitergehen, dass es so ist, weil diese politische und wirtschaftliche Lage uns alle krank macht. Und eines Tages wird Palästina, wenn die Lage so bleibt, ein psychisches Krankenhaus sein."

Dass es so nicht weitergehen darf, ist auch im Libanon ein weit verbreitetes Gefühl.

Der Generator der Familie Mansour brummt an diesem regnerischen Tag in Aitaroun, einem libanesischen Dorf nahe der israelischen Grenze. Der Wiederaufbau geht nur langsam voran, der 20-jährige Ahmed Mansour ist verbittert. Schon vor dem Krieg sei das Leben im verarmten Südlibanon schwierig genug gewesen.

"Seit dem Krieg ist es schrecklich. Kein Geld, keine Ausbildung, niemand hilft uns. Alle jungen Männer in meinem Alter wollen den Libanon verlassen. Ich versuche ein Visum zu bekommen, ich will hier nicht bleiben."

Er will nach Deutschland auswandern, dort lebt ein Cousin, der könnte ihm helfen, hofft Ahmed.

"Jeder glaubt, dass ein neuer Krieg kommt, diesmal nicht mit Israel sondern intern, zwischen Sunniten, Schiiten und Christen."

Der Trend ist klar, viele der vier Millionen Libanesen wollen weg. Eine kürzlich erstellte Studie des "Lebanese Emigration Center" belegt, dass 60 Prozent der Befragten entschlossen seien, das Land wegen des Krieges im Sommer 2006 und der andauernden innenpolitischen Krise zu verlassen. Der Englisch-Lehrer Jad Haider will ebenfalls nach Deutschland:

"Was bedeutet Heimat? Ich habe keine Idee mehr, es bedeutet nichts mehr für mich. Ich habe keine Freunde hier, die sind alle verlassen. Arbeit ist ganz schwierig zu kriegen, und wenn man sie kriegt, dann arbeitet man acht bis zehn Stunden und kriegt genug Geld, um rumzugehen, und essen. Ich bin 32, wie lange kann ich das noch machen? Ich kann das nicht mehr machen."

Er liebt sein Land sehr, aber er kann die zunehmende Konfessionalisierung nicht mehr ertragen. Er will nicht als Schiit durch die Welt gehen, sondern als Mensch. So wie Jad Haider denken viele, deshalb verzeichnen einige westliche Botschaften auch eine steigende Nachfrage nach Emigrationsmöglichkeiten. Zahlreiche Libanesen besitzen zudem einen zweiten Pass. Es seien vor allem gut Ausgebildete, zwischen 25 und 50, die ihr Glück anderswo suchten. Headhunterin Carole Contavelis spürt das in ihrem Berufsalltag:

"Ich habe einen Generalmanager für eine Firma im Libanon gesucht, ein hoch qualifizierter Job. Als ich versuchte, 22 mögliche Kandidaten von meiner Liste zu kontaktieren, hatten 10 schon das Land verlassen."

Es ist die Aussichtslosigkeit der Situation, die viele Menschen im Irak, in den Palästinensergebieten und im Libanon dazu bewegt zu fliehen oder auszuwandern. Die Kombination dieser drei Konfliktherde macht die Lage im Nahen Osten so explosiv, sagt Stephane Jaquemet vom UNHCR:

"Ich denke, wir müssen uns dem Kern zuwenden und alle drei Probleme, entweder zusammen oder einzeln ernsthaft angehen. Zu glauben, wir könnten einfach so weiter machen, business as usual, ist kurzsichtig. Ich persönlich denke, wenn wir keine Lösung finden, dann wird der Flüchtlings- und Migrationsstrom weiter fließen."

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