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Auf Stimmenfang im Wahlkreis der Kanzlerin

Der vielleicht langweiligste Wahlkreis Deutschlands liegt in Vorpommern und schickt seit 1990 dieselbe Kandidatin nach Berlin: Angela Merkel. Ihre SPD-Herausforderin Sonja Steffen geht das ungleiche Duell im Straßenwahlkampf an.

Von Peter Marx | 15.08.2013

Warten auf die Kanzlerin. Viele der zweitausend Besucher stehen seit Stunden in der prallen Sonne von Zingst. Sie vertreiben sich die Zeit, wie es Touristen gerne im Urlaub machen: "Schatzi, mach mir ein Foto". Wenn nicht mit der Kanzlerin, dann wenigstens mit dem Konterfei von Merkel, aufgeklebt auf einem schwarzen Bus.

Hälse recken sich, schauen entlang der Einkaufsmeile und dem kilometerlangen Deich der Ostsee-Gemeinde. Doch die Gesuchte kommt von der Wasserseite, direkt vom Strand.

"Super Anblick und Danke dass Sie sich einen Augenblick Zeit genommen haben eine Strandpause einzulegen. Der Strand ist ja toll, ich war gerade eben bei der DLRG."

Fast unbemerkt ist Angela Merkel auf der Bühne erschienen. Die CDU-Politikerin lächelt, kommt gleich auf den Punkt:

"Das ist ein Wahlkreis, bei dem viel Landwirtschaft dabei ist inklusive Fischerei mit vielen Problemen. Wir haben Schiffbau in Stralsund und da gibt es im Augenblick auch große Sorgen."

Der Ausflug von Merkel in die Lokal- und Landespolitik von Mecklenburg-Vorpommern ist für die Wähler ihres Wahlkreises gedacht. Doch nur wenige sind da. Im Ostseebad ist Hochsaison. Trotzdem: frenetischer Applaus von den Urlaubern. Die Kanzlerin ist heute die Attraktion von Zingst, wie gestern die Modenschau und vorgestern ein Schlagersänger.

"Zu aller erst sind wir im Urlaub hier und freuen uns, dass wir aus nächster Nähe die Kanzlerin erleben. Ja, wo hat man schon mal die Möglichkeit, die Kanzlerin zu sehen. Und das in seinem Urlaub. Na, wie sie die Schulden in Griff kriegen will, das ist für mich immer interessant. Jetzt würde ich gerne eine Autogrammkarte haben für meinen Enkelsohn. Ich bewundere die Kanzlerin."

Keine Musik, keine Polizei, keine Bühne. Nur ein Gartentisch in der Fußgängerzone der alten Hansestadt Stralsund. Zwei rote SPD-Fahnen, drei Helfer. Dazwischen Sonja Steffen, die in ihrer Handtasche wühlt. Zwei T-Shirts hat sie darin. Welches soll sie jetzt tragen? Ein rotes oder ein rosarotes. Die Entscheidung fällt schnell:

"Rot ist ja nun mal unsere Farbe, also meistens ist es rot."

Die 49jährige Steffen ist die Hauptkonkurrentin der Kanzlerin. Bereits vor vier Jahren trat die gelernte Juristin gegen Merkel an und scheiterte mit gerade mal 12 Prozent Zustimmung, während Merkel ihr Spitzenergebnis von 49,3 Prozent holte. Trotzdem rückte die 49jährige über die Liste in den Bundestag. Die Nummer eins auf der Landesliste ist sie, die Nummer zwei im Wahlkreis will Steffen nicht bleiben:

"Der Vorteil ist natürlich, dass man einen Wahlkreis hat, der auch relativ interessant ist, der bundesweit ganz interessant ist. Ja, man ist halt ein bisschen im Fokus, gibt halt ganz interessante Gespräche. Ja Nachteil. Es ist natürlich unglaublich schwer, gegen diesen Kanzlerbonus hier anzukommen. Das ist schon so, das kann man sich jetzt auch nicht schön denken."

Während Angela Merkel versucht mit repräsentativen Terminen bei den Wählern zu punkten, etwas mit der Einweihung eines Uni-Gebäudes, zieht es Steffen mehr zu denen, die mit der Bundespolitik hadern. Auf der Straße spricht sie mit Studenten über BAföG-Sätze und mit älteren Frauen über Renten. Ihre Wahlkampfthemen sind entsprechend:

"Die prekäre Situation der Menschen hier. Den Leuten geht es hier nicht gut und deshalb bin ich eine große Verfechterin der Mindestlöhne. Das zweite Thema, das hier auch zu Recht ganz groß ist, ist die Frage der Angleichung der Ostrenten an die West-Renten und überhaupt die Angleichung der Lebensverhältnisse."

Die Trommelschläge und Sphärenklänge dringen bis in die hintersten Hausreihen des Ostseebades Binz auf der Insel Rügen. Angela Merkel marschiert ein, umfächert von Landesministern, Landräten und Bürgermeistern. Wieder sind über 2.000 Besucher auf der Kurpromenade. Während das Publikum noch über die Musik rätselt. "Wie bei einem Boxkampf" steigt die CDU-Vorsitzende gleich in die Bundespolitik ein:

"Da gibt es einen großen Unterschied zwischen Rot/Grün und der CDU und der FDP. Wir sagen, wenn wir die höchsten Steuereinnahmen haben, dann sollte der Stadt nicht die Steuern erhöhen, weil es dann passieren kann, dass die Unternehmen verunsichert sind, vielleicht sogar abwandern, und wir trotz Steuererhöhungen zum Schluss weniger Steuern im Staatssäckel haben, weil die Wirtschaft nicht floriert und die Arbeitslosigkeit steigt. Und das müssen wir verhindern."

Nach vier Stunden Einsatz in eigener Sache brennen der SPD-Wahlkreiskandidatin Sonja Steffen die Füße. Die Vorräte an Broschüren und Kugelschreibern gehen langsam zu Ende, der letzte Muffin mit der Aufschrift SPD, gebacken von der Tochter, ist für sie selbst. Ein weiterer Unterschied zur Kanzlerin:

"Ich mag richtig gerne Straßenwahlkampf. Das gibt einem ein unheimlich familiäres Gefühl und man kommt auch mit den Leuten zum Quatschen. Mir persönlich ist da viel sympathischer."

Mehr als zwölf Prozent Stimmenanteil. Das ist das Ziel von Sonja Steffen. Ob sie es erreicht, hängt weniger von der Kanzlerin ab, sondern mehr von ihren zwei ernsthaften Mitbewerberinnen Kerstin Kassner (Die Linke) und Claudia Müller von den Grünen. Alle drei kämpfen um das gleiche Wählerpotenzial, während Angela Merkel sicher sein kann, dass ihre Stammwähler aus Vorpommern das Kreuz wieder an der richtigen Stelle machen, ganz gleich wie oft bzw. wie wenig sich die Kanzlerin in ihrem Wahlkreis zeigt.