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Aus der Jahrhundertflut gelernt

Wegen des anhaltenden Tauwetters und starker Regenfälle bleibt die Hochwasserlage an der Elbe in Sachsen und an der Donau in Bayern angespannt. Auch in der Slowakei, in Polen und in Tschechien wurde in einigen Landesteilen Katastrophenalarm ausgerufen. Mit Millionenaufwand hat Prag nach dem Jahrhunderthochwasser 2002 Schutzsysteme installiert, die in diesem Frühjahr zum ersten Mal im Einsatz sind. Kilian Kirchgeßner berichtet.

Von Kilian Kirchgeßner | 31.03.2006

Die Pumpe läuft schon seit drei Tagen, erzählt der Feuerwehrmann, der erschöpft an der Moldau seinen Dienst versieht. Wie viel Liter er mit seinen Kollegen schon gepumpt hat, weiß er nicht genau, richtig viel sei es auf jeden Fall gewesen. Das Team von der Feuerwehr bewacht einen neuralgischen Punkt in Prag: Mitten in der Altstadt haben sie Stellung bezogen, wenige Schritte entfernt spannt sich die Karlsbrücke über die Moldau. Der träge Fluss ist reißend geworden, er führt sechsmal mehr Wasser als an normalen Tagen und hat die ersten Terrassen schon überspült, über die im Sommer die Touristen flanieren. Gefährlich schwappen sie Wassermassen an die Mauern der angrenzenden Häuser heran, aber mehr wird nicht passieren. Das sagt zumindest Lukas Herold, der bei der Prager Stadtverwaltung die Schutzmaßnahmen überwacht.

"Prag hat seit dem Hochwasser von 2002 viel dazugelernt. Wir haben eine bessere Koordination der Einsätze. Wir haben fertig ausgearbeitete Krisenpläne. Wir haben Evakuierungsstrategien. Und die Stadt hat 2,5 Milliarden Kronen, also fast 100 Millionen Euro, für den Hochwasserschutz ausgegeben. Wir sind wirklich sehr gut vorbereitet."

Gerade rechtzeitig sind die Schutzeinrichtungen fertig geworden. Nicht einmal ein Jahr ist es her, dass die Katastrophenschützer zum ersten Mal sämtliche neuen Systeme getestet haben. Das Hochwasser jetzt ist der erste Ernstfall. Gleich bei den ersten Gefahrenmeldungen hat die Stadt reagiert. Ganze Hundertschaften von Feuerwehrleuten haben im Altstadtgebiet mobile Spundwände aufgebaut, wuchtige Stahlkonstruktionen, die überall dort das Wasser zurückhalten sollen, wo das Ufer besonders niedrig ist. Vor allem die Insel Kampa und die berühmte Kleinseite sind stark bedroht, außerdem einige Stadtbezirke etwas außerhalb des Zentrums. Dass das Hochwasser nach der großen Überflutung von 2002 so schnell wieder zurückkommen würde, hat wohl niemand in Prag erwartet.

"Das ist schlimm, dass es wieder so schnell steigt. Zum Glück betrifft es uns nicht direkt, wir wohnen in Hanglage hier in der Nähe", meint eine junge Frau. Ein älterer Mann ist weniger gut dran, er wohnt im bedrohten Gebiet. Trotzdem gibt er sich entspannt: "Sehen Sie da vorne die Schutzwälle, das ist alles unter Kontrolle, sagt er zuversichtlich. Das wird wieder gut."

In großen Gruppen drängen sich die Prager über die Brücken in der Altstadt, um sich ein eigenes Bild von der Situation zu machen. Eine ältere Dame ist mit ihrer kleinen Enkelin zu einem Spaziergang aufgebrochen und zeigt vom Geländer aus nach unten auf die wild schäumende Moldau.

"Man wird traurig, wenn man das sieht", sagt sie. "Wir in Prag haben ja diesmal wohl Glück gehabt. Viel schlimmer hat es die Gebiete auf dem Land getroffen. Ich habe selbst in Mittelböhmen ein Wochenendhaus, da ist der Keller schon voll gelaufen."

Bei Sachschäden ist es allerdings nicht überall geblieben. In Mähren hat die Flut ihr erstes Todesopfer gefordert. Ein fünfjähriger Junge wurde von den Wassermassen mitgerissen. In verschiedenen Dörfern in Tschechien haben die Behörden insgesamt 10.000 Menschen evakuiert. Die meisten konnten inzwischen schon wieder in ihre Häuser zurückkehren. In Prag allerdings geben die Behörden noch keine Entwarnung. Mindestens das Wochenende über sollen die Feuerwehrleute an der Moldau noch im Einsatz bleiben. Die Besitzerin eines kleinen Souvenirladens auf der Kleinseite erzählt, dass sie derzeit nachts nicht einschlafen könne.

"Wir wohnen noch nicht so lange hier. Die letzte Flut haben wir also nicht mitgemacht. Das Geschäft aber, das vorher hier drin war, ist wegen des Hochwassers damals pleite gegangen. Der ganze Laden stand unter der Wasser. Alles war kaputt. Und die Versicherung hat nichts davon bezahlt. Ich hoffe, die Rettungskräfte haben dazugelernt."