Freitag, 01. Juli 2022

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Ausstellung über Flüchtlinge
Katastrophentourismus mit Kunstbonus

Im New Yorker Museum of Modern Art werden derzeit Arbeiten von Künstlern, die das Flüchtlingsdasein thematisieren, gezeigt. Ziel ist es, das Publikum aus dem Schlummer der Privilegierten zu rütteln. Das Resultat ist jedoch der reinste Zynismus und die Ausstellung geschmacklos, findet Sacha Verna.

Von Sacha Verna | 09.10.2016

Der Eingang zum MoMa - Museum of Modern Art - in New York City.
Kunst, die unter dem Vorwand des Engagements mit menschlichem Elend operiert, ist problematisch, meint die Autorin. (imago/Levine-Roberts)
Das Museum of Modern Art in New York beleuchtet die ästhetische Seite von Vertreibung und Obdach – mit äußerst fragwürdigem Resultat. Er habe Architekten, Designer und Künstler zusammenbringen wollen, sagt Kurator Sean Anderson:
"Architekten und Designer entwerfen die Formen, die Menschen vorübergehend Schutz gewähren, während Künstler fragen, was Schutz überhaupt bedeutet. Das heißt, die beiden Seiten ergänzen einander."
Versammelt hat Anderson im Museum of Modern Art rund fünf Dutzend Gegenstände aus dem Alltag von Flüchtlingen und Arbeiten von Künstlern, die das Flüchtlingsdasein thematisieren.
Gegenstände aus dem Alltag von Flüchtlingen
In der Mitte des Ausstellungsraumes steht die Notunterkunft, die IKEA für das UNO-Hochkommissariat für Flüchtlinge entworfen hat. Das Gebilde aus Stahl, Plastik und Polyamid ist aber nur eines von unzähligen Modellen, die auf der ganzen Welt eingesetzt werden. Fotografien zeigen auch Iglu-artige Bauten aus Sandsäcken, Schiffscontainer und Behausungen, die mitten in der Wüste wie eine riesige Kolonie abgedeckter Treibhäuser aussehen.
Flüchtlingslager scheinen überhaupt ein beliebtes Sujet von Fotografen zu sein. Die einen reklamieren mit ihren Aufnahmen einen künstlerischen Mehrwert. Andere arbeiten für Hilfswerke, ihre Bilder dienen der Dokumentation. In musealer Umgebung verlieren sich solche Unterscheidungen. Das Dargestellte verpufft gleichermaßen in wirkungsloser Symbolik.
Eine Wand ist mit Aufnahmen von Booten voller Menschen kurz vor dem Ertrinken gepflastert. Dabei handelt es sich um anonyme Fotos aus dem Internet, die die amerikanische Künstlerin Xaviera Simmons zusammengestellt hat. Dem Schildchen daneben ist zu entnehmen, dass das Werk einem Sammlerehepaar in Miami gehört. Ob dieses Arrangement sonst wohl das Wohnzimmer des Paares ziert? Vielleicht in der Nähe eines Plasmafernsehers, auf dem gelegentlich CNN mit ähnlichen Bildern läuft?
Mangel an Schamgefühl
Von der Inderin Reena Saini Kallat stammt eine komplizierte Installation aus Kabeln, die zu einer Art Stacheldraht verknüpft sind, und Lautsprechern, aus denen das Heulen von Alarmsirenen und Schießgeräusche erklingen. Unweit davon liegen auf Podest farbige Plastikbänder, wie sie die Organisation "Ärzte ohne Grenzen" benutzt, um den Oberarmumfang von Flüchtlingen zu messen. Hier werden die Streifen als Teil der museumseigenen Design-Abteilung identifiziert.
Das erklärte Ziel von Ausstellungen wie diesen ist es, das Publikum aus dem Schlummer der Privilegierten zu rütteln. Das Resultat ist jedoch der reinste Zynismus. Kunst, die unter dem Vorwand des Engagements mit menschlichem Elend operiert, ist an sich schon problematisch. In der zweiten Etage des Museum of Modern Art den Design-Aspekt blau-weisser Packungen mit Wasserreinigungstabletten zu beleuchten, als handelte es sich dabei um eine Vase von Alvar Aalto, ist geschmacklos.
Und von einem schlichten Mangel an Schamgefühl zeugt diese bunte Mischung aus ästhetisiertem Elend und Objekten, von denen in einer offensichtlich Galaxien weit entfernten Wirklichkeit Menschenleben abhängen. Das ist kein Appell an unser Gewissen, sondern Anstiftung zum Katastrophentourismus mit Kunstbonus.