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StartseiteCorsoZurück in die Zukunft10.04.2015

Ausstellung über technische UtopienZurück in die Zukunft

Zahnrad, Dampfmaschine, tickendes Uhrwerk: Im Dortmunder U läuft die Ausstellung "Das mechanische Corps. Auf den Spuren von Jules Verne". Gezeigt werden technologische Utopien des frühen Industriezeitalters als retrofuturistischer Trend in Kunst, Design, Literatur und Mode.

Von Peter Backof

Das leuchtende Dortmunder U bei Nacht. (picture alliance / dpa - Rolf Vennenbernd)
Das Dortmunder U, Zentrum für Kunst und Kreativität. (picture alliance / dpa - Rolf Vennenbernd)
Weiterführende Information

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So könnte sie geklungen haben, die Äther-Akustik aus dem Roman von Jules Verne. Andreas Gerth aus Berlin hat sie generiert, mit alter Technik. Steuerspannungen, die sich gegenseitig modulieren. Im Prinzip die Methode Jules Verne. Man setze sich in Kenntnis über den aktuellen Stand der Wissenschaft und leite daraus – logisch bis fantastisch – ab, was die Zukunft bringen könnte. Beim zweiten Hinhören klingt es stark nach der elektronischen Musik, die tatsächlich um 1960 in Paris entstand. Eine Zeitreise: Andreas Gerth denkt fünfzig Jahre zurück, Jules Verne hatte hundert Jahre vorausgedacht, meint Inke Arns, Leiterin des Hartware-Medienkunst-Vereins:

"Eine sehr spannende Geschichte bei Jules Verne. Der hat ja diesen Roman geschrieben, 'Paris im 20. Jahrhundert'. Und der Verleger hat den in einem Safe verschlossen, weil er gesagt hat: Diese Zukunftsvision können wir unserem gegenwärtigen Publikum nicht zumuten."

Paris 1960: Künstler sind ersetzt durch Maschinen, die diese Äther-Akustik produzieren: Ohne Sinn und Zweck, wertet Jules Vernes Romanheld, der letzte, "echte" Wissenschaftler - pessimistisch: Gläserne Wolkenkratzer, Taschenrechner, eine Art von Internet - wozu? 'Paris im 20. Jahrhundert', 1863 geschrieben, wurde 1994 publiziert. Laut Taschenrechner: 131 Jahre nach Entstehung. Bis dahin war das Manuskript von Verlag und Erben vergessen worden.

Retrospektive alter Futurismusideen

Alte bis sehr alte Science Fiction ist deshalb so interessant, weil, wie wir heute retrospektiv betrachtet wissen, vieles Prophezeite auch eintrifft. Anderes aber ganz offensichtlich nicht: Jules Verne hat Raketen und Jets eben nicht vorausgesehen. Auf den Mond gelangte er durch einen Kanonenschuss. Wir sind jetzt in der Ausstellung 'Das mechanische Corps – auf den Spuren von Jules Verne'. Rund vierzig aktuelle Werke sind zu sehen und überall fehlt etwas, irgendein Glied in der Kette von Erfindungen über die Jahrhunderte.

"Es ist ein wirklicher Gegentrend, der hier aufgemacht wird. Massive Maschinen, riesige Maschinen, sehr schwere Objekte."

Ganz raffiniert ist "Abraham 1" von Viron Erol Vert: ein Satellit aus Messing, der schimmert wie ein mittelalterlicher Reliquien-Schrein. Der deutschtürkische Künstler packt ein ganzes Universum in die Schale: Es geht um den Mythos vom fliegenden Teppich Salomons, beziehungsweise Suleimans, bis hin zum ganz aktuellen quantenphysikalischen Durchbruch. Das Design von "Abraham 1" orientiert sich am Modell des "Amplituhedrons", ein Modell der theorethischen Physik mit vier Pfeilen, also einer mehr, als das Koordinatensystem aus Länge, Höhe, Breite, hat.

"Das ist so eine kristalline, geometrische Form und mit der kann man viel vereinfachter die nächste Dimension berechnen. Das wird also in der Quantenphysik ganz große Veränderungen geben oder hat es schon."

Vieles schon vorhergesehen

Extrem verkürzt gesagt ein Kanonenschuss für die Naturwissenschaft: Raum und Zeit sind ja irgendwie ineinander verwoben, wissen wir seit Einstein und Hawking. Entsprechend funkeln im "Abraham1" Sterne im Inneren. Astronomen hoffen mithilfe der Amplituhedron-Formel bald neue Erkenntnisse über die Gestalt des Universums zu gewinnen. Viron Erol Vert macht Kunst daraus: Wieder diese Methode Jules Verne: Logisch und fantastisch: Die vierte Dimension: Könnten Zeitreisen vielleicht doch irgendwann möglich sein?

Das Zeitalter der industriellen Revolution aus Messing, Stahl, Wurzelholz und Dampf gehört, zurück in der Zukunft seit den 1990ern, zur Popkultur. "Steamboy", so heißt der Held des Animé-Films von Katsuhiro Otomo. Er revoltiert und pubertiert gegen linearen Fortschritt, will nicht die Summe aller Superkräfte haben, die im 20. Jahrhundert erfunden wurden bis hin zum Cyberpunk in 3-D. Er ist lieber ein etwas langsamerer Steampunk im 2-D Zeichentrick, mit Schweißerbrille und fliegendem Dampfmaschinen-Skateboard: Zumindest optisch ist das aktuell große Inspiration für internationale Jugendmode. Dampf statt Laser: Langsamer - besser?

"Ich glaube, man kann das in größeren Kontext stellen: Mit der Digitalisierung von allem und jedem ist, glaube ich, der Wunsch vorhanden, sich am Analogen festzuhalten, am Materiellen, das man anfassen kann und das Analoge als widerständiges Moment zu begreifen."

"Steamboy" heißt ironischerweise aktuell auch eine Konsole im Design der Nautilus aus "Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer" für Gamer, die etwas entschleunigter daddeln wollen. Im Prinzip war schon Kapitän Nemo in seinem wasserstoffgetriebenen U-Boot ein Punk, der vor der Zivilisation geflohen ist und nicht mehr an linearen Fortschritt glaubte: Das 20. und das 21. Jahrhundert könnten Terror und Weltkriege bringen. Wie wahr.

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