Freitag, 12. August 2022

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Band Mother's Cake
Tapegeräusche und Cyberfunk

Seit 2008 macht das Psychrock-Trio Mother's Cake gemeinsam Musik. Sein viertes Album "Cyberfunk!" schwebt auf psychedelischen Delaywolken oder versinkt im Sumpf-Groove. Und eine Hommage an Pink Floyd haben die Österreicher auch im Programm.

Von Anke Behlert | 06.09.2020

    Drei Männer stehen auf einer Wiese. Neben jedem Mann brennt eine Schaufensterpuppe.
    Jan Haußels, Benedikt Trenkwalder, Yves Krismer (v.l.n.r) (Manu Chó)
    Musik: "Intro" (Live at Bergisel)
    Weiße und hellblaue Lichtkegel durchzucken den nächtlichen Winterhimmel über Innsbruck. Auf den schneebedeckten Hängen erscheinen großflächige Videoprojektionen. Davor, warm eingepackt mit Schal und Mütze, riffen und rocken sich Mother's Cake in einen monumentalen Notenrausch. Ganz nach dem Vorbild dieses größenwahnsinnigen Unterfangens: Pink Floyd live in Pompeij von 1971, erzählt Mother's Cake-Schlagzeuger Jan Haußels.
    "Es ist natürlich eine starke Hommage an Pink Floyd, Live in Pompeij, natürlich hatten wir die Idee nicht zuerst. In Innsbruck das Bergisel-Stadion ist sehr eindrucksvoll, das kannten wir auch und dachten uns: rein kulissenmäßig macht das viel her. Wir haben Jahre vorher mal ein Live-Ding aufgenommen, das hieß "Off the beaten track", das wir auch sehr gerne mögen und sehr stolz darauf waren. Aber das zu wiederholen kam nicht in Frage. Und deshalb haben wir entschieden: lass uns das Drumherum eindrucksvoller machen und hoffentlich ziehen wir dann mit der Musik hinterher."
    Das ist ihnen in jedem Fall gelungen, nicht nur auf "Live at Bergisel", auch ihr neues Studioalbum "Cyberfunk!" muss sich vor Genre-Kollegen wie King Gizzard & the Lizard Wizard nicht verstecken.
    Musik: "Crystals in the sky"
    Verbeugung vor dem Hardrock
    Mother's Cake-Sänger Yves Krismer und Bassist Benedikt Trenkwalder spielen schon 2005 in der Band Brainwashed zusammen und nehmen an diversen Bandcontests teil. Mit Jan Haußels am Schlagzeug ändern sie den Bandnamen zu Mother's Cake und auch hier führt der Weg zunächst über Wettbewerbe und viele kleine Konzerte. 2012 erscheint ihr Debütalbum "Creation's finest", das im Grunde eine einzige große Jamsession ist und ihr musikalisches Universum umreißt: lange Intros, viel Platz für Gitarrengefrickel und ausufernde Soli. Eine Verbeugung vor den Anfangstagen des Hardrock.
    Musik: "Runaway"
    Auf ihrem neuen, vierten Studioalbum "Cyberfunk!" spielen Mother's Cake immer noch sehr viele Noten, allerdings steht jetzt hörbar fokussiertes Songwriting im Vordergrund.
    "Vor allem das erste Album war ein sehr jamlastiges Album, wo wir in der Honeymoon-Phase einer Band uns wirklich stundenlang jede Woche getroffen haben und dadurch sehr viel Material entstanden ist. Mittlerweile ist es so, ich leb in Wien, sie leben in Innsbruck, man wird ja auch älter. Wir treffen uns jetzt nicht mehr jeden Tag und hocken bis zwei oder drei Uhr früh im Proberaum, geht ja auch gar nicht mehr. Deshalb haben wir uns Schreibblöcke gemacht, haben uns getroffen und eine Woche intensiv gearbeitet. Wir, Bass und Schlagzeug, bringen uns ein, aber sind vor allem wenn's um das Arrangieren geht, involviert. Das Schreiben ist hauptsächlich bei unserem Frontman."
    Musik: "Toxic Brother"
    Auf "Cyberfunk!" bündeln Mother's Cake ihre wilde Live-Energie zu einem dynamisch dichten und abwechslungsreichen Album. Mal schweben die drei in psychedelischen Delaywolken, mal versinken sie im Sumpf-Groove oder reißen mit überbordender New-Wave-Funk-Rock-Energie die Wände ein.
    Musik: "Hit on ur girl"
    Kassettenspul-Geräusche
    Eingespielt hat die Band die meisten Songs live und generell fühlen sie sich einer traditionellen Herangehensweise ans Aufnehmen nahe. Das geht sogar soweit, dass an einigen Stellen des Albums Kassettenspul-Geräusche zu hören sind. Aber Tonband zum Aufnehmen war dann doch zu teuer.
    "Der Hintergrund dieser Tapegeräusche ist, dass "Cyberfunk!", wie man es auch auf dem Artwork ein bisschen erahnen kann, soll ein Mixtape sein, das der Person, die sich das anhört übergeben wird bzw. die das vielleicht sogar selber zusammengestellt hat. Deshalb diese Spulgeräusche, das kennt man vielleicht noch, wenn man Tapes selber aufgenommen hat, dass da durchaus mal noch Reste dazwischen waren, die vom letzten Mixtape noch übrig geblieben sind."
    Musik: "Love your smell"
    Der Albumtitel hat nichts mit dem gleichnamigen Londoner Drum & Bass-Label zu tun und auch nicht mit dem Computerspiel, erzählt Jan Haußels.
    "Es ist so, dass Yves, unser Frontmann, schon vor langer Zeit ein bisschen genervt auch von der Frage, was für Musik wir denn machen, sich einfach selbst einen Begriff überlegt hat, der unsere Musik zusammenfassen könnte. Oder vielleicht mehr das ist, was er oder was wir jetzt machen wollen. Er kam auf das Wort "Cyberfunk". Seitdem spukt das bei uns herum und wurde für dieses Album sogar als Titel auserkoren. Das "Cyber" ist mehr Wortklang, dass der uns einfach getaugt hat. Für uns ist auch wichtig, dieses Ausrufezeichen, dass es ein Statement sein soll. That's it: Cyberfunk!"
    Musik: "Lonely rider"
    Ein Ausrufezeichen können Mother's Cake mit ihrem neuen Album "Cyberfunk!" in jedem Fall setzen. Und apropos Größenwahn: Für den Herbst hatte die Band sogar eine richtige Tour geplant, die wurde aber nun auf das nächste Frühjahr verschoben.