Dienstag, 05. März 2024

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Bankenkrise und Konjunktur
"Niedrige Zinsen fallen nicht vom Himmel"

Der Wirtschaftsforscher Gustav Horn fordert mit Blick auf die Krise deutscher Großbanken ein stärkeres Engagement der Politik. Die europäische Finanzpolitik müsse ein besseres wirtschaftliches Umfeld schaffen, sagte Horn im DLF. Allerdings herrsche in dieser Hinsicht eine „allgemeine Lethargie.“

Gustav Horn im Gespräch mit Jürgen Zurheide | 01.10.2016
    Gustav Horn, Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung
    Gustav Horn, Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung (Imago)
    Horn betonte, dass die Situation bei Deutscher Bank und Commerzbank nicht so schlimm wäre, wenn das wirtschaftliche Umfeld stimmen würde. Denn dann könnten die Banken gutes Geld verdienen und die "Fehler der Vergangenheit" leichter ausgleichen.
    Hier sieht Horn die Politik gefordert - und davon würden letztlich auch die Banken profitieren. Niedrige Zinsen fielen schließlich "nicht vom Himmel", sondern hätten mit der wirtschaftlichen Lage zu tun. Die Lage im Euroraum sei latent unsicher, und deshalb hielten Unternehmen sich eher zurück, und Konsumenten seien vorsichtig bei den Ausgaben. All dies mache die Kreditnachfrage sehr gering, während gleichzeitig viel Kapital nach Anlage suche. Dadurch sinke der Preis "im Extremfall auch auf Null, und da sind wir gerade."
    Skeptischer Blick in die Zukunft
    Horn betonte, dass Banken in extremer Weise von einem guten wirtschaftlichen Umfeld profitieren würden, wenn Investitionen getätigt und mehr Kredite nachgefragt würden. Auf absehbare Zeit würden dann auch die Zinsen wieder steigen, was zusätzliche Möglichkeiten gebe.
    "Wir brauchen dringend mehr Investitionen in ganz Europa, öffentliche wie private, wobei die öffentlichen Investitionen auch als Auslöser privater Investionen dienen können", so Horn. Allerdings sehe er nur hier wenig Fortschritte. Es herrsche eine allgemeine Lethargie in dieser Hinsicht. Das lasse ihn sehr skeptisch in die Zukunft blicken.
    Das Europäische Investitionsprogramm von EU-Kommissionspräsident Juncker nannte Horn "gut gemeint". Juncker habe sicherlich richtig erkannt, woran es mangele, nämlich an Investionen, und er bemühe sich, dieses Problem mit seinem Ansatz zu beheben. Allerdings brauche er dazu die Unterstützung der Regierungen – bislang habe aber keine Regierung in seinen Investitionsfonds eingezahlt.
    Große wirtschaftspolitische Lethargie
    Hier sehe man, dass auf nationaler Ebene eine große wirtschaftspolitische Lethargie herrsche, die sehr gefährlich für Europa werden könne, so Horn. Wenn Europa nur vor sich hin dümpele und es keine sicheren wirtschaftlichen Perspektiven gebe, dann sinke auch die Bereitschaft, sich für Europa einzusetzen, meinte Horn.
    Das alles fließe zusammen in einer grundtiefen Skepsis gegenüber Europa und schlage sich auch in den politischen Verwerfungen nieder, die man zur Zeit erlebe. Seiner Meinung nach müssten sich die Regierungen zusammensetzen und einen gemeinsamen Investitionsplan für Europa beschließen. Damit würde die EZB entlastet - und der Wirtschaft etwas Gutes getan.