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Basketball
Marke "selbstbewusst”

Der Braunschweiger NBA-Profi Dennis Schröder genießt es, vom gegnerischen Publikum ausgebuht zu werden. Es ist ein gutes Zeichen dafür, dass man ihn der Liga registriert hat. Denn über seine Ambition lässt der 22-Jährige keinen Zweifel aufkommen. Er will sich einen Namen machen.

Von Jürgen Kalwa | 30.04.2016

    Dennis Schröder (r.) spielt seine zweite Saison für die Atlanta Hawks in der NBA.
    Dennis Schröder in Aktion für die Atlanta Hawks in der NBA (picture alliance / dpa - Erik S. Lesser)
    Die Szene ereignete sich bereits früh im Spiel, nachdem Dennis Schröder mit einem raschen Sololauf zwei Punkte erzielt hatte. Es handelte sich um eine klare Tätlichkeit des Bostoner Spielmachers Isaiah Thomas. Um einen Schlag ins Gesicht. "Ich habe einen Korbleger gemacht und bin auf ihn zugerannt. Seine Hand ist halt direkt an meinen Kopf. Er wollte mich schlagen, hat er aber mit der flachen Hand gemacht." Weil keiner der drei Schiedsrichter etwas gesehen haben wollte, protestierte Schröder vergeblich. Das Spiel lief weiter, und der Mann mit der Nummer 17 suchte Gerechtigkeit auf seine Weise: Er ließ im Gedränge unter dem eigenen Korb Thomas unauffällig, aber hart auflaufen. Der landete dabei auf dem Boden und musste wütend von seinen Teamkollegen zurückgehalten werden. "And now Isiah Thomas is getting into the face of Dennis Schröder, but he held back."
    Sich angiften, provozieren, Sprüche klopfen, das gehört in der NBA, zumal in den Playoffs, einfach dazu. Auch für Schröder, den jungen Basketballer aus Braunschweig mit dem braven Gesicht, inzwischen in seiner dritten Saison in der besten Liga der Welt auf dem Sprung zum Leistungsträger. Nach dem Zwischenfall wurde er jedes Mal vom Bostoner Publikum ausgebuht, wenn er den Ball in der Hand hatte. Aber das brachte ihn keineswegs aus der Ruhe. Im Gegenteil. "Mir gefällt’s natürlich, das ist ein gutes Gefühl, wenn dich Leute ausbuhen, weil die wissen, wer du bist."
    Coole Frisur, goldener Sportwagen und eigene Kneipe
    Männlichkeitsrituale. Hahnenkämpfe. Dafür hat Schröder, der in Braunschweig groß wurde und dort als überaus selbstbewusster Typ kritisch beäugt wurde, einen siebten Sinn. Genauso wie für seine neue Welt in Amerika, wo er sich – der junge Millionär in der Metropole Atlanta – Stück für Stück selbst inszeniert. Mit einer Entourage aus Familienangehörigen und Freunden wie etwa seinem Friseur. Jemand, der im Sommer, wenn Schröder die Familie in Deutschland besucht, mitreist. Das alles gehört genauso dazu wie die breite goldene Strähne im Haar, der goldene Sportwagen und neuerdings sogar eine eigene Kneipe. Teil einer Strategie, über möglichst viele Kanäle einschließlich der sozialen Medien eine eigene Marke zu schaffen. Das Lokal liegt zentral im Ortsteil Buckhead und hat in seinem Namen seine Initialen und seine Rückennummer 17: "DS 17 Lounge, 2285 Peachtree Road".
    Das Projekt hat er übrigens komplett alleine finanziert, sagt er. Er hat sich einen Manager gesucht, dem er vertraut, und sich auf diese Weise so etwas wie ein zweites Wohnzimmer geschaffen. In einem Milieu, das so ganz anders ist als Braunschweig. Atlanta hat – nach New York – den größten schwarzen Bevölkerungsanteil aller amerikanischen Metropolen. Darunter so manche, die ihren Besitz – teure Autos, glitzernder Schmuck – unverhohlen zur Schau stellen. "Ja, Ja, das ist meine Stadt, sozusagen. Ich bin noch nicht so lange hier, knapp drei Jahre. Und hier fühle ich mich halt wirklich wohl."
    Schröder weckt Interesse bei der Konkurrenz
    Lebensphilosophische Ungereimtheiten schiebt der gläubige Moslem, der in seinem ganzen Leben keinen Tropfen Alkohol getrunken hat, übrigens elegant beiseite. "Das ist mit Alkohol in einer Lounge, das ist, wo das meiste Geld drin ist. Ich habe mit meiner Familie geredet und mit allen darüber gesprochen. Und alle meinten halt, das ist ein gutes Investment. Deswegen habe ich das auch gemacht.”
    Wie sieht es sportlich aus? Schröder hat einen Stammplatz als zweiter Aufbauspieler bei den Hawks, der meistens von der Bank kommt, aber dabei ein ziemliches Pensum leistet. Was er mitbringt, ist Energie, Beweglichkeit und Kreativität sowie das enorme Selbstbewusstsein, aber auch einen Risikofaktor: Er verliert den Ball noch immer zu oft an die gegnerische Mannschaft. Für Trainer Mike Budenholzer kein Problem. "So wie sich Dennis entwickelt hat, hat er viel zu unserem Erfolg beigetragen. Sowohl im Angriff als auch in der Verteidigung. Wir können von Glück sagen, dass wir einen so guten jungen Aufbauspieler haben." Einen, den man derzeit keineswegs hergeben möchte. Als vor ein paar Monaten die Philadalphia 76ers an ihm Interesse zeigten, fiel die Antwort abschlägig aus. Die Hawks wollen mit Schröder um den Titel kämpfen.