Freitag, 14.12.2018
 
Seit 23:00 Uhr Nachrichten
StartseiteKalenderblattBeginn der Ära Harold Wilson15.10.2004

Beginn der Ära Harold Wilson

Vor 40 Jahren siegt die Labour-Party in Grossbritannien

Er war der britische Premier der "Swinging Sixties". Auf seinen Vorschlag hin wurden die Beatles 1965 von der Queen mit einem Orden ausgezeichnet, wofür sie sich mit einer Textzeile bedankten: "Frag mich nicht was ich damit will, Mr. Wilson."

Von Georg Gruber

Wieder ein junger Modernisierer von Labour: der britische Premierminister Tony Blair (AP)
Wieder ein junger Modernisierer von Labour: der britische Premierminister Tony Blair (AP)

Harold Wilson, geboren 1916, stammte aus einfachen Verhältnissen, er studierte mit Stipendium in Oxford, wurde 1945 ins Unterhaus gewählt, war mit 31 Jahren Handelsminister, bevor die Konservativen für 13 Jahre das Ruder übernahmen. 1963 wurde er an die Spitze der Labour-Partei gewählt. 1964 war er der zweitjüngste Premier, den Großbritannien bis dahin gehabt hatte.

Der Wahlausgang am 15. Oktober 64 war knapp. Eineinhalb Jahre später, nach vorgezogenen Neuwahlen, fuhr Harold Wilson einen erdrutschartigen Sieg ein: eine Mehrheit von fast 100 Sitzen.

Harold Wilson war als linker Erneuerer angetreten. 1963 war die Arbeitslosigkeit auf eine Rekordzahl von 800.000 gestiegen.

Die weiße Glut einer technologischen Revolution…

…sollte der britischen Wirtschaft zu neuer Konkurrenzfähigkeit verhelfen. Wilson setzte auf staatliche Wirtschaftslenkung und gründete dafür 1965 ein eigenständiges Wirtschaftsministerium. Doch er schaffte es nicht, die wirtschaftlichen Probleme zu lösen, die aus mangelnder Produktivität, Streiks und wachsenden Zahlungsbilanzdefiziten resultierten.

Wilson gelang es nicht, die Macht der Gewerkschaften zu beschneiden. Und er verlor einen weiteren symbolhaften Kampf: Er wollte eine Abwertung des Pfundes verhindern, mit allen Mitteln.

Trotz Auslandskrediten, neuen Steuern und verordnetem Lohnstopp musste das Pfund im November 1967 um 14 Prozent abgewertet werden. Die Wahlen 1970 konnten die Konservativen für sich entscheiden, allerdings bekamen auch sie die Wirtschaftskrise nicht in den Griff.

Bestimmendes außenpolitisches Thema dieser Zeit war die EG, die europäische Gemeinschaft: Großbritannien war gespalten in Beitrittsgegner und Befürworter. Harold Wilson war auf beiden Seiten. In den 60er Jahren hatte er sich für einen Beitritt eingesetzt, 1971 sprach er sich, aus der Opposition heraus, dagegen aus:

Seine Unaufrichtigkeit hat die gesamte Haltung seiner Partei befleckt…

kritisierte die Times. Die Daily Mail schrieb, Wilson erscheine nun

für immer ungeeignet, jemals wieder das Land zu führen.

Doch 1974 war er wieder an der Macht, nach einem Anti-EG-Wahlkampf. Und ließ das Volk über den Beitritt abstimmen. Harold Wilson, der Taktiker, begrüßte selbst das Ergebnis: Rund 60 Prozent waren für den Beitritt, mehr als jemals einen britische Regierung in einer Wahl erhalten habe.

Wenn es dem Premier nützte, ließ er auch alte Freunde im Stich. Die Einheit der Partei war ihm das wichtigste. Er war schlagfertig, sarkastisch und zynisch und beherrschte es wie kein zweiter, Politiker der Opposition mit einem Nebensatz der Lächerlichkeit preiszugeben. Die Oppositionsführerin der Konservativen, Maggie Thatcher, hatte keine Chance gegen ihn.

1976 trat Wilson zurück, völlig überraschend. Über die Hintergründe wurde lange gerätselt. Innerparteiliche Streitereien mögen ein Grund gewesen sein, auch wenn er es in seiner Rücktrittserklärung abstritt:

The timetable has been decided and confirmed well before then.

Es war wohl eine Flucht aus Resignation: Denn gegen die wirtschaftlichen Probleme des Landes fand er einfach kein Rezept. Nach seinem Rücktritt geriet Harold Wilson in Vergessenheit, obwohl er, gemessen an den Wahlerfolgen, der erfolgreichste Premierminister war, den Labour bis dahin gehabt hatte. Er starb 1995, zwei Jahre bevor mit Tony Blair wieder ein junger Modernisierer aus den Reihen der Labour-Partei an die Macht kommen sollte.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk