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StartseiteCampus & KarrierePsychische Erkrankungen sind kein Tabu mehr20.08.2019

Belastungen am ArbeitsplatzPsychische Erkrankungen sind kein Tabu mehr

Die Zahl der Krankmeldungen aufgrund psychischer Erkrankungen hat sich seit 1997 verdreifacht. Dies kann an den gestiegenen Belastungen im Berufsalltag liegen. Ein Teil des Anstiegs kommt aber zustande, weil sich mehr Betroffene melden. Denn diese Krankheiten sind am Arbeitsplatz kein Tabu mehr.

Von Moritz Börner

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Leeres Büro durch Glasscheibe gesehen (imago / PhotoAlto)
Die Zahl der Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen hat laut DAK-Studie zugenommen (imago / PhotoAlto)
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"Vor etwa anderthalb Jahren fing es bei mir an, wir haben zwei anderthalbwöchige Urlaube kurz nacheinander gemacht, und in der Zeit habe ich mich kein Stück erholen können! Sondern an dem Montag, wo ich im Büro war, habe ich gedacht, ich wäre gestern daraus gekommen."

Thomas ist Ende fünfzig und hat seinen Job als Architekt bei einem Liegenschaftsbetrieb eigentlich immer sehr gerne gemacht. Aber irgendwann im Frühjahr 2018 ging es nicht mehr. Diagnose Depression:

"Dazu kam, dass ich kurz hintereinander zwei kleine Nervenzusammenbrüche hatte, und beim zweiten, der in einem Heulkrampf endete, war danach für mich so, als ob ich einen Schalter umgelegt hätte. Ich war danach todtraurig, konnte mich an nichts mehr erfreuen, ich war wirklich tieftraurig und hatte auch teilweise Todessehnsüchte, wollte einfach nicht mehr da sein, jetzt nicht aktiv als Suizid, sondern einfach nicht mehr da sein."

Jeder 18. Beschäftigte betroffen

Ein Jahr lang blieb Thomas krankgeschrieben. Damit ist er einer von vielen: Jeder 18. Arbeitnehmer konnte im vergangenen Jahr aufgrund psychischer Erkrankungen nicht arbeiten. Das klassische Burnout spielt im Gegensatz zu früher seltener eine Rolle, die meisten Patienten leiden unter Depressionen und Angststörungen, erklärt Andreas Storm von der Krankenkasse DAK Gesundheit, die die Studie in Auftrag gegeben hat:

"Wenn man das hochrechnet auf alle Arbeitnehmer in Deutschland, dann sind 2,2 Millionen Menschen davon betroffen, die Brisanz liegt darin, dass sich seit 1997, also in gut zwei Jahrzehnten, die Anzahl der Menschen, die von Depression oder Angstanpassungsstörungen betroffen sind, verdreifacht hat."

Beschäftigte in der Pflegebranche und Lehrer leiden am öftesten unter psychischen Erkrankungen. Auch Gerd Höhner von der Psychotherapeutenkammer NRW beobachtet seit Jahren, dass die Zahl der Patienten, die aus psychischen Gründen arbeitsunfähig sind, steigt. Er meint, der Anstieg der Behandlungsfälle bedeute nicht automatisch, dass es heute mehr Erkrankungen gibt als früher:

"Ich glaube, nach all dem was wir wissen, dass die einfache Bildung des Zusammenhangs, beruflicher Stress ist gestiegen, also steigt die Zahl der Störungen auf psychischer Seite, dass diese Gleichung nicht stimmt. Wir müssen unterscheiden zwischen der realen Zunahme von Erkrankungen und der Zunahme von Behandlungsfällen. Wenn Menschen psychische Störungen haben, dann gehen sie sehr viel früher zu einem Psychotherapeuten, als noch vor zehn Jahren."

Kein Tabuthema mehr

Für ihn zeigt die Studie vor allem eins: Psychische Erkrankungen waren jahrzehntelang ein Tabuthema, ganz besonders am Arbeitsplatz. Und so haben früher viele Menschen keine Hilfe in Anspruch genommen, obwohl sie die eigentlich dringend benötigt hätten. Für den an Depression erkrankten Architekten Thomas war der Gang zum Facharzt für Psychotherapie der richtige Weg. Ein stationärer Aufenthalt in einer Klinik half ihm Schritt für Schritt aus der Depression:

"Einmal in die Richtung Achtsamkeit, da musste ich drauf achten, wie geht es einem, was gefällt einem, Dinge nicht gleichzeitig machen, sondern Stück für Stück, da ging es auch darum dass ich mich grundsätzlich immer für alles verantwortlich fühlte. Dann war Sport ein wichtiger Ansatz, aber auch die Patientengespräche untereinander waren ein wichtiger Ansatz, dass man merkt, man ist nicht allein, es geht anderen auch so."

Architekt Thomas arbeitet inzwischen wieder, weniger als früher, er hat jetzt eine Teilzeitstelle. Er hat den Eindruck, dass er aufgrund seiner Depression am Arbeitsplatz nicht stigmatisiert wird:

"Ich habe sehr viel Beistand bekommen, wir haben ein Wiedereingliederungsgespräch geführt, wo ich Wünsche äußern konnte, wo ich sagen konnte, was künftig sich ändern könnte auf meiner Arbeit. Ich hab in der Zeit danach die Stunden reduziert, ich bin jetzt auf Teilzeit, das tut mir gut, und das ist schon sehr fürsorglich, was das betrifft."

Auswirkungen auf Karriere

Er ist mit seiner jetzigen beruflichen Position zufrieden. Aber würde er weiter auf der Karriereleiter nach oben wollen, dann könnte es schwierig werden. Arbeitnehmer, die aufgrund von psychischen Erkrankungen lange Auszeiten nehmen mussten, werden bei Beförderungen seltener berücksichtigt, glaubt Gerd Höhner von der Psychotherapeutenkammer NRW:

"Die Beobachtungen, was die Sichtweise psychischer Krisen in der Arbeitswelt betrifft, von Seiten derjenigen, die dort Unternehmen und sonstwas vertreten geht eher in die Richtung, dass man das nach wie vor tabuisiert."

Dazu passt auch, dass die Arbeitslosigkeit unter Menschen, die psychisch erkrankt sind oder waren, deutlich höher ist als im Rest der Bevölkerung.

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