Sonntag, 16.12.2018
 
Seit 13:30 Uhr Zwischentöne
StartseiteForschung aktuellBeute Mensch20.08.2002

Beute Mensch

In Malawi nehmen Krokodilangriffe auf Menschen stark zu

<strong> Biologie. - Seit 1976 sind Nilkrokodile streng geschützt - damals standen sie am Rand der Ausrottung. Inzwischen haben sich an einigen Orten die Bestände erholt. Im Süden Malawis, wo sich Menschen und Krokodile täglich sehr nahe kommen, gibt es inzwischen allerdings besonders viele Angriffe der Echsen auf Menschen. Warum das passiert, wie sich solche Attacken reduzieren lassen und wie man diese Wunden nachher am besten behandelt, vor allem mit den einfachen Mitteln, die vor Ort zur Verfügung stehen, diesen Fragen geht ein deutscher Mediziner nach, der in fast jeder Woche mit den schweren Verletzungen nach Krokodilbissen konfrontiert wird.</strong>

  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast

Von Dagmar Röhrlich

In der Nacht schreckten uns verzweifelte Schreie auf. Wir fanden eine Frau im Maul eines Krokodils und konnten sie retten, allerdings verlor sie ein Bein unterhalb des Knies. Nachdem wir sie an Bord gehoben hatten, flößten wir ihr eine Flasche Rum ein, banden ihr Bein ab und brachten sie zurück in ihre Hütte. Am nächsten Morgen waren die Bandagen abgerissen und die unglückliche Kreatur starb. Ich glaube, so bemerkte einer der Seeleute, ihr Mann war böse, dass wir ihr Leben gerettet haben, nachdem sie ihr Bein verloren hat.

Diese dramatische Szene hat David Livingstone beschrieben, der 1876 die sumpfigen Marschen des Lower Shire im Süden Malawis erforscht hat. Damals wie heute leben hier die Menschen dicht am Fluss, benutzen ihn zum Fischen, zum Wasserholen oder als Viehtränke. Im Schilf brummen aber nicht nur Tausende von Nilpferden - sondern auch rund 3000 Krokodile. Seit 1970 ist in einer Region am Lower Shire - in einem Gebiet von 20 Kilometern Länge und zehn Kilometern Breite - die Zahl der Krokodil-Angriffe drastisch angestiegen: von einem alle drei oder vier Jahre auf 20 bis 30 jährlich. Ralf Schmidt, Leiter des Bezirkskrankenhauses von Liwonde:

Wenn man sich das über 30 Jahre anguckt, muss man davon ausgehen, dass Fische einfach die Hauptmahlzeit der Menschen sind und auch der Krokodile. Das ist ein Konkurrenzkampf, denn es gibt immer mehr Leute, die ernährt werden müssen. Es ist halt ein Unterschied, ob in einer bestimmten Gegend pro Quadratkilometer zehn Leute leben oder 100, da kommt es zu mehr Kontaktwahrscheinlichkeiten.

Die Dunkelziffer der Angriffe sei hoch. Seine Befragungen der Dorfältesten hat ergeben: Ein Drittel der Attacken taucht nicht in der Krankenhausstatistik auf, weil die Menschen sofort tot sind. Insgesamt gibt es in diesem schmalen Landstreifen also pro Jahr 90 Angriffe. Am Lower Shire steht der Mensch auf dem normalen Speiseplan eines Nilkrokodils, weil er seine eigentliche Beute - die Welse - überfischt. Das belegt ein Vergleich mit dem Verhalten der Tiere in einem nahem Nationalpark. Dort sind solche Übergriffe seltener. Seit 1976 sind die Nilkrokodile streng geschützt. Deshalb soll die Bevölkerung ihr Verhalten ändern, um die Zahl der Attacken zu reduzieren. Ralf Schmidt hat versucht zu erfassen, was die Opfer beim Angriff taten. Besonders gefährdet: die Fischer:

Da war am häufigsten das Fischen mit einem Netz oder mit Reusen. Weitere Tätigkeiten, wenn man einen Fluss überquert. Die Leute haben sich einfach gewaschen im Fluss. Es gibt einige Fälle, in denen berichtet wurde, dass man am Fluss in Grashütten übernachtet hat, wo dann die Krokodile an Land kamen und haben die Leute dann aus den Hütten geholt.

Seine Statistik ergab: Krokodile fressen, wann immer sich etwas bietet und zu jeder Tageszeit. Bei der Behandlung der Krokodil-Opfer tauchte noch eine andere Frage auf: Woher stammen die Hospitalkeime in den Wunden, also Keime, die eigentlich nur aus Krankenhäusern bekannt sind?

Wir haben unmittelbar nach dem Ereignis Abstriche bei den Patienten genommen und haben die analysiert und standen dann vor dem Problem, wie man dann an einen Mund-, Rachen oder Zahnabstrich eines Krokodils kommt. Da waren wir natürlich nicht sehr glücklich damit, da einfach rauszugehen und denen einen Tupfer in den Rachen zu stecken. Und da hat sich dann aber ein Jäger bereit erklärt, der eine Jagdkonzession hat, mit uns zusammen zu arbeiten. Der hat dann geschossen und unmittelbar nach dem Schuss haben wir dann Proben entnommen aus dem Nasen-Rachenraum, um zu sehen, welches Keimspektrum da vorherrscht.

Die Übereinstimmung war hoch. Die Wundkeime stammen also aus dem Rachen des Krokodils - und es ist die Infektionsgefahr, die Krokodilbisse für die Überlebenden so gefährlich macht. Solche "schmutzigen" Wunden sind in Malawi nur mit einfachsten Mitteln zu behandeln - durch tägliche Bäder in einer leicht salzhaltigen Lösung. Wie das Problem mit den Krokodilen gelöst werden kann, ist offen. Die Lage könnte sich allerdings verschärfen durch das wachsende Interesse von Touristen an Wassersport auf afrikanischen Flüssen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk