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Boomland Türkei

Beim Besuch von Bundeskanzlerin Merkel in der Türkei wird es auch um die Wirtschaftsbeziehungen gehen. Gerade in Bezug auf die EU-Beitrittsdebatte wird das Land oft nur als Bittsteller dargestellt, doch von den türkischen Wachstumsraten kann Deutschland im Moment nur träumen.

Von Gunnar Köhne | 29.03.2010

    Istanbul erstickt an seinem Autoverkehr, Grünflächen müssen immer öfter dem wild wuchernden Häuserbau weichen. Da wächst bei manchen Istanbulern der Wunsch nach einem gesünderen Leben. Bioläden etwa verzeichnen hohe Zuwachsraten und dank Aynur Salış, gibt es am Bosporus jetzt auch eine Heilpraxis. Die 37-jährige Unternehmerin hat mit ihrem Mann, einem ausgebildeten Heilpraktiker, vor zwei Jahren vor den Toren Istanbuls eine erste Praxis eröffnet, inzwischen gehören zu ihrem Unternehmen landesweit drei Ableger. Die Deutsch-Türkin Salis selbst Familientherapeutin, war auch in Berlin beruflich erfolgreich. Dass sie mit ihrer Nischenbranche in der Türkei so schnell Fuß fassen konnte, hat sie überrascht:

    "Ich denke, vor zehn Jahren hätten wir unseren Beruf hier nicht machen können. Die Türkei ist weltoffener geworden. Und denjenigen, die zu uns kommen, denen geht es auch wirtschaftlich gut – der Job ist sicher, das Geld ist sicher, der Familie geht es gut, die Kinder studieren und jetzt ist die Zeit, jetzt tu ich was für mich."

    Während andere Mittelmeer-Anrainer wie der Nachbar Griechenland von der Finanzkrise zu Boden gedrückt werden, steht die Türkei wirtschaftlich ungewöhnlich robust da und lockt weiterhin Investoren an. Zwar sind die Boomjahre vorüber - im vergangenen Jahr schrumpfte die türkische Wirtschaft um sechs Prozent -, aber schon in diesem Jahr wird wieder mit knapp vier Prozent Wachstum gerechnet. Den Grund für diesen Erfolg sehen Fachleute darin, dass Ankara aus der letzten großen Wirtschaftskrise 2001 kluge Lehren gezogen habe. Etwa mit einer umfassenden Bankenreform, die sicherstellte, dass sich die Istanbuler Geldhäuser auf ihr heimisches Kerngeschäft konzentrieren, statt sich auf fremden Kontinenten auf risikoreiche Geschäfte einzulassen.

    Die Regierung hat außerdem eine Reform der Sozialversicherung und der Steuerverwaltung auf den Weg gebracht – allesamt Forderungen des Internationalen Währungsfonds IWF, dessen jahrzehntelanger Kreditkunde die Türkei war. Bis Regierungschef Erdogan vor zwei Wochen überraschend die Zusammenarbeit mit dem IWF für beendet erklärte:

    "Wir haben festgestellt, dass wir einen weiteren Stand-by-Kredit vom IWF nicht in Anspruch zu nehmen brauchen. Wir sind uns mit dem IWF einig, dass es derzeit einen solchen zusätzlichen Finanzierungsbedarf nicht gibt."

    Doch die stolze Wirtschaftsbilanz der Regierung wird von einer Rekordarbeitslosenquote von mittlerweile über 13 Prozent getrübt. Besonders dramatisch ist die Zahl der jugendlichen Arbeitslosen – jeder vierte Türke unter 25 ist nach offiziellen Angaben ohne Job. Die Dunkelziffer ist vermutlich noch höher. Für Unternehmerinnen wie Aynur Salis ist denn auch die Bildung der Schlüssel für eine dauerhaft stabile Wirtschaft in ihrem Land:

    "Sie haben gemerkt, man muss ganz viel in der Bildung ändern. Man muss Qualität anbieten, die Schulen müssen entsprechend organisiert werden. Heute ist es so: Wenn Sie einen Handwerker wollen, dann wollen Sie auch Qualität haben. Das wird jetzt richtig gefordert in der Türkei."

    Der EU-Beitrittskandidat strotzt vor Selbstbewusstsein. Der türkische Handelskammerverband hat die Regierung sogar aufgefordert, über Hilfen für den EU-Nachbarn Griechenland nachzudenken.