Mittwoch, 18. Mai 2022

Welt-Boxverband
Das Russland-Problem der IBA

Mitten in der Ukraine-Krise hat der Welt-Boxverband seinen Kreml-nahen Präsidenten Umar Kremlew wiedergewählt. Dazu ist die IBA auch finanziell von Russland abhängig. Ein "fundamentales Problem", sagte Stephan Netzle im Dlf, der in einer Governance Integrity Kommission des Weltboxverbandes arbeitet.

Stephan Netzle im Gespräch mit Matthias Friebe | 14.05.2022

Boxhandschuhe hängen über das Seil eines Boxrings.
Boxhandschuhe hängen über das Seil eines Boxrings. (picture-alliance / ASA / Stefan Matzke)
Der Welt-Boxverband IBA hat auf seinem Kongress in Istanbul seinen Präsidenten Umar Kremlew für vier weitere Jahre bestätigt. Dem Russen wird eine Nähe zu Staatspräsident Wladimir Putin nachgesagt, weswegen sich das Internationale Olympische Komitee (IOC) vor dem Kongress besorgt gezeigt hat. Die Anerkennung des Weltverbandes bleibt weiterhin ausgesetzt.
Ob der Boxverband noch retten sei, werde sich in den kommenden Tagen zeigen, sagte Stephan Netzle im Deutschlandfunk. Netzle ist ehemaliger Richter am Internationalen Sportgerichtshof Cas und arbeitet nun in einer Governance Integrity Kommission des Weltboxverbandes.
Von der olympischen Zukunft hänge jedoch "alles ab", so Netzle. Wenn das IOC die Unterstützung verweigert und sie nicht mehr aufnimmt, dann ist wahrscheinlich Hopfen und Malz verloren."

Probleme bereits vor Ukraine-Krise

Dabei hätten die Probleme des Verbands bereits vor der Ukraine-Krise begonnen. Deswegen wurde die Governance Integrity Kommission eingesetzt, um den Verband "auf den Weg der Tugend" zurückzuführen, sagte Netzle. "Das war einerseits die Kampfrichter-Problematik, also dass man undurchsichtige Kampfrichter-Entscheidungen gefällt hat. Das andere war der Umgang mit dem Geld des Verbandes. Hinzu kam dann die Frage, ob sich der Verband jetzt in der Situation mit der Ukraine richtig verhält."
Der Hauptgrund für die Wahl Kremlews sei ein Sponsoren-Deal mit dem russischen Staatsunternehmen Gazprom gewesen, mit dem er den Verband aufgrund der "Misswirtschaft der früheren Präsidenten" vor dem finanziellem Kollaps bewahrt hatte.

"In kurzer Zeit viel auf die Wege gebracht"

DIe Komission habe nun den Auftrag, "die Strukturen so zu gestalten, dass die Corporate Governance wieder stimmt. Dass transparente und klare Führungsgrundsätze eingeführt werden, Unabhängigkeit der einzelnen Gremien, Überwachung, was mit dem Geld passiert, eine saubere Kampfrichter-Ausbildung und Überwachung. Das hat man soweit auf den Weg gebracht, man hat die Statuten geändert, man hat diese Kommission eingesetzt, die über die Wahl der Gremien schaut. Von daher hat man hier in einer sehr kurzen Zeit sehr viel, zumindest auf dem Papier, auf die Wege gebracht."
Auch mit dem IOC habe man laut Netzle immer in Kontakt gestanden. "Und die waren eigentlich mit uns einverstanden, dass man den Weg richtig geht."
Gegen den Präsidenten hatte es vor der Wahl Proteste gegeben. Gegenkandidaten waren zum Teil vor dem Cas gegen die Wahl vorgegangen. "Da kam plötzlich ein Sturm auf, vor allem aus Nordamerika und Europa, die sich da gegen die Führung durch Kremlew geäußert haben, die auch einen Gegenkandidaten unterstützt haben. Wir waren dann schon ziemlich schockiert, dass dann die Gegenkandidaten noch einmal überprüft wurden und dann qausi wegen der Teilnahme an einer oppositionellen Gruppe von der Wahl ausgeschlossen wurden. Aus meiner Sicht war das ein Zeichen, wie Russland mit Kritikern umgeht." Die Überprüfungskomission sei jedoch von der Governance Integrity Kommission abgesegnet worden, so Netzle.

Nur Gazprom als Sponsor ein "Klumpenrisiko"

Der Ukraine-Krieg habe das "Russland-Problem" im Weltboxverband nun noch einmal verstärkt, vor allem bei den Finanzen, sagte Netzle. Vor allem die Abhängigkeit von einem Sponsoren, hält er für ein Risiko. "Und dass es auch noch Gazprom ist und aus dem gleichen Lager kommt wie der Präsident, das hat uns nicht gepasst." Deshalb habe man gefordert, die Verbindung zu Gazprom aufzulösen. "Das hat man uns auch zugesagt. Das Problem ist nur, da ist niemand anders. Wer unterstützt den Boxverband, wenn er nicht olympisch ist? Das ist ein fundamentales Problem. Dieses Problem muss Kremlew angehen."