Donnerstag, 09. Dezember 2021

Archiv

Buenos AiresTango-Tänzer kämpfen um ihre Kultur

Explodierende Mieten, hohe Stromkosten, strenge Sicherheitsauflagen: Viele Tangoclubs in Buenos Aires stehen vor dem Ruin. Anstatt die Volkskultur zu fördern, veranstalte die Stadt nur Wettkämpfe, kritisieren Anhänger einer alternativen Tangoszene. Sie kontern mit einem eigenen Festival.

Von Anne Herrberg | 17.08.2017

Berlin hat nach Buenos Aires die zweitgrößte Tangogemeinde der Welt.
Ein Kollektiv aus Milongueros in Buenos Aires fordert, dass die Stadt den Tango als immaterielles Kulturerbe der UNESCO schützt und pflegt. (picture alliance / dpa / EPA/CEZARO DE LUCA )
Eine verregnete Winternacht in Buenos Aires. Die Straßenlaternen werfen ihr fahles Licht auf nasses Kopfsteinpflaster. Dort eine alte Holztür, ein verrostetes Klingelschild - unscheinbar für den, der diese Adresse nicht kennt. Dahinter, eng an eng, drehen sich die Paare über die knorrenden Dielen, manche in Riemchen-Pumps, manche in Turnschuhen, vereint in dieser einzigartigen Umarmung des Tango. Maria Laura nippt kurz an ihrem Plastikbecher mit Rotwein.
"Ich mag diese Milonga hier, weil hier Tango gelebt wird, wie er heute ist. Ohne Show, ohne strikte Regeln, jeder zahlt, was er geben kann. Hier trifft sich eher die alternative Szene."
Immer mehr Milongas müssen schließen
Milongas - so heißen die typischen Tangotanzabende in Buenos Aires. Doch hier, in der Milonga Chanta 4, wird heute nicht nur getanzt. Fer Vieto, der Veranstalter, bittet um Aufmerksamkeit:
"Derzeit findet in Buenos Aires das jährliche Tangofestival statt, wir wollen deswegen auf eine Situation aufmerksam machen, mit der fast alle Milongas in Buenos Aires kämpfen: Immer mehr müssen schließen, es gibt keine Unterstützung für die Kultur unserer Stadt."
Widerstand! Rufen die Anwesenden. Nicht nur, dass die derzeit explodierenden Mieten und Stromkosten viele Milongas in den Ruin treiben. Dutzende, darunter historische Nachbarschaftsclubs, mussten schließen, weil sie die strengen Sicherheitsauflagen der Stadt nicht erfüllen. Auflagen, die Milongas mit Großraumdiscos oder Sportclubs gleichsetzen - dagegen regt sich nun Widerstand.
"Wir sind ein Kollektiv aus Milongueros und wir fordern, dass die Stadt ihre Kultur schützt und pflegt, so wie es bereits existierende Gesetze vorschreiben. Der Tango ist außerdem immaterielles Kulturerbe der UNESCO. Die Stadtregierung hat sich dazu verpflichtet, Tangoschulen einzurichten, einen Fonds zur Unterstützung von Milongas einzurichten, neue Milongas zu gründen - all das ist Science Fiction. Dabei bekommt die Stadtregierung dafür Geld von der UNESCO, aber nichts passiert."
Alternatives Tangofestival für den Erhalt der Kultur
Dabei ist die Tangoszene so lebendig wie nie. Nach der Jahrtausendwende - und der schweren Wirtschaftskrise 2001 - erlebte der Tango einen Boom. Zurück zu unseren Wurzeln, sagten sich damals viele junge Musiker. Mittlerweile gibt es mehr als 130 neue zeitgenössische Orchester in der Stadt - Tango, am Puls der Zeit. Mal schneller, düsterer, mal experimentell und voller Brüche.
Im Ausland feiern sie Erfolge. Doch auf dem Programm des jährlichen Tangofestivals von Buenos Aires sind sie kaum zu finden. Deswegen gibt es in diesem Jahr erstmals ein Alternativfestival - komplett in Eigeninitiative. FACAFF heißt es, kurz für die Familie des CAFF, dem wichtigsten alternativen Tangoclub der Stadt.
"Sprich es aber ruhig so aus, Fuck off! Das drückt schon auch unsere Wut aus, denn die Stadtregierung macht aus unserer Volkskultur ein hohles Geschäft. Statt Milongas veranstaltet sie Wettkämpfe. Damit identifizieren wir uns nicht. Wir, das sind 40 Bands, die hier sind, um unsere Kultur zu präsentieren."
Die Tangoszene lässt sich nicht unterkriegen
Limon Garcia ist Sänger von Rascacielos, vor kurzem trat das Orchester in New Yorks Carnegie Hall auf, nun spielen sie fast für umme unter dem Wellblechdach einer alten Werkhalle. Buenos Aires' Tangoszene lässt sich nicht unterkriegen. Konzerte finden in unscheinbaren Garagen statt, Milongas in den Wohnzimmern leerstehender Stadthäuser - und nicht selten wird nach einer erneuten Räumung einfach auf der Straße weitergetanzt.
"Es ist zu früh, um schlafen zu gehen, zu spät, um aufzuwachen, und auf der Terrasse gammelt das Planschbecken des letzten Sommers vor sich hin. Das ist der Tango, die Poesie des Alltages, unseres Alltages im Hier und Jetzt, der Tango ist Teil des Lebens in unserem geliebten, vermaledeiten Buenos Aires."