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BVB-Spiel nach Bombenanschlag
"The games must go on"

Nur einen Tag nach dem Bombenanschlag auf den Mannschaftsbus des BVB unterlag das Team gestern im Wiederholungsspiel. War es zu früh für die traumatisierten Spieler? Nein, sagte der ehemalige Olympiaruderer Wolfgang Maennig im Deutschlandfunk. Der Triumph für die Terroristen wäre größer gewesen, hätte man das Spiel weiter verschoben.

Wolfgang Maennig im Gespräch mit Mario Dobovisek | 12.04.2017
    Der BVB verliert einen Tag nach dem Anschlag sein CL-Viertelfinalspiel gegen AS Monaco. Blick in die Fankurve mit dem Schriftzug BVB
    Der BVB verliert einen Tag nach dem Anschlag sein CL-Viertelfinalspiel gegen AS Monaco (imago sportfotodienst)
    Mario Dobovisek: Mitgehört hat Wolfgang Maennig. Er war selbst Spitzensportler, gewann 1988 in Seoul olympisches Gold mit dem Ruderachter. Er war später auch Vorsitzender des Deutschen Ruderverbandes und ist Wirtschaftswissenschaftler an der Universität in Hamburg. Guten Abend, Herr Maennig.
    Wolfgang Maennig: Guten Abend.
    Dobovisek: Wir haben es gehört: Metallsplitter bohren sich in die Kopfstützen des Mannschaftsbusses. Da hätten auch Menschen sterben können, Sportler. Jetzt hat der BVB am Abend nach dem Anschlag doch noch Fußball gespielt. Wir sprechen über Profisportler und trotzdem auch über schockierte Menschen, Opfer eines Anschlages, die am Tag danach schon wieder volle Leistung erbringen müssen. Ist das vertretbar?
    Maennig: Es fällt schwer. Aber the games must go on, hat Avery Brundage gesagt, als wenige Stunden nach dem ja noch viel blutigeren Ende von israelischen Sportlern in München 1972 die Olympischen Spiele in München fortgesetzt wurden, und es war im Nachhinein richtig. Der Triumph der Terroristen wäre ja noch größer gewesen, wenn die Spiele damals abgesagt worden wären, und auch hier wäre die Bedeutung noch überhöht worden. Es ist meines Erachtens richtig, wie die Fans reagiert haben, dass sie ein normales Fußballspiel sehen wollten.
    "Heimniederlage ist bedauerlich, aber verständlich"
    Dobovisek: Trotzdem reden wir nicht über eine normale Situation, über Menschen. Das sind ja keine Maschinen und erst recht keine politischen Instrumente, die da auf dem Rasen stehen, sondern Menschen, die schockiert sind. Ist das eine richtige Entscheidung vor diesem Hintergrund?
    Maennig: Dass die Mannschaft da heute sicherlich nicht ihre Spitzenleistung bringen konnte, kann sich jeder von uns vorstellen. Man sitzt in einem Bus und es geht eine Explosion und Mannschaftskameraden werden schwer verletzt und jeder weiß, er hätte selber dran sein können, es hätte sehr, sehr viel schlimmer ausgehen können. Das bedeutet sicherlich eine schlecht geschlafene Nacht und das bedeutet Unruhe. Das lässt einen nicht in Ruhe, die Sportler bestimmt nicht. Es ist natürlich bedauerlich, diese Heimniederlage, aber sie ist wirklich verständlich.
    Es ist schade, dass es diese Attacken gibt. Es ist leider nichts ganz Neues. Ich hatte München 1972 erwähnt. Es gibt die Attacke auf Monika Seles, auch in Deutschland 1993 in Hamburg mit einem Messerstich in den Rücken. Wir hatten 1996 die Bombe auf dem Olympischen Platz in Atlanta mit zwei Toten, 120 Verletzten. Wir hatten den Boston-Marathon 2013, wo im Finish eine Bombe hochging und ebenfalls viele Schwerverletzte hervorgerufen hat. Und wir haben alleine aufgrund der Gefahr, dass es Terrorattacken gibt, eine Verlegung der wirklich klassischen Rallye Dakar aus dem afrikanischen Gebiet nach Südamerika. Es ist leider nichts Neues. Wir vergessen das sehr schnell. Und trotzdem hat es natürlich unglaubliche Nachteile für den Sport und für die Menschen, die den Sport lieben.
    Dobovisek: Sportler betonen ja meist, dass sie bloß eben Sportler sind und keine Politiker, keine Diplomaten. Werden mit Anschlägen wie diesen Sportler zwangsläufig in die Welt der Politik gezerrt?
    Maennig: Na ja, ich sage mal so: Schon von den Lebensumständen. Unsere Minister sind natürlich gut geschützt durch Personenschützer, gepanzerte Limousinen und Ähnliches, und wir sind das im Sport nicht gewöhnt. Ich glaube, der Sportler zum Anfassen ist ja sicherlich das Ideal für die Zuschauer, jemand, der auf dem Teppich geblieben ist, mit dem man reden kann, den man wortwörtlich anfassen kann. Auch für die Sportler ist das eigentlich etwas, was …
    Dobovisek: Aber den gibt es im Fußball ja schon längst nicht mehr.
    Maennig: Na ja, im Fußball gibt es den vielleicht schon längst nicht mehr, zumindest nicht in der ersten Liga. Das ist richtig. Aber in den meisten Sportarten gibt es das noch und wenn sich das jetzt noch mal wiederholt oder vertieft, dann ist klar was passieren wird. Die Sportler werden noch weiter abgeschirmt und das ist einfach wirklich schade für beide Seiten, für die Aktiven und die Zuschauer.
    "Der Sport ist leider heute auch immer ein potenzielles Opfer"
    Dobovisek: Sind das die Konsequenzen, die Sie vorhin angesprochen haben, die Folgen aus dem Anschlag von Dortmund?
    Maennig: Na ja, mein Steuermann von 1988, der war auch Steuermann im Münchner Achter von 1972. Und wenn der erzählt, wie locker es damals zuging, mit kleinen Zäunchen um das Olympische Dorf herum – man wollte halt fröhliche Spiele und es gab zwar Polizei, aber die haben durchgewunken. Und wenn Sie heute versuchen, ins Olympische Dorf zu kommen, Sie gehen durch genau die gleichen Schranken und Kontrollen, wie wenn Sie ins Flugzeug steigen. Sie werden geröntgt, Ihr Gepäck wird geröntgt und so weiter und so fort. Es ist nicht schön, das wissen wir alle von unseren Flügen, es ist lästig, und ja, das wird die Konsequenz sein, wenn so was hinreichend oft passiert. Ob es jetzt mit einem Mal reicht, dass solche Konsequenzen gezogen werden, weiß ich nicht, aber wenn es sich wiederholt und wenn die Gefahr hinreichend groß ist, wird kein Politiker der Aufforderung widerstehen können, hier für Sicherheit zu sorgen.
    Dobovisek: Mehr Sicherheit schafft einerseits Distanz - darüber haben wir gesprochen -, kostet aber andererseits auch Geld, viel Geld. Wird Sport teurer?
    Maennig: Ja, auch das. Wir hatten ja beispielsweise in Athen, den ersten Sommerspielen nach der Terrorattacke von New York, Kostenschätzungen für die Sicherheit von weit über einer Milliarde Euro, und solche Kostenschätzungen in der Größenordnung existieren auch für London 2012 und so weiter und so fort. Diese Schätzungen sind schwierig nachzuvollziehen. Aber wer Olympische Spiele oder auch Fußball-Weltmeisterschaften erlebt hat, weiß, was heute von Polizei und auch von Militär für ein Aufwand getrieben wird. Und das sind letztlich Aufwendungen, Kosten, die zur Abwehr von Terrorismus sind, bei dem der Sport leider heute auch immer ein potenzielles Opfer ist.
    "Lasst uns das weiter so genießen wie bisher"
    Dobovisek: Was raten Sie Sportlern und Politikern jetzt nach den Anschlägen von Dortmund?
    Maennig: Das ist sehr schwierig. Ich lebe in Berlin und wir hatten hier ja im Dezember diese Terrorattacke auf den Breitscheid-Platz. Was rät man den Menschen? - Man möchte eigentlich raten - wissen Sie, wenn man jetzt rät, vermeide Menschenansammlungen oder gehe nicht zu Fußballspielen oder schütze Dich, gehe immer ängstlich umher, das ist ja auch nicht das Leben, was wir führen wollen. Wir wollen ja ein großzügiges, ein freizügiges Leben führen, wir wollen uns frei bewegen auf unseren Straßen. Und ja, noch mal: Wir würden den Terroristen, glaube ich, auch einen ganz schönen Triumph bescheren, wenn wir unser Leben umgestalten würden und wenn wir den Sport nicht mehr so genießen würden, wie wir ihn haben. Ich würde am liebsten die Empfehlung geben, lasst uns das weiter so genießen wie bisher.
    Dobovisek: Der frühere Spitzensportler und Wirtschaftswissenschaftler Wolfgang Maennig zu später Stunde hier bei uns im Deutschlandfunk- Interview. Vielen Dank dafür.
    Maennig: Danke Ihnen!
    Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.