Dienstag, 27. September 2022

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Charité-Arzt: Gesundheitszustand von Julija Timoschenko hat sich gebessert

Man arbeite außerordentlich kollegial mit den behandelnden Ärzten von Julija Timoschenko in der Ukraine zusammen, betont Professor Karl Max Einhäupl, Vorstandschef der Berliner Charité. Der Gesundheitszustand der Politikerin habe sich gebessert. Er habe die Hoffnung, dass sie in einiger Zeit wieder frei laufen könne.

Karl Max Einhäupl im Gespräch mit Silvia Engels | 31.07.2012

    Silvia Engels: Die ukrainische Justiz versucht seit Wochen, einen zweiten Prozess gegen die Oppositionspolitikerin Julija Timoschenko voranzubringen. Der Vorwurf lautet Korruption. Doch die deutschen behandelnden Ärzte halten die Inhaftierte und an einem Bandscheibenvorfall erkrankte Politikerin für weiterhin nicht verhandlungsfähig. Vor der Sendung sprachen wir mit Professor Karl Max Einhäupl, er ist Vorstandschef der Berliner Charité und einer der Ärzte von Julija Timoschenko. Er ist gestern Abend aus der Ukraine zurückgekommen. Wir wollten wissen, wie es Julija Timoschenko geht.

    Karl Max Einhäupl: Wir haben uns mit den Kollegen in der Ukraine, die also vor Ort im Krankenhaus Nummer 5 Frau Timoschenko behandeln, und mit den Kollegen, die in dieser internationalen Ärztekommission sich befinden, vereinbart, dass wir zunächst ein abgestimmtes Statement verfassen. Deshalb würden wir heute gerne zum Zustand von Frau Timoschenko erst mal noch nichts sagen.

    Engels: Können Sie zumindest den Trend sagen, ob es ihr besser geht?

    Einhäupl: Frau Timoschenko hat sich auf jeden Fall gegenüber dem Start der Therapie deutlich gebessert. Man muss sagen, dass sie ja jetzt 20 Tage wieder nicht behandelt war, weil sie eine Allergie hatte. Wir wissen nicht genau, auf was – vermutlich auf ein Medikament –, und jetzt müssen wir das erst wieder aufholen, aber sie ist immer noch gegenüber dem Ausgangspunkt gebessert.

    Engels: Sind denn die Haftbedingungen gut genug, dass sie sich wirklich erholen kann?

    Einhäupl: Ich glaube, dass es wirklich vermessen wäre, jetzt an den Haftbedingungen für Frau Timoschenko im Krankenhaus Nummer 5 in Charkiw Kritik zu üben. Diese Bedingungen sind natürlich wie alle Haftbedingungen nicht so, dass man sie sich wünscht, aber ich glaube, man kann schon sagen, dass sie dort gut untergebracht ist. Es wird auch sehr fürsorglich mit ihr umgegangen von den Kollegen in Charkiw, von den Neurologen und den Internisten und den Allergologen, die sich um sie kümmern, also dass man insgesamt sagen kann, es geht ihr dort nicht so schlecht.

    Engels: Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit den ukrainischen Ärzten?

    Einhäupl: Es gab ja Meldungen, dass es jetzt Zerwürfnisse gegeben hat. Ich kann Ihnen sagen, dass wir außerordentlich kollegial zusammenarbeiten, auch sehr respektvoll zusammenarbeiten, sowohl mit den Ärzten im Krankenhaus als auch mit den Ärzten der internationalen Kommission. Also die Kritik, die hier hochkam, wir würden ukrainische Ärzte diskreditieren, diese Kritik wird von denen, mit denen wir konkret zusammenarbeiten, nicht getragen.

    Engels: Es gab ja auch die Kritik, der Heilungsfortschritt von Frau Timoschenko sei nicht schnell genug. Wagen Sie jetzt eine Perspektive, wie lange Frau Timoschenko noch die Behandlung fortsetzen muss, bis sie wieder prozessfähig ist – denn es geht ja auch um einen weiteren Prozess gegen sie.

    Einhäupl: Das ist richtig. Ich kann Ihnen sagen, dass hier auch verbreitet wurde von Ärzten, die wir allerdings nie zu Gesicht bekommen haben, von denen wir nicht mal genau wissen, ob es sich wirklich um Ärzte gehandelt hat, dass sie ja nun seit Monaten therapiert werde, nämlich konkret seit Februar. De facto ist sie aber erst am 9. Mai in das Krankenhaus verlegt worden, auf unseren dringenden Rat hin, und wir konnten dann dort in den ersten 14 Tagen ohnehin nicht mit der Therapie beginnen, weil wir erst mal den Hungerstreik beenden mussten. Also dass wir sie bisher insgesamt etwa sechs Wochen behandelt haben, und für diese sechswöchige Behandlung haben wir durchaus einen respektablen Fortschritt gemacht. Was wir aber jetzt brauchen, ist eine Ruhephase im Sinne: keine weiteren Stressereignisse, keine weiteren Prozessankündigungen, indem wir in einem Zeitraum von etwa vier bis acht Wochen versuchen, sie wirklich wieder so zu mobilisieren, dass sie frei laufen kann. Und dann wird natürlich die Justiz das tun, was sie für geboten hält. Das haben wir aber nicht zu entscheiden, wir haben nicht technisch zu bewerten, wir haben auch nicht politisch zu bewerten, sondern wir sind unserem ethischen Standard als Ärzte verpflichtet, und den nehmen wir auch wahr.

    Engels: Ist denn die Weiterbehandlung von Julija Timoschenko durch Ihr Team der Charité auch über diese vier bis acht Wochen hinaus gesichert in der Ukraine?

    Einhäupl: Darüber gab es bisher keine Gespräche. Wir hatten ein sehr konstruktives Gespräch mit der Gesundheitsministerin der Ukraine, Raisa Bogatyryova, als Gynäkologin auch ärztliche Kollegin, und sie hatte sehr viel Verständnis für die Argumente, die wir vorgetragen haben, sodass wir mit ihr die Fortsetzung der Therapie vereinbart haben. Das war ja auch mal infrage gestanden, ob wir überhaupt noch die Therapie fortsetzen können. Uns liegt sehr viel daran, dass wir ein kooperatives Verhältnis sowohl zu den Ärzten als auch zur Politik haben, weil wir dann auch die Sicherheit haben, dass wir Frau Timoschenko weiter als Ärzte betreuen können.

    Engels: Erfahren Sie denn in Ihrer Arbeit auch Unterstützung durch das Auswärtige Amt, also die deutsche Seite?

    Einhäupl: Die politische Seite ist natürlich offiziell nicht in diese Dinge eingebunden, aber ich kann Ihnen sagen, dass wir ja bei den zurückliegenden Reisen mit den Kollegen aus dem Kanzleramt und auch aus dem Auswärtigen Amt, sogar mit der Staatssekretärin, Besuche in der Ukraine gemacht haben, sodass wir durchaus sagen können, dass wir, wenn wir da Unterstützung brauchen, diese Unterstützung haben können.

    Engels: Wird Julija Timoschenko wieder ganz gesund werden?

    Einhäupl: Es lässt sich einfach jetzt noch nicht absehen, weil das Ganze natürlich noch überlagert ist, jetzt durch die Beschwerden, die sie jetzt akut noch hat. Aber wir haben in der Tat eine Hoffnung, dass wir das zumindest wieder so weit in Ordnung bringen können, dass sie ohne Behinderung gehen kann und ohne Behinderung auch weiter leben kann.

    Engels: Professor Karl Max Einhäupl, Vorstandschef der Berliner Charité, vielen Dank für das Gespräch!

    Einhäupl: Vielen Dank!