Dienstag, 24. Mai 2022

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Chef von Standard & Poors weist Kritik an Rating-Agenturen zurück

Es waren politische Entscheidungen, die die derzeitige Euro-Krise verursacht hätten, nicht die Rating-Agenturen, sagt der Geschäftsführer von Standard & Poors Deutschland, Torsten Hinrichs. Marktteilnehmer könnten frei entscheiden, ob sie diese Ratings nutzten.

Torsten Hinrichs im Gespräch mit Silvia Engels | 07.07.2011

Silvia Engels: Seit Monaten versuchen Politiker, die Schuldenkrise in Europa in den Griff zu bekommen. Immer neue Hilfspakete mit Garantien werden geschnürt, zugleich ist der Chor der Politikerstimmen groß geworden, die die Einstufung der Rating-Agenturen mitverantwortlich dafür machen, dass viele dieser Hilfen und Garantien nicht greifen.

O-Ton Wolfgang Schäuble: Wir müssen das Oligopol der Rating-Agenturen versuchen aufzubrechen. Da gibt es eine Menge von Bemühungen.

O-Ton: Die Rating-Agenturen haben Rieseneinfluss und ich glaube nicht, dass dieser Einfluss begründbar ist.

O-Ton: Die Staaten haben sich von den drei großen Rating-Agenturen abhängig gemacht.

O-Ton: Wir müssen ...

O-Ton Angela Merkel: ... uns unsere eigene Urteilsfähigkeit nicht wegnehmen lassen.

O-Ton Wolfgang Schäuble: Wir haben es letzten Endes auch selbst als Gesetzgeber in der Hand, wie viel Macht wir den Rating-Agenturen geben.

Engels: Von Wolfgang Schäuble bis Angela Merkel hat sich der kritische Ton gegenüber Rating-Agenturen verstärkt. – Am Telefon begrüße ich Torsten Hinrichs, er ist der Geschäftsführer der Rating-Agentur Standard & Poors in Deutschland, das ist die weltweit größte Rating-Agentur. Guten Morgen, Herr Hinrichs.

Torsten Hinrichs: Guten Morgen, Frau Engels.

Engels: Wie sehr trifft es Sie, dass Sie, Ihre Rating-Agentur, von vielen Politikern als Buhmann, zum Teil als Mitverantwortlicher der Finanzkrise dargestellt werden?

Hinrichs: Aus politischer Sicht kann ich die Kritik durchaus verstehen. Aber ich denke, wir sollten hier nicht Ursache und Wirkung verwechseln. Es sind ja nicht die Rating-Agenturen gewesen, die die Krise, so wie wir sie im Augenblick haben im Euro-Land, mit verursacht haben, sondern es waren politische Entscheidungen hinsichtlich Finanzpolitik, oder im Falle Griechenlands auch einer Lohnpolitik, die die Wettbewerbsfähigkeit der griechischen Wirtschaft über die vergangenen zehn Jahre doch deutlich negativ beeinflusst hat. Rating-Agenturen beschreiben einen Zustand und sie geben eine Perspektive ab über die zukünftige Zahlungsfähigkeit von Schuldnern, und der Zustand einiger Wirtschaften in Europa, einiger Volkswirtschaften, ist eben wirklich nicht gut.

Engels: Nun ist es aber so, dass natürlich drei große Rating-Agenturen den Markt dominieren. So argumentieren Politiker. Wie stehen Sie da Forderungen von Finanzminister Schäuble oder auch der EU-Kommission gegenüber, diese Vormachtstellung zu brechen, einfach weil nicht genug Wettbewerb im Rating herrschen würde?

Hinrichs: Die Vormachtstellung der Rating-Agenturen, so wie sie immer beschrieben wird, ist etwas, was sich entwickelt hat über die vergangenen Jahrzehnte, über die weitestgehende Treffsicherheit der Ratings und die Anerkennung dieser Ratings durch Marktteilnehmer. Jeder Marktteilnehmer, ob es die EZB ist, oder ob es ein Pensionsfonds ist, oder eine Bank, ist allerdings frei, zu entscheiden für sich selber, ob es diese Ratings benutzt und berücksichtigt oder nicht. Insoweit wäre ein Brechen der Vormachtstellung, wenn man von der Politik aus argumentiert, einfach dadurch zu geschehen, dass man zum Beispiel der EZB erlaubt, ohne Ratings oder mit seinen eigenen Analysen Investment vorzunehmen.

Engels: Machen Sie da Ihre Rolle nicht etwas klein, denn wenn Standard & Poors etwas sagt, dann zucken ja weltweit die Finanzmärkte, egal was die EZB davon hält?

Hinrichs: Sie zucken deswegen, weil das, was Standard & Poors sagt, in der Vergangenheit meistens richtig war und auch eingetroffen ist.

Engels: Aber andererseits spricht man ja in der Wirtschaft davon, wenn drei Große sich einen Markt aufteilen, dann ist das ein Oligopol und dort seien auch eigene Interessen dabei. Beispielsweise wirft man ja auch Standard & Poors immer wieder vor, man würde mit mehrerlei Maß rechnen, beispielsweise wenn es um die Bewertung der Verschuldung der USA ginge.

Hinrichs: Ja. Dieser Vorwurf ist weit hergeholt. Wir arbeiten nach global einheitlichen Kriterien. Das heißt, alle Analysten arbeiten anhand eines einheitlichen Kriteriensatzes. Diese Kriterien sind veröffentlicht und zwei Klicks auf unserer Homepage, auf unserer Webpage geben Jedermann Zugang zu diesen Kriterien und zu den Vorgehensweisen, wie wir operieren. Und das ist in den USA das gleiche wie in Europa und das gleiche wie in Asien.

Engels: Herr Hinrichs, Sie sind nicht Analyst, sondern der Geschäftsführer bei Standard & Poors in Deutschland. Das ist bei Ihnen streng getrennt, deswegen können Sie nichts über einzelne Rating-Ergebnisse sagen. Aber ein Muster gibt es ja. Das lautet so: Die Regierungen vieler europäischer Staaten, die jüngst herabgestuft worden sind, führen grundsätzlich dieselbe Klage. Sie sagen, die Rating-Agenturen würden erst Reformen anmahnen, und wenn man sie leisten würde, dann werde man trotzdem herabgestuft. Wie kommt es grundsätzlich in Ihrem Rating-Prinzip zu so etwas?

Hinrichs: Nun, unsere Ratings sind grundsätzlich Fundamentalanalysen. Das heißt, wir berücksichtigen mittelfristige Trends, wir machen gerade im Bereich von Staaten eine fundamental-volkswirtschaftliche Analyse mit längerfristiger Perspektive. Von daher ist ein Reagieren auf kurzfristige Trends gar nicht Teil unserer Rating-Analyse und von daher ist der Vorwurf, der gesagt wurde, dass wir immer wieder herabstufen, wenn neue Maßnahmen, Sparmaßnahmen oder Ähnliches, angekündigt worden sind, meiner Ansicht nach auch nicht haltbar.

Engels: Ihre Rating-Agentur hat ja auch davor gewarnt, dass auch eine freiwillige Beteiligung privater Gläubiger an einer neuen Hilfe - beispielsweise für Griechenland ist das ja in der Diskussion – als teilweiser Zahlungsausfall gewertet werden könnte. Warum sieht Ihre Agentur das so problematisch?

Hinrichs: Ja, das ist korrekt. Die Entscheidung, ob es sich hier um einen Zahlungsausfall handelt oder nicht, hängt im Wesentlichen von zwei Aspekten ab. Die erste Frage, die wir uns stellen, ist: In welchem Zustand befindet sich der Schuldner, dessen Schulden hier restrukturiert werden sollen? Ist er frei zu entscheiden, ist es eine opportunistische Restrukturierung, oder befindet er sich quasi mit dem Rücken an der Wand und ist es mehr oder minder eine erzwungene Umstrukturierung, ohne die eine Insolvenz vor der Tür stehen würde? – Im Falle Griechenland denken wir, dass Letzteres wohl zutrifft.
Die zweite Frage, die wir uns stellen müssen, ist: Wie sieht die Position der Anleihegläubiger aus nach der Umstrukturierung? Gibt es eine materielle Verschlechterung derer Position? - Wenn man sich das Pariser Paket oder den französischen Vorschlag anschaut, dann beinhaltet der einen Umtausch von Anleihen, die vielleicht zwei Jahre, drei Jahre oder fünf Jahre gelaufen sind, in neue 30-jährige Anleihen, und diese 30-jährigen Anleihen sollen noch weitere zehn Jahre nicht handelbar bleiben. Das heißt, ich komme da gar nicht wieder heraus. Und diese beiden Aspekte bewerten wir als eine materielle Verschlechterung der Position der Anleihegläubiger, die nichts mehr zu tun hat mit dem ursprünglichen Versprechen, nach zwei, drei, vier, fünf Jahren zu tilgen.

Engels: Aber die Banken selbst erklären sich doch offenbar bereit, hier freiwillig beizuspringen. Will Standard & Poors die Gläubiger besser schützen vor Zahlungsausfall, als die sich selber schützen lassen wollen?

Hinrichs: Es geht nicht so sehr um die Freiwilligkeit und um den Willen der Banken, sondern letztendlich ist die Frage, entscheiden die Banken hier zwischen dem kleineren von zwei Übeln.

Engels: Dann schauen wir auf das Grundsätzliche, denn es ist ja so, dass Rating-Agenturen auch Teil des Wirtschaftslebens sind. Inwieweit tragen Sie Mitverantwortung dafür, dass das Weltfinanzsystem am Ende nicht zusammenbricht? Immerhin warnt ja Deutsche-Bank-Chef Ackermann vor einer Kernschmelze, wenn diese freiwillige Vereinbarung nicht zustande kommt.

Hinrichs: Wir sind uns dieser Verantwortung und unserer Position in der Gesamtwirtschaft durchaus bewusst. Wir versuchen, zu dieser Verantwortung und zu dem großen Ganzen beizutragen, indem wir Transparenz schaffen für alle Beteiligten über Bonitäten und indem wir unsere mögliche Handlungsweise, wie wir das am Montag getan haben, im Vorfeld erläutern.

Engels: Wie wäre es denn mit dem Vorschlag von Binnenmarkt-Kommissar Barnier, der sagt, man könne vielleicht (Beispiel Griechenland) ab einem gewissen Zeitpunkt Länder-Ratings auch einfach einmal aussetzen, um dort eine akute Krise nicht zu verschlimmern, beispielsweise eine Krise, die bis hin zum Run auf Banken führen könnte?

Hinrichs: Das halte ich aus unserer Sicht für etwas problematisch, weil wir können nicht eine Bewertung aussetzen, die wir einmal begonnen haben. Dann würden wir unserer ursprünglichen Rolle, nämlich Transparenz in die Fähigkeit von Schuldnern zur Bedienung ihrer Schulden bringen, nicht mehr nachkommen. Was durchaus möglich ist, ist, dass Institutionen wie die EZB oder andere ihre Berücksichtigung von Ratings aussetzen für eine Zeit in ihrer eigenen Anlageentscheidung. Das wäre eventuell machbar.

Engels: Griechenland, andere Länder stehen kurz vor der Zahlungsunfähigkeit. Ihr Ausblick: Müssen wir uns darauf gefasst machen, dass die Rating-Agenturen in diese Richtung weitergehen und dass die Krise sich nicht durch die Rating-Agenturen, aber aufgrund der Gesamtzusammenhänge verschlimmert?

Hinrichs: Die Frage ist schwer zu beantworten. Ich glaube, dass die Maßnahmen, die Sparmaßnahmen und die Fiskalmaßnahmen, die die Staaten inzwischen getroffen haben, durchaus irgendwann greifen werden, und ich hoffe, dass wir in der Lage sind, in der Zukunft, in der nahen Zukunft auch durchaus positivere Kommentare geben zu können.

Engels: Torsten Hinrichs, der Geschäftsführer der Rating-Agentur Standard & Poors in Deutschland. Vielen Dank für das Gespräch.

Hinrichs: Gerne geschehen.

Die Äußerungen unserer Gesprächspartner geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

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