Sonntag, 03. Juli 2022

Sanktionen gegen Abramowitsch
Wie Chelsea zum Spekulationsobjekt wurde

Vom Champions-League-Sieger zum drohenden Insolvenzfall - der FC Chelsea steht nach den Sanktionen gegen den bisherigen Klub-Besitzer Roman Abramowitsch am Scheideweg. Wie es dazu kommen konnte - die Hintergründe.

Von Daniela Müllenborn und Christian Mixa | 16.03.2022

 Stadion des FC Chelsea an der Stamford Bridge
Das wertvollste Spekulationsobjekt im europäischen Fußball: Stadion des FC Chelsea an der Stamford Bridge (Justin Tallis / AFP)

Chelsea steht zum Verkauf - wie konnte es dazu kommen?

Als infolge des Angriffskriegs gegen die Ukraine die ersten Sanktionen der britischen Regierung gegen russische Unternehmer und ihr in Großbritannien geparktes Vermögen ausgesprochen wurden, geriet auch Chelsea-Eigner Roman Abramowitsch schnell ins Visier: Dem Oligarchen werden seit Jahren enge Verbindungen zum kriegsführenden Präsidenten Wladimir Putin nachgesagt. Abramowitsch ging daraufhin bereits Anfang März selbst auf die Suche nach möglichen Käufern für den Chelsea Football Club, wohl um der drohenden Beschlagnahmung seiner Vermögenswerte zuvorzukommen und sein Investment bei Chelsea zu retten: Seit seiner Übernahme im Jahr 2000 hatte Abramowitsch insgesamt 1,8 Milliarden Euro investiert und Chelsea damit zu einem der erfolgreichsten Klubs Europas gemacht.
Es liefen bereits erste Verhandlungen mit möglichen Kaufinteressenten, als Abramowitsch am vergangenen Donnerstag (10.03.2022) von der britischen Regierung auf eine Sanktionsliste gesetzt wurde. Gemeinsam mit weiteren Geschäftsleuten, die wegen ihrer Nähe zu Putin "materielle Vorteile" erlangt und dadurch an der "Destabilisierung der Ukraine" mitgewirkt hätten, wie es aus Westminster hieß. Abramowitsch wurde mit einem Einreise- und Handelsverbot belegt, das auch sofortige Auswirkungen auf den FC Chelsea hatte.

Welche Sanktionen haben den Klub getroffen?

Abramowitsch bekam von der Liga offiziell den Führungsposten bei Chelsea entzogen. Damit der sanktionierte Unternehmer kein Geld mehr von Klubkonten abzweigen konnte, etwa aus Zuschauereinnahmen oder Trikotverkäufen, wurde außerdem das Tagesgeschäft bei Chelsea mit drastischen Einschränkungen belegt: Der Klub darf keine Spieler verpflichten, verkaufen oder bestehende Verträge verlängern. Der Verkauf von Tageskarten zu den Spielen und von Merchandising-Artikeln wurde ebenfalls untersagt, auch der Fanshop am Stadion Stamford Bridge musste geschlossen werden. Für Reisen zu Auswärtsspielen darf Chelsea nicht mehr als 20.000 Pfund ausgeben.
Nur unter diesen Auflagen ist es den "Blues" gestattet, überhaupt noch am Spielbetrieb in England teilzunehmen. Laut Premier League soll der Klub aber weiter die Möglichkeit haben, trainieren und spielen zu können.

Wie bedrohlich ist die finanzielle Lage bei Chelsea?

Aktuell soll Bayer Leverkusen, der Ex-Klub von Chelsea-Stürmer Kai Havertz, nach einem Bericht der "Sport Bild" auf die fällige letzte Transferrate von knapp 27 Millionen Euro aus London warten. Chelseas Hauptsponsor, ein Mobilfunkunternehmen, hat seinen Vertrag ausgesetzt und angeordnet, sein Logo von den Trikots und aus dem Stadion zu entfernen.
Petr Cech, Technischer Direktor, sagte bei Sky Sports, der Klub hangele sich aktuell von einem Tag zum nächsten. Chelsea verhandelt mit der Premier League über ein Aufweichen der auferlegten Sanktionen. Doch angesichts der immensen Kosten des Profibetriebs droht Chelsea bald die Zahlungsunfähigkeit, die wohl nur durch einen schnellstmöglichen Verkauf abzuwenden ist.
Sanktionen gegen Abramowitsch - wie Chelsea auszubluten droht
Nach dem Willen der britischen Regierung soll der bisherige Klubchef Abramowitsch davon nicht profitieren. Der Erlös aus dem Geschäft soll ebenso eingefroren werden wird wie der Rest von Abramowitschs Vermögen in Großbritannien. Abramowitsch hatte aber zuletzt laut Medienberichten signalisiert, den von der Regierung begleiteten Verkauf nicht torpedieren zu wollen.
Der Klub hat möglichen Interessenten eine Frist bis zum Freitag (18.03.2022) gesetzt, um ein verbindliches Angebot abzugeben. Bis Ende März, so hofft man an der Stamford Bridge, könnte die Übernahme über die Bühne sein - und der Klub wieder handlungsfähig.

Wer sind die Interessenten für eine Übernahme?

Mehr als 150 Einzelpersonen und Konsortien sollen laut Medienberichten Interesse an der Weltmarke Chelsea bekundet haben, deren Wert auf rund zwei Milliarden Euro geschätzt wird. Darunter auch im Sportgeschäft erfahrene Investoren wie der britische Milliardär Jimmy Ratcliffe, Chef des Chemiekonzerns Ineos und des gleichnamigen Radrennstalls. Oder Todd Boehly, Eigentümer der LA Dodgers und der LA Lakers, der schon 2019 an einer Chelsea-Übernahme interessiert war.
Brisant ist vor allem das Angebot eines saudischen Medienunternehmens, das laut einem Bericht von CBS 3,2 Milliarden Euro für die Übernahme geboten hat. Ein Käufer aus Saudi-Arabien dürfte jedoch der britischen Öffentlichkeit schwer zu vermitteln sein, angesichts der schweren Menschenrechtsverstöße in dem autokratisch geführten Land. Fest steht wohl: Sobald der Eigentümerwechsel über die Bühne ist, dürfte auch Chelsea wieder uneingeschränkt wirtschaften dürfen. Das hieße aber nicht, dass der Klub automatisch schuldenfrei wäre - nach Medienberichten sollen die Chelsea-Anteile in Höhe von 1,5 Milliarden Euro einem Investment-Unternehmen auf den Cayman Islands gehören, das auch Roman Abramowitsch zugerechnet wird.

Was sagen die Fans?

Schon am ersten Spieltags-Wochenende nach Kriegsausbruch gab es seitens der Chelsea-Fans Solidaritätsbekundungen für den geächteten Klubbesitzer Abramowitsch. Dafür wurden sie im Anschluss von der Liga gerügt, aber auch von Coach Tuchel. Dennoch sind unter den Fans der "Blues" weiter Stimmen zu hören, die den Klub auch als Opfer einer politischen Entwicklung sehen, die nichts mit dem Fußball zu tun habe.
Russlands Oligarchen - Putins Milliardäre im europäischen Fußball
Doch auch von Seiten neutraler Beobachter wurde im Zuge der Sanktionen Kritik laut, dass die Premier League im Fall von Chelsea und seinem mächtigen Klubeigner vor allem ein Zeichen setzen wolle: Gegen den weiteren Vormarsch ausländischer Investoren im englischen Fußball, mit zum Teil zweifelhaftem Ruf und Verbindungen zu autokratischen Regimen. Zuletzt hatte die Übernahme von Newcastle United durch ein saudisches Staatsunternehmen für viel Kritik gesorgt und den Ruf der Premier League stark belastet.

Was sind die sportlichen Auswirkungen?

Die Turbulenzen bei Chelsea haben bei der Mannschaft bislang eine Trotzreaktion hervorgerufen. In Liga und Pokal feierten die "Blues" zuletzt fünf Siege in Serie, auch in der Champions League hat Chelsea das Viertelfinale erreicht. Dennoch könnte das exzellent besetzte Team auseinanderbrechen: Sollte das Management nicht wieder schnell handlungsfähig werden, droht der Abgang mehrerer Schlüsselspieler, deren Verträge zum Saisonende auslaufen, darunter Kapitän Cesar Azpilicueta.
Auch Erfolgscoach Thomas Tuchel, der Chelsea zum Champions-League-Titel führte, wird mit Manchester United in Verbindung gebracht. Zudem braucht Chelsea wohl eine neue sportliche Führung, auch die Geschäftsleitung des Klubs war bislang mit Abramowitsch-Vertrauten besetzt.