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StartseiteUmwelt und Verbraucher"Wir hoffen, dass Bisphenol A verboten wird"26.01.2018

Chemische Verbinung"Wir hoffen, dass Bisphenol A verboten wird"

Bisphenol A steckt in Milchtüten, Trinkbechern oder Konserven. Die EU hat die Chemikalie inzwischen als besonders besorgniserregend eingestuft. Sie sollte verboten oder zumindest in Materialen nicht mehr verwendet werden, die auf Mensch und Umwelt direkt einwirken, sagte BUND-Experte Manuel Fernández im Dlf.

Manuel Fernández im Gespräch mit Britta Fecke

Auch Babyflaschen sind mit Bisphenol A versetzt. (picture alliance / dpa/ Weng lei - Imaginechina)
Auch Babyflaschen einiger Hersteller sind mit Bisphenol A versetzt [*] (picture alliance / dpa/ Weng lei - Imaginechina)
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Britta Fecke: Bisphenol A ist ein Ausgangsstoff unter anderem für Polycarbonat-Kunststoffe und eine weitverbreitete Chemikalie. Der Verbraucher kommt mit ihr über viele Produkte des Alltags in Kontakt. Bisphenol A steckt in der Beschichtung von Konservendosen oder Milchtüten, in Trinkbechern und auch in Aufbewahrungsboxen aus Plastik. Mehrere Studien haben inzwischen belegt, dass die Chemikalie schon in geringen Mengen den Hormonhaushalt von Tieren beeinflusst, also auch unseren. Aufgrund dieser hormonellen Wirkung wird Bisphenol A auch als Schadstoff eingestuft, oder, wie die EU inzwischen anerkennt, als besorgniserregend. Wegen seiner schädlichen Wirkung auf den Menschen und die Umwelt ist sie nun auf der sogenannten REACH-Kandidatenliste, der europäischen Liste zur Bewertung und Beschränkung chemischer Stoffe.

"Kandidatenliste ist keine Verbotsliste"

Was das bedeutet, möchte ich mit Manuel Fernández, zuständig für Chemikalienpolitik beim BUND, klären. Herr Fernández, Bisphenol A auf der Kandidatenliste, was bedeutet das?

Manuel Fernández: Hallo! – Guten Tag. – Bisphenol A auf der Kandidatenliste bedeutet, dass die Chemikalie, wie Sie schon bemerkt haben, als besonders besorgniserregend eingestuft wird. Das ist letztendlich das Ziel der EU-Chemikalienverordnung REACH, alle Chemikalien, die in irgendeiner Form ein Risiko darstellen für Mensch und Umwelt, auf diese Kandidatenliste zu setzen und nach und nach durch sichere Alternativen zu ersetzen. Nun ist die Kandidatenliste aber keine Verbotsliste. Als nächster Schritt müsste jetzt die Zulassungspflicht für Bisphenol A folgen und dann müsste jede einzelne Verwendungsart geprüft werden und der Stoff dürfte nur auf besonderen Antrag hin oder mit besonderer Genehmigung verwendet werden.

Fecke: Das klingt nach einem langwierigen Prozess.

Fernández: Ja. Wir hoffen, dass es nicht langwierig wird, denn langwierig war ja schon die Zeit, die es gebraucht hat, um Bisphenol A überhaupt erst auf die Kandidatenliste zu setzen. Das fordern wir Umweltverbände schon mindestens seit zehn Jahren. Wir hoffen, dass es jetzt etwas schneller geht und dass das Vorsorgeprinzip endlich zum Tragen kommt und Bisphenol A in allen Anwendungen, zumindest in den Anwendungen, die direkt auf den Menschen und die Umwelt einwirken, verboten wird. Dazu gehören natürlich alle Materialien, die mit Lebensmitteln in Berührung kommen, Lebensmittelverpackungen, aber insbesondere auch Epoxidharze, denn Bisphenol A wird auch zur Herstellung von Epoxidharzen verwendet, und die finden sich zum Beispiel in der Innenbeschichtung von Konserven.

"Frankreich zeigt, dass es auch ohne geht"

Fecke: Was könnte denn der Ersatz sein für diese Beschichtung?

Fernández: Entweder, wenn es Kunststoffe sein sollen, Kunststoffe, die ohne solche Zusatzstoffe auskommen. Das ist in diesem Fall etwas kniffelig. Die Industrie behauptet schon seit 15 Jahren, dass sie keine geeigneten Stoffe finden. Zur Not muss man auf Gläser umsteigen oder andere Materialien verwenden. In Frankreich beispielsweise wurde Bisphenol A in allen Lebensmittel-Kontaktmaterialien verboten, im Januar 2015. Dort hat die Gesundheitsbehörde die Konsequenzen gezogen und ein nationales Verbot eingeführt. Das ist jetzt mittlerweile drei Jahre her. Das zeigt ja, dass es auch ohne geht.

Fecke: Frankreich hat dieses nationale Verbot ausgesprochen. Warum hat Deutschland nicht nachgezogen oder warum ist Deutschland diesem Vorbild nicht gefolgt?

Fernández: Das fragen wir uns auch. Wir hätten uns natürlich gewünscht, dass Deutschland da mit eine Vorreiterrolle einnimmt, zumal in Deutschland einige der weltweit größten Chemiekonzerne sitzen.

"Bisphenol A kann schon in Mengen von 0,2 Mikrogramm seine Wirkung entfalten"

Fecke: Das ist vielleicht der Grund.

Fernández: Ja. Aus unserer Sicht ergibt sich daraus auch eine besondere Verantwortung. In Deutschland haben wir das Bundesinstitut für Risikobewertung. Das ist der Einschätzung der europäischen Lebensmittelbehörde gefolgt, dass es ausreicht, bei Bisphenol A eine tolerierbare tägliche Aufnahmemenge festzulegen und daraus die Einschätzung abzuleiten, dass wir dann auf der sicheren Seite sind. Das nehmen wir mit Bedauern zur Kenntnis, denn es gibt mittlerweile ganz, ganz viele Studien, auch neuere Studien, die besagen, dass Bisphenol A schon in Mengen von 0,2 Mikrogramm seine Wirkung entfalten kann. Das ist weit unter dem, was man zum Beispiel in menschlichen Organismen nachweisen kann, und natürlich auch weit unter dem, was dieser Grenzwert besagt.

Fecke: Die EU hat Bisphenol A auf die REACH-Kandidatenliste gesetzt. Was das bedeutet, hat mir Manuel Fernández, zuständig für Chemikalienpolitik beim BUND, erklärt. Vielen Dank dafür.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.


[*] Wir haben das Foto an dieser Stelle ausgetauscht, weil auf dem vorherigen Bild eine Flasche der Marke Nalgene zu sehen war. Diese wirbt damit, BPA-freies Material für ihre Flaschen zu verwenden.

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