Mittwoch, 29. Juni 2022

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China
Zensur wegen Augenrollens

In China wird selbst eine kleine Regung im Gesicht als Kritik ausgelegt. Eine mitgeschnittene Szene aus dem Staatsfernsehen, in der eine Reporterin ihre Augen verdrehte und damit die anbiedernden Fragen ihrer Kollegin kommentierte, war zwischenzeitlich ein Internet-Hit. Inzwischen aber haben sich die chinesischen Zensoren eingeschaltet.

Von Steffen Wurzel | 14.03.2018

Ein Chinese sitzt vor einem Computer und nutzt den Twitter-ähnlichen Mikroblogdienst Weibo.
Der Weibo-Account einer Journalistin ist offenbar wegen Augenrollens nicht mehr online. (picture alliance / dpa / Imaginechina / Hu Jianhuang Nj)
Pressekonferenzen in China haben mit denen in Europa nicht viel zu tun. Vor allem, wenn Politiker auf dem Podium sitzen. Gefragt wird meistens sehr brav und zurückhaltend, Journalisten fungieren häufig nur als Stichwortgeber.
Entsprechend wenig Neues erfährt man in der Regel. Besonders eindrücklich zu erleben ist das zurzeit wieder, bei Pressekonferenzen während der Sitzung des Nationalen Volkskongresses, also des chinesischen Scheinparlaments in Peking.
Fernsehreporterin mit anbiedernden Fragen
Am Dienstag fragt eine ganz offenkundig sehr regierungsfreundlich gesinnte Fernsehreporterin nach chinesischen Firmen, die im Ausland investieren und danach, wie denn sichergestellt wird, dass dieses chinesische Geld nicht einfach im Ausland verschwindet. Das Ganze in säuselndem Ton, mit aufgesetztem Lächeln und einer anbiedernden Wortwahl, die aus der Feder der Propaganda-Abteilung der regierenden Kommunistischen Partei stammen könnte.
Das Staatsfernsehen überträgt. Die in Rot gekleidete fragende Reporterin ist groß zu sehen, außerdem im Bild eine zufällig neben ihr sitzende Kollegin in Blau. Die schnauft zu Beginn der anbiedernden Frage zuerst einmal kräftig durch, sichbar genervt von ihrer Nebensitzerin. Danach verzieht sie das Gesicht, runzelt die Stirn und beugt sich schließlich mit demonstrativ verdrehten Augen zur Seite.
Mitgeschnittene Szene wird aus dem Internet verbannt
Der Ausschnitt dieser Augenverdreh-Szene verbreitet sich rasend im chinesischen Internet. Inzwischen kursieren kleine nachgespielte Szenen. Smartphone-Nutzer schicken sich selbstgemachte Memes und GIF-Sticker und die BBC, die New York Times und andere internationale Medien berichten über den Vorfall.
In China hat das Ganze längst eine politische Ebene erreicht. Die fragende Fernseh-Journalistin in Rot steht sinnbildlich für den staatlich vorgegebenen Medien-Blödsinn Chinas. Die augenverdrehende Reporterin in Blau für das kleine Fünkchen inneren Widerstands gegen den inhaltsleeren Phrasen-Mainstream der Pekinger Politik.
Persönliches Account der Reporterin gelöscht
Liang Xiangyi heißt die Frau in Blau und ganz offenbar hat sie nun ein Problem. Nur wenige Stunden nachdem der Ausschnitt online ging, wurde er von der staatlichen Zensur gelöscht. Die Akkreditierung der Wirtschaftsreporterin wurde offenbar zurückgezogen, ihr persönlicher Account bei Weibo, dem chinesischen Twitter-Pendant, ist offline.
Suchanfragen nach ihrem Namen laufen in China ins Leere. Die staatliche Zensoren verstehen keinen Spaß. Und sie wollen ganz offensichtlich jegliche öffentliche Debatte über unkritische und lobhudelnde Reporterfragen verhindern.