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StartseiteCorsoWider die Schlauheit des Internets13.11.2019

Comic "Der analoge Mann"Wider die Schlauheit des Internets

Andreas Michalke ist ein Urgestein der Berliner Punk- und Comicszene, der in den 80er Jahren die erste autobiografische Langzeit-Comicserie in Deutschland zeichnete. Jetzt ist er über 50, hat nach wie vor kein Smartphone und zeichnet wieder Anekdoten aus seinem Leben.

Von Andrea Heinze

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(Reprodukt Verlag)
Andreas Michalkes Comic "Der analoge Mann" (Reprodukt Verlag)
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Andreas Michalke ist ein kleiner Mann mit Hut - und mit Füßen, die wie Mörser in den Schuhen reiben, so dass feinste Lederschuhe innerhalb einer Nacht durchgetanzt sind. So zeichnet sich Michalke selbst in einem seiner Comicstrips, und trägt dann doch lieber preiswerte Sneaker.

Andreas Michalke: "Jeder überhöht immer. Humor ist immer überhöhend, aber es ist schon eins zu eins so, wie ich das da beschreibe. Das gehört auch zu der Form dazu, das autobiografische Erzählen verlangt Ehrlichkeit und Echtheit und Authentizität."

Der Zeichner, DJ und Plattensammler ist mittlerweile Anfang 50 - und er skizziert in seinen Comics genau wie vor 30 Jahren Szenen aus seinem Alltag. Die Leser begleiten Michalke zum Beispiel bei seiner Schnäppchenjagd in Plattenläden. Die Leidenschaft für Punk hat er inzwischen ersetzt durch eine Leidenschaft für Swing-Musik. Das Feilschen um den besten Preis überlässt er aber nach wie vor seiner Intuition.

Analoges Leben ohne Smartphone

"Die Typen, die - während sie vor der Plattenkiste stehen - direkt mit ihrem Smartphone bei Discogs nachgucken, die lehne ich ab. Als analoger Mann 'weißt' du Sachen. Es geht auch darum, Sachen einfach mal zu wissen und nicht immer zu denken: 'Ich kann mal kurz nachschlagen.' Oder eben sich mal überraschen lässt. Ich finde es nicht gut, immer die Schlauheit des Internets mitzunehmen. Das ist doch nicht die eigene Schlauheit."

Andreas Michalke ist ein bisschen oldschool – er hat kein Smartphone. Abgesehen von der Geschichte im Plattenladen merkt man den Comics aber nicht an, dass Michalke analog unterwegs ist. Warum also der Titel "Der analoge Mann"?

"'Der alte weiße Mann' wäre halt zu blöde und negativ gewesen. Es hat ein Freund einen Song mal geschrieben über mich, der hieß 'Der analoge Mann', und ich fand den Titel gut und ich dachte, den könnte man mal übernehmen."

Selbstironie und Kreuzberger Kiez

Der Freund ist der Berliner Singer-Songwriter Franky Fuzz. Und die Selbstironie, die bei Andreas Michalke immer wieder mitschwingt, ist einer der Gründe, warum diese Comics so gut sind. Ein anderer Grund: Der Zeichner sammelt seine Geschichten ausschließlich in der Kreuzberger Nachbarschaft und eröffnet damit einen Mikrokosmos, in dem Trends und Politik mitunter ziemlich nah beieinander liegen. Zum Beispiel beim Besuch des türkischen Herrenfrisörs:

"Ich war so froh über meinen türkischen Frisör, der hat mir gut die Haare geschnitten, und plötzlich entpuppt der sich eines Tages als Erdogan-Fan kurz nach dem Putsch und erzählt, dass jetzt alle Gülen-Anhänger, die müssen rücksichtslos verfolgt werden und alle ins Gefängnis kommen, und ist dieser ganzen Erdogan-Propaganda auf den Leim gegangen. Das hat mich geärgert, und das fand ich total blöde. Ich liebe türkische Populärkultur, ob das nun türkischer Punk ist oder türkische Comics sind oder türkischer Rock'n'Roll der 60er-Jahre."

"Alles läuft irgendwie durch"

Seit mehr als 20 Jahren wohnt Andreas Michalke nun in Berlin-Kreuzberg und ist mit seinen Comics zu einem Chronisten des Bergmann-Kiezes geworden. Und er ist ein Urgestein der Zeitung "Jungle World", für die er schon 15 Jahre lang die Comic-Soap "Bigbeatland" gezeichnet hat.

"Ob das woanders funktionieren würde, ich weiß das auch gar nicht. Es ist auch nicht meine Absicht, woanders zu sein. Das ist auch so ein bisschen der analoge Mann, der alte Typ, der da immer noch ist, bei dieser Zeitung, wo man heute eigentlich nur noch durchläuft. Um dann bei der 'taz' zu landen oder bei einer größeren. Nur noch die Alten sind da länger. Der Rest läuft durch – überall durch. Niemand will doch irgendwo mehr sein. Man sucht doch immer nur den nächsten Punkt, um da wieder abzuspringen. Nee, ich bin gerne da, wo ich jetzt bin."

Andreas Michalke: "Der analoge Mann"
Reprodukt Verlag Berlin, 2019. 96 Seiten, 20 Euro.

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