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StartseiteMusikjournalWie gefährlich ist Chorsingen?25.05.2020

Coronavirus und AerosoleWie gefährlich ist Chorsingen?

Birgt das Chorsingen in Zeiten von Corona ein besonderes Risiko? Der Wissensstand dazu ändert sich beinahe täglich. Die Rolle der Aerosole, den Schwebeteilen in der Luft, rückt bei der Verbreitung des Virus immer mehr in den Fokus. Erste Untersuchungen zeigen, worauf beim Singen geachtet werden muss.

Von Marcus Stäbler

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Chorsingen in Zeiten von Corona, Stockholm, Schweden (picture alliance / Alexander Farnsworth)
Chorsingen in Zeiten von Corona, Stockholm, Schweden (picture alliance / Alexander Farnsworth)
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Ansteckung beim Proben Im Chor singen geht nicht digital

Die Lage ist kompliziert: so viel lässt sich mit Sicherheit sagen. Einerseits bildet das gemeinsame Singen für viele Millionen Menschen auf der Welt einen unverzichtbar wichtigen Teil ihres kulturellen und sozialen Lebens. Andererseits haben die Aktivitäten von einigen Chören Anfang März offenbar Ansteckungen mit dem Coronavirus vervielfacht und beschleunigt. Aus Deutschland, der Schweiz und Österreich, aus Spanien, Frankreich, den Niederlanden und den USA sind bisher insgesamt neun verschiedene Ansteckungs-Cluster bekannt, bei denen sich insgesamt etwa dreihundert Chorsängerinnen und Chorsänger infiziert haben und teilweise schwer erkrankt sind. Vereinzelt gab es sogar Todesfälle.

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Die Verbreitungswege des Virus bei den betreffenden Proben und Aufführungen sind bisher nur in Ansätzen dokumentiert. Deshalb ist auch noch gar nicht abschließend geklärt, ob es tatsächlich einen ursächlichen Zusammenhang zwischen dem Singen in größeren Gruppen selbst und den hohen Infektionszahlen gibt.

Lassen sich die Übertragungen mit der in Chören normalerweise üblichen Nähe und dem herzlichen Umgang der Mitglieder vor, während und nach den Proben erklären? Dann wäre das Problem tatsächlich mit dem konsequenten Einhalten von Abstands- und Hygieneregeln in den Griff kriegen. Zumal die Choristen, wie andere Menschen auch, das Einhalten dieser Regeln mittlerweile mehrere Wochen im Alltag trainiert haben und jetzt viel geübter sind als noch im März. Ohne direkte Kontakte gäbe es keine Kontaktübertragung. Und ab einer Distanz von eineinhalb Metern dürften auch die Tröpfchen kaum Chancen haben uns zu erreichen, weil sie vorher zu Boden fallen, selbst wenn jemand heftig Husten muss.

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Welche Rolle spielen die Aerosole? 

Aber es gibt zumindest Zweifel, ob die Infektionen wirklich alle über direkten Kontakt oder Tröpfchen erfolgt sind – weil etwa bei der Berliner Domkantorei auch der Kantor und die Korrepetitorin erkrankt sind, obwohl sie ausreichend Abstand zum Chor hatten. Das wirft die Frage nach der Rolle der Aerosole auf.

Aerosole sind feinste Schwebeteilchen, manche so klein wie eine Tausendstel Haaresbreite, die nach dem Austritt aus Mund und Nase, anders als die Tröpfchen, nicht sofort von der Schwerkraft zu Boden gezogen werden. Wie lange sich diese Aerosole möglicherweise in der Raumluft halten und bis wann sie infiziertes Material übertragen können: darüber herrschen in der Wissenschaft geteilte, teilweise widerstreitende Meinungen. 

Christian Kähler, Professor für Aerodynamik an der Universität der Bundeswehr in München, hält die Infektion über Aerosole unter normalen klimatischen Bedingungen für sehr unwahrscheinlich, weil sie schnell verdunsten. Aber es gibt aktuelle Studien, etwa aus China, die zeigen, wie sich mehrere Menschen im selben Raum trotz einiger Meter Entfernung zum Erkrankten mit dem Coronavirus angesteckt haben. Daher liegt es nahe, das Aerosol als Träger der Virus anzunehmen. Wenn Aerosole also länger als die Tröpfchen durch die Gegend schweben und die gesamte Luft eines Raums mit der Zeit kontaminieren, würden normale Abstandregeln nicht mehr helfen – sofern eine infizierte Person anwesend ist.

Die mögliche Bedeutung der Aerosole für die Übertragung des Coronavirus ist in den letzten Wochen stärker in den Fokus der Wissenschaft gerückt. Dazu sind noch genauere Untersuchungen nötig, wie sie etwa der Phoniatrie-Professor Matthias Echternach vom LMU Klinikum München derzeit mit dem Chor des Bayerischen Rundfunks durchführt.

Einfache Wahrheiten oder gar hundertprozentige Garantien gibt es bei vielen der wichtigen Fragen bis heute nicht. Sollte das Singen in größeren Gruppen wieder erlaubt werden, liegt deshalb eine hohe Verantwortung bei einem selbst. Jede Chorleiterin und jeder Chorleiter, jeder Sänger und jede Sängerin wird genau abwägen müssen, ob und in welcher Situation man sich ausreichend sicher fühlt und welche Schritte gerade die richtigen sind. Für diese Entscheidungen ist es natürlich wichtig, den weiteren Verlauf der Pandemie und die neuen Forschungsergebnisse und daraus abgeleiteten Ratschläge verschiedener Experten und Institutionen zu verfolgen. 

Am besten draußen im Freien singen

So lassen sich etwa aus der erst am vergangenen Dienstag aktualisierten Risikoeinschätzung des Freiburger Instituts für Musikermedizin einige Empfehlungen ableiten. Die allersicherste Variante ist es demnach grundsätzlich, draußen im Freien zu singen, mit zwei Metern Abstand untereinander und mit Mund-Nasen-Schutz – auch wenn gerade das Tragen einer Maske für viele Sängerinnen und Sänger schwer vorstellbar ist.

Um das Ansteckungsrisiko auch beim Singen in geschlossenen Räumen möglichst gering zu halten, ist neben dem Abstand, den üblichen Hygieneregeln und dem Tragen einer Maske sowie einer versetzten Aufstellung der Sängerinnen und Sänger vor allem auch ein gründliches und regelmäßiges Lüften erforderlich – darin sind sich die verschiedenen Experten einig.
 

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