Hackerangriffe
Cyber-Angriff auf Berlin: Die digitale Verwundbarkeit deutscher Behörden

Der jüngste Hackerangriff auf Berlin zeigt: Deutschlands Behörden sind digital verwundbar. Warum ist die IT-Sicherheit so mangelhaft und welche Gegenmaßnahmen werden ergriffen?

    Datendieb (Illustration)
    Infolge des Hackerangriffs auf das Landesnetz Berlin sind Millionen hochsensible Datensätze im Darknet gelandet (IMAGO / imagebroker / Anastasiia Torianyk)
    Der jüngste Cyberangriff auf das Berliner Landesnetz hat die Verwundbarkeit der kritischen Infrastruktur offengelegt. Nachdem die Hackergruppe Rhysida sensible Daten im Darknet veröffentlichte, steht die IT-Sicherheit der öffentlichen Verwaltung in der Kritik.
    Der Vorfall zeigt, dass deutsche Behörden den professionellen Angriffsmethoden internationaler Erpresserbanden und staatlicher Akteure derzeit kaum gewachsen sind. Was sich ändern muss und wie Politik und Experten daran arbeiten.

    Inhalt

    Der Hackerangriff in Berlin und seine Folgen

    Am 14. August startete die Hackergruppe Rhysida einen Cyberangriff auf das Berliner Landesnetz, woraufhin zwei Senatsverwaltungen isoliert waren. Fünf Tage lang konnten Bürger unter anderem kein Wohngeld beantragen oder ausgezahlt bekommen. Weil das Land Berlin die geforderte Lösegeldzahlung von 30 Bitcoin, umgerechnet rund zwei Millionen Euro verweigerte, stellten die Erpresser rund 1,4 Millionen hochsensible, unverschlüsselte Datensätze mit einem Gesamtvolumen von über 5 Terabyte ins Darknet – mit dem zynischen Aufruf „Viel Spaß beim Stöbern, Datenjäger!“
    Der beispiellose Datenabfluss umfasst vertrauliche Personalakten sowie kritische Sicherheitspläne. Unter den Dokumenten befinden sich Adressen, Bankverbindungen, Disziplinarverfahren, aber auch sensible Pläne zum Zivilschutz, zu Notstromanlagen und anderen Objekten, die im Verteidigungsfall besonders geschützt werden müssten, wie Krankenhäuser, Tanklager und Rüstungsbetriebe. Auch eine Schwachstellenanalyse der Berliner Wasserbetriebe soll sich unter den im Darknet veröffentlichten Dateien befinden.

    Mangelhafte Cybersicherheit in deutschen Behörden

    Der IT-Experte Manuel Atug von der staatlich und wirtschaftlich unabhängigen AG Kritis wirft dem Land Berlin grobe Fahrlässigkeit vor und zeigt sich schockiert darüber, dass strengste Vorschriften für geheime Verschlusssachen offenbar unzureichend angewendet wurden. Bereits 2023 und 2025 hatte er als Sachverständiger im Innenausschuss vor eklatanten Sicherheitslücken gewarnt und die Verantwortlichen ermahnt: „Ihr betreibt desolate Cybersicherheit.“
    Tatsächlich gelten deutsche Behörden in vielen Bereichen als digital rückständig. Die IT-Sicherheitsexpertin, Hackerin und Aktivistin Gabriela Bogk vom Chaos Computer Club gibt ihnen in Sachen Datensicherheit die Schulnote vier minus. Die Gründe dafür sind vielfältig. Ein Kernproblem ist die starke Abhängigkeit von außereuropäischen Anbietern. Da viele sensible Bürgerdaten auf US-Servern liegen, fehlt es an digitaler Souveränität.
    Obwohl in Europa gesetzliche Rahmenbedingungen wie die NIS-2-Richtlinie schon im Jahr 2022 verschärft wurden, um Behörden und Unternehmen zu strengeren Schutzmaßnahmen zu verpflichten, hinkt deren praktische und flächendeckende Umsetzung in der föderalen Struktur Deutschlands Jahre hinterher.
    Besonders kommunale Verwaltungen sind beliebte Ziele für Cyberangriffe. Im Gegensatz zu Bundesbehörden müssen sie eine Vielzahl unterschiedlicher IT-Verfahren und Altsysteme betreuen, was die Systeme verwundbar macht. Darüber hinaus fehlt es ihnen an hochqualifiziertem Fachpersonal: Im Wettbewerb um IT-Sicherheitsexperten kann der öffentliche Dienst finanziell in Sachen finanzieller Attraktivität und Karrieremöglichkeiten oft nicht mit der privaten Wirtschaft konkurrieren. Bis zum Jahr 2030 könnten bis zu 140.000 IT-Fachkräfte in deutschen Behörden fehlen, laut einer Analyse der Unternehmensberatung McKinsey.
    Gleichzeitig hat sich die Bedrohungslage drastisch verschärft. Behörden stehen heute nicht mehr nur klassischen Einzeltätern gegenüber, sondern hochprofessionellen, kriminellen Erpresserbanden wie Rhysida oder LockBit sowie staatlich gesteuerten Akteuren, die gezielte Sabotage und Wirtschaftsspionage betreiben.

    Maßnahmen gegen die digitalen Sicherheitslecks

    Mit dem Programm CyberGovSecure hat die Bundesregierung im Sommer 2026 eine Bündelung von Sofortmaßnahmen beschlossen, um Verwaltungen in Zukunft besser zu schützen. Alle Ressorts und obersten Bundesbehörden sollen künftig einheitliche Sicherheitsstandards für ihre IT nutzen. Das parallel in der Konzeption befindliche Programm Cyberdome unterstützt den Aufbau einer gesamtstaatlichen Schutz-Infrastruktur in Deutschland. Dazu soll das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) personell und strategisch weiter gestärkt werden.
    Die größte geplante strategische Stärkung wurde jedoch gestoppt: Die Bundesregierung hat im September 2026 den Plan aufgegeben, das BSI über eine Grundgesetzänderung zu einer echten nationalen Zentralstelle auszubauen. Dies schränke die Möglichkeiten der Bonner Behörde zur Reaktion auf Cyberangriffe erheblich ein, beklagt der Grünen-Fraktionsvorsitzende Konstantin von Notz.
    Gleichzeitig zwingt die EU-Richtlinie NIS-2 deutsche Behörden zu strengen Risikoanalysen und Notfallplänen. Da die Behörden in vielen Kommunen chronisch unterfinanziert sind, fordern Experten wie Manuel Atug seit Jahren gezielte finanzielle Hilfe sowie zentrale IT-Dienstleister.

    Onlinetext: Philipp Jedicke / Quellen: Deutschlandfunk, dpa, tagesschau.de