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Das "Gesicht des Bösen"

Der Unmut der Griechen in der Euro-Diskussion zielt immer mehr auf eine Person: Angela Merkel. Sie ist in Griechenland die bekannteste Deutsche, aber auch die mit Abstand unbeliebteste.

Von Steffen Wurzel | 07.09.2011

"Angela Merkel ist für Griechenland sehr, sehr schlecht. Sie sollte sich mal eine Scheibe bei Helmut Kohl abschneiden! Merkel ist in einem kommunistischen Land groß geworden, sie ist eine Frau, die nichts von Politik versteht."

"Sie ist egoistisch! Sie achtet nur auf die Interessen Deutschlands. Wie es den anderen Ländern geht, interessiert sie gar nicht."

Angela Merkel ist die mit Abstand bekannteste Deutsche in Griechenland. Der Haken an der Sache: Man muss schon sehr viele Menschen fragen, bis man einmal eine einigermaßen positive Meinung über sie zu hören bekommt. Das klingt dann so, wie bei dieser 26-jährigen Studentin aus Athen:

"Merkel ist für viele hier das Gesicht des Bösen, der Sündenbock. Sie verkörpert all das, was uns Griechen Schlechtes widerfahren ist. Ob das tatsächlich stimmt, weiß ich nicht. Viele an ihrer Stelle hätten bestimmt genauso gehandelt."

Im Rundfunk, in Zeitungen, online, auf Plakaten und Protest-T-Shirts von Demonstranten: Angela Merkel ist in Griechenland immer dann abgebildet, wenn es im weitesten Sinne um die europäische Komponente der Schuldenkrise geht. Als Fernsehbild, als Fotografie oder - sehr beliebt - als Karikatur. Einer der bekanntesten Karikaturisten Griechenlands ist Petros Servos. Er zeichnet für die Wochenendausgabe der links-orientierten Athener Zeitung Eleftherotypia:

"Wir leben heutzutage in einem 'Global Village'. Die griechische Krise beeinflusst die internationale Krise. Deswegen kommen die Hauptdarsteller der europäischen politischen Szene nun auch hier bei uns, in den griechischen Karikaturen vor."

Petros Servos hat die deutsche Bundeskanzlerin in seinen Zeichnungen in den vergangenen Monaten immer wieder karikiert. Als Vollstreckungsgehilfin des Internationalen Währungsfonds oder als strenge Kapitänin auf dem europäischen Schiff, die die Euro-Schuldenländer einfach über Bord wirft. Beliebt bei griechischen Karikaturisten ist außerdem der Rückgriff auf die Geschichte, genauer gesagt auf die Zeit, als Deutschland unter dem Hitler-Regime Griechenland besetzte. Angela Merkel als strenge SS-Frau, als neue Führerin oder Besatzerin: Aus deutscher Sicht mag das etwas platt daherkommen, aber aus griechischer Sicht sei das absolut naheliegend, sagt der Karikaturist Petros Servos:

"Das griechische Geschichtstrauma erzeugt Klischees und Vorurteile. Viele Leute vergleichen, wie Deutschland früher auf Griechenland gewirkt hat mit der heutigen Situation. Früher war es mit Waffengewalt, heute ist es wirtschaftliche Gewalt."

Die traditionell guten griechisch-deutschen Beziehungen haben kräftig gelitten in den vergangenen anderthalb Jahren. Schuld dürften vor allem die populistischen Diskussionen in den Boulevardmedien beider Länder sein. Viele Griechen sind aber auch der Meinung, dass Angela Merkel zu lange gewartet hat mit ihrem Bekenntnis: Ja, wir helfen Griechenland.

"Sie war lange zögerlich. Merkel sieht die EU nicht als Familie, die sich gegenseitig hilft, sie sieht nur die Interessen Deutschlands. Als wäre man dort unabhängig vom Rest Europas. Das ist Merkels großer Fehler."

Petros Servos, der Karikaturist der Zeitung Eleftherotypia, bestätigt die Meinung dieser Athenerin. In den vergangenen Jahrzehnten habe man es stets mit außerordentlich europafreundlichen deutschen Bundeskanzlern zu tun gehabt, das habe sich nun geändert.

"Wir vergleichen Merkel mit früheren deutschen Regierungschefs: mit Helmut Kohl, Helmut Schmidt und Willy Brandt. Die hatten noch europäische Visionen. Heute schauen die Politiker nur auf ihr eigenes Land. Merkel schaut zuerst auf die Interessen Deutschlands, danach auf Europa."