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StartseiteCorsoExpeditionen nach Terra incognita31.01.2018

Das Kollektiv Slavs & TatarsExpeditionen nach Terra incognita

Das 2006 gegründete Künstler- und Forscherkollektiv Slavs & Tatars beschäftigt sich bilderstürmerisch mit dem riesigen Gebiet "Eurasien", zwischen Berliner und Chinesischer Mauer, mit Mentalitäten, Mythen, Traditionen und Verschiebungen. Ihre aktuelle Ausstellung dreht sich um einen Wahlverwandten aus dem 18. Jahrhundert.

Von Peter Backof

Junge Frau vor der Nur-Astana Moschee in Astana, Kasachstan. (imago stock&people)
Eurasische Identität oder globalisierter Islam? Fragen, mit denen sich Slavs & Tartars beschäftigen (imago stock&people)
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Slavs and Tatars

Ausstellung "Die Grenze" Über die Grenzen in den Köpfen

Peter Backof: Hallo Payam Sharifi, gibt es einen Grund, dass Sie mit Slavs and Tatars als Kollektiv auftreten, keine Namen nennen, anonym bleiben? Vielleicht einen politischen Grund?

Payam Sharifi: Wir sind gar nicht anonym. Also entweder sind wir Slavs and Tatars oder nennen konsequent alle Namen, so dass es unübersichtlich wird. Wir wollen einfach nicht diese menschliche Neugier befeuern, im Leben anderer Menschen herumzuwühlen.

Backof: Also geht es auch gegen das System Kunst, mit Künstler-Vita et cetera?

Sharifi: Auch das. Es ist menschlicher Instinkt und ich mache das ja auch, wenn ich ein Werk sehe, das mir gefällt: Wer ist das, wo sind die her, wo haben die studiert, wie alt sind die? Ich halte das aber nicht für besonders produktiv, auch wenn es alle interessiert.

Backof: Das Arbeitsgebiet von Slavs and Tatars ist nachgerade riesig groß. Sie beschäftigen sich mit dem Raum Eurasiens. Haben Sie mal eine Zahl; um wie viele Quadratkilometer geht es da?

Sharifi: Nein. Aber schon lustig: Wenn Sie sich die Quadratkilometerzahl Eurasiens über die Jahrhunderte ansehen, dann ist die Sowjetunion das historisch größte Imperium, größer als das Mongolenreich oder das British Empire.

Backof: Mir ist Eurasien geläufig aus Orwells "1984". Da sind aber, anders als im Realen, alle Menschen gleich gepolt, in einer totalitären Welt.

"Von explore zu exploit"

Sharifi: Geographisch betrachtet ist es ja ein Kontinent. Wobei die Grenze zwischen Europa und Asien immer willkürlich und veränderlich verlief. Uns interessieren programmatisch Zwischengebiete. Zentralasien ist überwiegend muslimisch, aber es ist nicht der Mittlere Osten. Zentralasien ist zumeist Russisch-sprachig, aber es ist nicht Russland. Russland, das Osmanische Reich, der chinesische Einfluss, das sind so Kraftzentren, aber nicht die Identität. Die ist dazwischen. Und das interessiert uns. Auch die Unsichtbarkeit, die im 20. Jahrhundert entstand. Was weiß man denn schon über Kasachstan?

Backof: Ja. Oder Turkmenistan. Für mich gibt es da zwei Narrative. Einmal: Die Seidenstraße, schillernder Reichtum, Samarkand. Und dann: Die Welt nach dem Kalten Krieg, wo plötzlich all diese Nationen sichtbar wurden. Zahlreiche Fotoserien von Slavs and Tatars seit 2006 sind immer so genau so zwischen opulentem Ornament und Planwirtschaft vom Reißbrett. Trifft es das? 

Sharifi: Na vor allem beschäftigt uns mal das Thema Religion. Kulturleute beschäftigen sich normalerweise nicht mit Religion. Die ist als Thema verpönt und wird ausgeklammert. Aber aus anthropologischer Sicht muss man doch einräumen, dass Religion durchaus weltverändernd war und ist. Nehmen Sie mal das Beispiel Deutschland. Das hat ja so das Image, das Land der Aufklärung zu sein. Aber der Protestantismus - eine religiöse Motivation! - hat die Welt umgewälzt. Protestantismus und Aufklärung, da sagt man jetzt, das sind Kräfte der Modernisierung und zum Guten hin. Aber sehen Sie es auch mal so: Wegen der Aufklärung gab es dann den Kolonialismus. Von der Erforschung - englisch explore - zur Ausbeutung - englisch exploit - ist es nicht weit.

"Es sollte eigentlich tausend verschiedene Ansätze geben"

Backof: : Nun sind wir im gerne mal erzkatholisch genannten Münster und sie rücken eine Persönlichkeit in den Mittelpunkt ihrer Schau, die 1788 in Münster gestorben ist und eben aus der Zeit der Aufklärung?

Sharifi: Johann Georg Hamann war ein Philosoph im 18. Jahrhundert, ein Zeitgenosse Kants, ebenfalls aus Königsberg. Und er war der Bad Boy der Aufklärung. Das heißt, er war nicht gegen die Aufklärung, aber gegen das Vertrauen auf die reine Vernunft. Er glaubte nicht an die Trennung von Körper und Geist, Gedanke und Tat.

Backof: Also ein Anti-Immanuel-Kant?

Sharifi: Ja genau. Und er ging her und attackierte Kant! Und war dabei so meschugge, in seiner Art zu schreiben, dass sich Kant und andere ganz gern mit ihm abgaben; sie mochten ihn. Goethe nannte ihn dann den hellsten Geist deutscher Kultur, Kierkegaard den größten Humoristen der Geschichte. Aber irgendwie wurde er vergessen, weil er nicht in dieses Image von der rationalen Aufklärungswelt passt.

Auch ein Grund, warum wir Slavs and Tatars gegründet haben: Egal, wo du bist auf der Welt, in Heidelberg, Harvard, Jakarta, Teheran, überall herrscht dieses System der Aufklärung. Es sollte eigentlich tausend verschiedene Ansätze geben!? 

"Der Kitab-Kepab bringt das Rationale und das Verdauliche zusammen"

Backof: Und Sie, Slavs and Tatars, sind die Unzivilisierten, die dagegen revoltieren? 

Sharifi: Also das beschreibt unsere Arbeit wohl am besten: Wir verdichten vermeintlich Widersprüchliches in einem Objekt. Ich nehme Sie mal mit in die Ausstellung. Das hier ist ein Kitab-Kebap, ein Buch-Sandwich. Da bringen wir das Rationale und das Verdauliche in Hamanns Sinn wieder zusammen. Der Darm als Erkenntnisorgan. Nebenbei etwas, was Gastro-Internisten auch der so genannten aufgeklärten westlichen Medizin zunehmend beschäftigt.

Und hier sehen Sie eine Installation aus einem Hamburger Gitter, so nennt man das, glaube ich, womit man Menschenmassen absperrt, bei Festivals oder beim City-Marathon. Wir haben das Gitter jedoch modifiziert zur Saftbar. Besucher können hier gerne was bestellen und konsumieren, müssen allerdings dabei knien wie an einer Kirchenbank. Dies alles, wie in einer Widmung von Hamann selbst: "Für die Langeweile des Publikums, von einem Liebhaber der langen Weile."

Backof: Und hier ein riesiger Gebetsteppich? Da sind arabische Schriftzeichen.

Sharifi: Ja und wissen Sie, was da steht? Jesus, Sohn Marias, ist die Liebe! Im Frühmittelalter war Arabisch eben auch legitime Sprache der Christenheit. Gegen die Denkschemata, da sind wir genau bei der Arbeit von Slavs and Tatars. In unseren Büchern finden Sie nie Deleuze, Lacan oder Marx, auf die wir uns beziehen. Wir interessieren uns eben für das Unbekannte, Verschüttete, noch nie Gelesene.

Backof: So wie Johann Georg Hamann.
 
Sharifi: Naja, ganz vergessen ist er ja nicht. Einer von zehn wird ihn kennen und er erlebt gerade ein Comeback, wird als Proto-Postmodernist bezeichnet. So Ideen wie: Nicht du liest den Text, sondern der Text liest dich! Er hat nie ein Buch veröffentlicht, aber war trotzdem in aller Munde, durch seine Artikel und Pamphlete. Deswegen verwenden wir für die Ausstellung auch Hip Hop-Schriftbilder. Für uns ist er ein Rebell gegen das Establishment.

Backof: Wovon hat der eigentlich gelebt, damals?
 
Sharifi: Kant hat ihm einen Job besorgt. Übersetzungen aus dem Französischen. Das wird seine Hassliebe befeuert haben gegen alles Wohlerzogene, Französische, das ja die Zeit prägte

Backof: Und? Hat er denn richtig übersetzt oder auch schon mal proto-punkig kreativ?

Sharifi: Ja, das wissen wir nicht.

Backof: Einiges anderes lernen wir hier dafür aber kennen. Danke für das Gespräch.

Sharifi: Danke. Ihnen auch.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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