Dienstag, 16. August 2022

Archiv


Das MoMA braucht mehr Platz

Das MoMA in New York ist reich und groß. Und es will noch größer werden. Deshalb hatte der Vorstand vor zwei Jahren ein kleines vierstöckiges Gebäude gleich nebenan erworben. Es war nicht irgendein Haus, sondern das Folk Art Museum.

Von Jürgen Kalwa | 11.05.2013

    Das Wort steht in keinem Nachschlagewerk. Es ist ein kreativer Begriff, der einen Vorgang beschreibt, auf den Menschen, die sich für Kunst und Design interessieren, mit purem Entsetzen reagieren.

    ""The word you are thinking of was architecture-cide.”"

    "Architecture-cide”, so sagt Paul Goldberger, einer der einflussreichsten Architekturkritiker Amerikas – früher bei der "New York Times", nun beim Monatsmagazin "Vanity Fair", enthält in dieser kurzen Nachsilbe den Wortstamm einer Tragödie.

    ""The suffix 'c-i-d-e' in English means 'killing'. Suicide is killing of oneself. Homicide is killing of a man.”"

    In all diesen englischen Wörtern hat "cide" die Bedeutung von Mord. Das einzige, was "Architecture-cide" – der Mord an einem Gebäude – von den anderen Begriffen unterscheidet: Er steht nicht im Strafgesetzbuch.

    Das ist auch nicht nötig, denn in diesem Fall sind zumindest ein paar Dinge klar: wer der Täter ist und dass er für das Vorhaben öffentlich an den Pranger gestellt wird. Seit ein paar Wochen wächst die Kritik. Seit sich herumgesprochen hat, dass ausgerechnet das Museum of Modern Art in Midtown Manhattan so etwas macht, eine Institution, die seit ihrer Gründung Ende der zwanziger Jahre nicht nur der Malerei, sondern auch dem Thema Architektur verpflichtet ist. Paul Goldberger:

    ""Solch eine Geschichte hat es noch nirgendwo gegeben, dass ein zwölf Jahre altes Gebäude abgerissen werden soll, das bewundert wird, was sie noch ungewöhnlicher macht: Es handelt sich nicht um irgendeinen Immobilienspekulanten, sondern um eine kulturelle Institution – das Museum of Modern Art."

    Das MoMA ist reich und groß. Und es will noch größer werden. Deshalb hatte der Vorstand vor zwei Jahren kein Problem, ein kleines vierstöckiges Gebäude gleich nebenan zu erwerben, das für rund 30 Millionen Dollar zu haben war. Es war nicht irgendein Haus, sondern das Folk Art Museum, das schwer mit der Hypothek kämpfte.

    Es war auch nicht irgendein Entwurf, den das New Yorker Architektenehepaar Billi Tsien und Todd Williams zehn Jahre vorher fertiggestellt hatte. Es war ein architektonisches Kleinod, hochgelobt und einer der Gründe, weshalb die beiden den Auftrag für den Neubau der Barnes Collection in Philadelphia bekamen. Der wurde im letzten Frühling eröffnet.

    Zunächst hoffte die Architektin Billie Tsien noch:

    ""Deine Gebäude sind wie deine Kinder. Und dies ist ein Kind, das wir besonders lieb gewonnen haben. Ich kann nur hoffen, dass es das Museum nutzt, vielleicht als Ausstellungsfläche. Es wäre das Beste, was dem Gebäude passieren kann.”"

    Daraus wird wohl nichts. Woanders hätte man den Abriss eines funktionstüchtigen Nutzbaus gar nicht erst in Erwägung gezogen. Was für eine Verschwendung von Ressourcen. Aber in New York ist so etwas immer möglich. Auch wenn Paul Goldberger dachte, dass die Stadt diese radikale Haltung längst aufgegeben hatte.

    ""New York ist sich seiner Vergangenheit viel stärker bewusst als früher. Vor 30 oder 40 Jahren wurde jeden Tag irgendetwas abgerissen. Inzwischen zögern wir da eher.”"

    Wirklich alte Häuser abzureißen, ist inzwischen auch wirklich schwierig geworden. Dem stellen sich womöglich die städtischen Denkmalspfleger in den Weg. Die Landmarks Preservation Commission. Die Crux mit dem Folk Art Museum? Es ist zu jung, um vor der Abrissbirne geschützt werden zu können. 30 Jahre – so alt müsste es wenigstens sein.

    Wie hoch sind die Chancen, dass das MoMA vielleicht doch noch ein Einsehen hat und die zahllosen Proteste von Architekten und Architekturkritikern ernst nimmt? Paul Goldberger sieht eine Chance von 30 Prozent. Die Chance, dass noch etwas anderes kaputtgeht, ist dagegen sehr viel größer.
    ""Es macht einen traurig, zu sehen, wie eine Institution, die man immer bewundert hat, auch wegen der moralischen Werte, die sie repräsentiert, sich so gleichgültig verhält, wenn es um Dinge geht, die ihr im Weg stehen.”"