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Das zweifache Trauma von Katyn

Hunderttausende Menschen haben am Wochenende der Opfer des Flugzeugabsturzes in Polen gedacht - unter ihnen auch die Schwestern Izabella und Magdalena - ihr Vater war der Vorsitzende der Vereinigung der Katyn-Familien und ist nun das zweite Familienmitglied, das bei Katyn ums Leben gekommen ist.

Von Florian Kellermann | 19.04.2010

    Ein Altbau in der Krakauer Innenstadt: Vor dem Eingang stehen sieben Grablichter, eines von ihnen flackert noch. Jemand wollte daran erinnern, dass hier bis vor kurzem Andrzej Sariusz-Skapski wohnte. Ganz oben im vierten Stock, gegenüber seiner alten Wohnung, lebt seine Tochter Izabella. Sie freut sich, wenn die Menschen ihres Vaters gedenken, auch wenn sie sie kaum kennt

    "Gestern habe ich zufällig eine Frau gesehen, die Blumen vor die Haustür gelegt hat. Sie war einmal als Übersetzerin bei uns, als wir Gäste aus dem Ausland hatten. Sie habe sich nicht getraut anzurufen, hat sich gesagt. Solche Gesten rühren mich sehr und helfen mir."

    Izabella Sariusz-Skapska hat eine schwere Woche hinter sich. Sie musste nicht nur den Tod ihres Vaters verkraften, sondern außerdem noch Interviews über ihn geben und bei der Identifizierung seines Leichnams helfen.

    "Ein Cousin meines Vaters ist nach Moskau geflogen - für mich und meine Schwester wäre das zu belastend gewesen. Aber ich musste am Telefon viele Fragen beantworten - wie die Brille meines Vaters ausgesehen hat und welche Dokumente er in seiner Tasche bei sich trug. In solchen Momenten hilft einem die kollektive Trauer in unserem Land nicht, da ist man ganz allein."

    Für Izabella Sariusz-Skapska ist Katyn der Ort, an dem ihrer Familie schon einmal großes Leid geschah. 1940 wurde dort ihr Großvater umgebracht. Er war Staatsanwalt, Teil der polnischen Elite, und fiel deshalb den Sowjets zum Opfer. Sein Sohn Andrzej, der nun beim Flugzeugabsturz starb, war damals zwei Jahre alt. Wenige Jahre später starb auch seine Mutter.

    Diese Geschichte hat die heute 46-jährige Izabella geprägt. Sie studierte Literatur - und promovierte über Romane, die das Leben in sowjetischen Arbeitslagern schildern.

    Das Schicksal ihres Großvaters beeinflusste den Lebensstil der ganzen Familie, sagt Izabellas Schwester Magdalena, die auch in Krakau, nur wenige Gehminuten entfernt wohnt.

    "Für meinen Vater war die Familie immer das Wichtigste im Leben, wohl deshalb, weil er seine Eltern kaum kannte. Für andere sind Karriere und Arbeit bedeutend, aber bei uns herrschte immer eine ganz warme, herzliche Atmosphäre."

    Magdalena wollte am Samstag des Absturzes ebenfalls an der Gedenkfeier in Katyn teilnehmen. Sie war mit dem Zug dorthin gereist. Als das Unglück passierte, wartete sie auf die Ankunft ihres Vaters.

    "Ich habe den dichten Nebel bemerkt und hatte sofort ein schlechtes Gefühl, ich habe selbst Angst vorm Fliegen. Als mein Vater dann nicht anrief und die Journalisten zu tuscheln begannen, wusste ich, dass etwas passiert ist. Aber ich konnte nicht zum Flughafen, ich musste an der Feier teilnehmen. Ich habe mich wie in einem Gefängnis gefühlt."

    Magdalena Sariusz-Skapska wirkt gefasst, sie versucht, sich die Trauer nicht anmerken zu lassen. Sogar zur Arbeit ist die Psychotherapeutin in der vergangenen Woche gegangen, zumindest für ein paar Stunden pro Tag.

    Ihrer zweijährigen Tochter will sie jetzt noch nicht vom Tod ihres Opas erzählen. Die kleine Julia soll erst in ein paar Jahren die Wahrheit erfahren, wenn sie die Nachricht auch verarbeiten kann. Immerhin hat Magdalena Freunde, die jetzt ab und zu auf das Kind aufpassen.

    Die beiden Schwestern versuchen, nach vorne zu schauen. Vor allem denken sie daran, wie sie das Vermächtnis ihres Vaters fortführen können: das Gedenken wachzuhalten an die vielen Menschen, die in Katyn starben. Magdalena sagt:

    "Über eines wird er sich wohl freuen, wenn er von oben herunterschaut: Die ganze Welt interessiert sich jetzt für das Massaker vor 70 Jahren. In vielen Ländern wird der Film darüber von Andrzej Wajda gezeigt, sogar in Russland. Aber der Preis, den wir dafür zahlen mussten, ist schrecklich."