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David in der Klimabox

Technik. - Ganze acht Monate lang brachten Restauratoren Michelangelos David mühsam bis in die Poren auf Vordermann. Damit das Meisterwerk nicht in Windeseile wieder ergraut, kommt die Statue jetzt unter eine Klimaglocke, über die ein Rechner wacht.

    Die vermutlich bekannteste Schöpfung Michelangelo Buonarrotis - kurz Michelangelo - ist wohl die Skulptur des David. Fast drei Jahrhunderte lang stand David seit 1504 im Freien und ungeschützt vor den Einflüssen des Wetters, bevor er in einen Saal der florentinischen Akademie der Künste verlegt wurde. Doch auch diese Kasernierung bewahrte die aus einem einzigen Block entstandene Statue nicht vor weiterer Verschmutzung, erklärt die Biologin Wanda Martini: "Als die Skulptur im vergangenen Jahr einer gründlichen Reinigung unterzogen wurde, mussten Kunsthistoriker feststellen, dass ihre Oberfläche durch die Luftverschmutzung extrem porös geworden war." Als alarmierte Forscher des umweltbiologischen Instituts der Universität Florenz vorschlugen, auch die Luft im Museum zu untersuchen, kamen sie zu erschreckenden Ergebnissen. So ist etwa die Luft in Davids aktueller Residenz nahezu ebenso mit Schadstoffen belastet wie die Straße vor dem Museum und setzt daher seiner Marmorhaut empfindlich zu. Um Abhilfe zu schaffen, ersannen Ingenieure vom interdisziplinären Zentrum für Umwelt und Restaurierung der Architekturfakultät von Rom ein aufwändiges Klimatisierungssystem, an dem es der Akademie bislang mangelte und das nun den biblischen Helden selbst vor den Abgasen schützt.

    "Dabei ging es uns nicht darum, nur einen sterilen Klimakasten für die Skulptur zu entwickeln. Unser System passt vielmehr das Klima innerhalb der Glasbox dem Raum an, in dem sie sich befindet. Ein Computer ermittelt die jeweilige Temperatur und Luftfeuchtigkeit in dem großen Saal der Akademie der Künste und erzeugt exakt dieses Ambiente auch in der Glasbox - allerdings ohne Luftverschmutzung", so Martini. Zwar schützt sein gläsernes Gefängnis den David vor den Ausdünstungen der Zivilisation, vermiest aber auch den Besuchern den Blick auf Michelangelos Meisterstück, weshalb sich in Florenz rasch eine Bürgerinitiative gegen das Vorhaben formierte. Zu spät allerdings, denn der zuständige Kulturminister erteilte der Klimabox bereits sein Ja-Wort und verwies dabei ausdrücklich auf die Untersuchungsergebnisse. So leide gerade die Vorderseite der Skulptur unter der Luftverschmutzung, denn der permanente Durchzug blase die Luft der Strasse in immer der gleichen Richtung durch den Ausstellungssaal.

    Damit werde die Klimakammer ein für alle mal Schluss machen - stattdessen erzeugen in dem Schutzraum etliche Luftdüsen eine optimale Zirkulation, wie sie auf einer freien Piazza herrschen würde. Nur mittels der Box könne eine viele Millionen Euro teure Vollreinigung Davids alle 20 Jahre vermeiden werden, unterstreichen Befürworter des Projektes. Wanda Martini ist überzeugt, dass die Methode auch anderweitig zum Einsatz kommen kann: "Beispielsweise kann das Klimasystem überall dort angewandt werden, wo Kunstwerke vor den negativen Einflüssen der Luft geschützt werden müssen. Zum Beispiel auch in den vatikanischen Museen." So plane man bereits, auch Michelangelos "Jüngstes Gericht" in der sixtinischen Kapelle hinter Glas verschwinden zu lassen. Allerdings wehren sich sowohl Gläubige wie auch Besucher schon früh gegen die Idee, das Gotteshaus durch eine riesige Glaswand zu teilen und den direkten Zugang zu dem Meisterwerk zu verbauen.
    [Quelle: Thomas Migge]