Donnerstag, 29. September 2022

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Davos Festival
Familienfest auf dem Zauberberg

Eines der Markenzeichen beim Schweizer Davos Festival sind regelmäßige Gratisauftritte junger Künstler, die in Cafés oder auf Berghütten Klassisches und Experimentelles zeigen. Besonderes Aufsehen erregte in diesem Jahr eine Bass-Arie von Richard Wagner, die erstmals nach vermutlich 140 Jahren wieder zu hören war.

Von Jörn Florian Fuchs | 16.08.2016

    Generlprobe der Oper "Eine Schweizer Familie" in der Aula dar alpinen Mittelschule Davos am Davos Festivl 2016, vom 6. - 20. August 2016. Thema "Familienzone".
    Der Österreicher Joseph Weigl komponierte die Oper "Die Schweizer Familie", die in Davos aufgeführt wurde. (Deutschlandradio/Y. Andrea)
    Natürlich ist er pünktlich. Für 17 Uhr war der Mozart-Express per Lautsprecherdurchsage angekündigt worden und keine Minute später geht es auch schon los. Ein halbes Dutzend junger Musiker spielt Mozart im Wartesaal des Bahnhofs von Davos Platz. Der Großteil des Publikums kam absichtlich, doch einige schauen auch spontan vorbei. Zum Beispiel ein Vater mit drei kleinen Kindern, die vier kamen offenbar gerade von einer Bergwanderung und die anfängliche, etwas nervöse Verwunderung über dieses Davoser Platzkonzert schlägt rasch in konzentriertes Zuhören um.
    Zwischenhalt um 17.00 Uhr in der Bahnhofshalle Davos Platz mit dem Ensemble "Alma" am Davos Festival 2016, vom 6. - 20. August 2016. Thema "Familienzone".
    Kammermusik im Wartesaal in der Bahnhofshalle Davos Platz mit dem Ensemble "Alma". (Deutschlandradio/Y. Andrea)
    Intendant Reto Bieri pflegt und liebt die Vielfalt
    Regelmäßige Gratisauftritte junger Künstler sind eines der Markenzeichen des Festivals, auch in Cafés oder auf Berghütten gibt es Klassisches und Experimentelles. Reto Bieri, Weltklasse-Klarinettist und seit drei Jahren Intendant, pflegt und liebt die Vielfalt. Allerdings sind seine Programme genau komponiert, da treffen auch mal Volksliedklänge und hehres Konzertrepertoire aufeinander und es ergeben sich ohrenöffnende Aspekte. Beim Frühstück im Festivalhotel Schweizerhof wird man zum Mitsingen animiert, vor dem Eingang steht ein Klavier zum Ausprobieren oder virtuosen Konzertieren, abends gibt es statt banaler Hintergrundmusik vom Lautsprecher häufig tanzbare Live-Sounds.
    Besonderes Aufsehen erregte in diesem Jahr ein gewisser Richard Wagner – und zwar mit nur einer einzigen Arie. Dazu gleich mehr. Wagner reiste ja gern und oft durch die Schweiz und ließ sich von anstrengenden Bergwanderungen zu Siegfrieds Hornrufen oder stürmischen Orchestereinsätzen im "Ring" animieren. Bevor Wagner sein eigener Lieblingskomponist wurde, schätzte er so manchen Franzosen – und den Österreicher Joseph Weigl, dessen größter Hit eine Oper namens "Die Schweizer Familie" war.
    Die Arie verweist auf den "Tannhäuser"
    1809 kam das Stück in Wien heraus und machte Weigl, einen Schüler Salieris und ein Patenkind Haydns, weltberühmt. Weigls Musik verweist schon auf Schubert, sonnt sich aber auch noch im Glanze Mozarts. Es ist ein wunderbar lyrischer, sehr innovativer Tonsatz, mit fein gestalteten Gesangslinien und pfiffigen orchestralen Wendungen. Der Inhalt? Nun ja, ein deutscher Graf wird von einem Schweizer namens Boll aus Bergnot gerettet, daraufhin lädt er dessen Familie zu sich ein und errichtet ein Wolkenkuckucksheim, welches die Familie an ihre Heimat erinnern soll. Das junge, zudem noch unglücklich verliebte Schweizer Töchterchen wird vorübergehend wahnsinnig und erst ein paar dramaturgisch holprige Wendungen sowie Weigls sanft versöhnliche Kuhreigen-Klänge ergeben das frohe Finale. Für das Davos Festival hat Philip Bartels jetzt eine Kammerfassung mit vielen Auftritten von Schlagwerk und präpariertem Klavier geschaffen. Sein Kollege Richard Wagner schrieb dem armen Schweizer Bauern Richard Boll damals eine prachtvolle Bass-Arie in die Kehle – sie verweist auf den "Tannhäuser" und war erstmals nach vermutlich 140 Jahren wieder zu hören.
    Von Harmonie und dem Wunsch nach Frieden handeln auch die Werke des ukrainischen Komponisten Valentin Silvestrov, dem in Davos ein ausführliches Porträt gewidmet war. Silvestrov schrieb aus Trauer um die Geschehnisse am Kiewer Maidan mehrere Choräle, die dort immer wieder aufgeführt werden. In Davos gab es viele geistliche Stücke und – als Uraufführung – die sanftmütige "Elegie" für Bratsche solo.