Donnerstag, 19. Mai 2022

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Deal im Kölner Kunstfälscherprozess

Vier bis sechs Jahre Haft ohne weitere Ermittlungen, so lautet der Deal mit der Kölner Staatsanwaltschaft im Kunstfälscherprozess um die Sammlung Jägers. Allerdings würden so auch nie die wahren Hintergründe aufgeklärt, bedauert DLF-Prozessbeobachter Stefan Koldehoff.

Stefan Koldehoff im Gespräch mit Doris Schäfer-Noske | 11.10.2011

Doris Schäfer-Noske: Der Deal hat offenbar gewirkt. Im Kunstfälscherprozess hat heute auch der vierte und letzte Angeklagte ein Geständnis abgelegt. Die Staatsanwaltschaft hatte den Angeklagten zugesagt, dass sie höchstens sechs beziehungsweise vier Jahre in Haft müssen und weitere Ermittlungen gegen sie eingestellt werden, wenn sie umfassend gestehen.

Beim letzten Angeklagten handelte es sich um den mutmaßlichen Verkäufer der Gruppe, und der räumte die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft weitgehend ein. Die Angeklagten sollen über Jahre fast 50 gefälschte Gemälde von Künstlern wie Max Ernst oder Heinrich Campendonk in den internationalen Kunstmarkt geschleust haben. – Stefan Koldehoff, was hat denn das vierte Geständnis für Sie Neues gebracht?

Stefan Koldehoff: Es hat eigentlich noch mal das bestätigt, was die Anklageschrift voraussetzt, nämlich dass es sich tatsächlich um eine Bande gehandelt hat, und das ist nicht nur so ein Wort aus unser aller Kindheit, Bande, sondern tatsächlich auch ein kriminalistischer Begriff. Zu einer Bande müssen mindestens drei Mitglieder gehören und bandenmäßiger Betrug wird höher strafbewehrt als normaler Betrug und er verjährt später, nämlich erst nach zehn und nicht nach fünf Jahren. Deswegen war es für die Staatsanwaltschaft wichtig zu belegen, dass es sich um eine Bande gehandelt hat, während natürlich die vier Angeklagten versuchen, in ihren Geständnissen die Sache so darzustellen, als habe es sich eigentlich nur um zwei gehandelt, die da maßgeblich agiert haben, nämlich Wolfgang Fischer-Beltracchi und zum anderen Otto Schulte-Kellinghaus, ein Bekannter von Fischer-Beltracchi aus Krefeld, der offenbar ein bisschen der Logistiker der Truppe gewesen ist, der also losgeschickt wurde zu Kunsthistorikern, um die Fachgutachten einzuholen, anschließend dann zu den Galeristen, um Bilder zu verkaufen. Und Otto Schulte-Kellinghaus hat sich bisher eigentlich in dem wenigen, was er zu seiner Person gesagt hatte, ein bisschen als die arme Kirchenmaus dargestellt. Heute allerdings in seinen Einlassungen, dann aber auch in Dokumenten, die der Richter verlesen hat, Kontoauszüge, Bankbewegungen aus Andorra beispielsweise, da wurde deutlich, dass er doch offenbar sehr regelmäßig Geld kassiert hat, und damit sind es jedenfalls schon mal wenigstens zwei. Ob es noch einen dritten gibt für die Bande, ob tatsächlich die Staatsanwaltschaft auch die Geständnisse der Ehefrau von Wolfgang Fischer-Beltracchi so hoch bewertet, das muss man jetzt abwarten.

Schäfer-Noske: Was bedeutet denn dieser Deal, den ich vorher gerade skizziert habe? Ist dann dieser spektakuläre Fall mit den zu erwartenden, ja eher milden Urteilen abgeschlossen, oder inwieweit beinhaltet das auch eine Art Kronzeugenregelung, also dass man weitere Mittäter auch belasten müsste, wenn man danach gefragt wird?

Koldehoff: Er bedeutet zumindest, dass die rund 53 Bilder, zu denen das Landeskriminalamt Berlin im Auftrag der Staatsanwaltschaft ermittelt hat, damit abgeschlossen werden. Für uns Prozessbeobachter ist das ein bisschen schade, insofern, als wir natürlich schon gehofft hatten, dass ein bisschen mehr vom Hintergrund auch erhellt wird, dass also auch beteiligte Kunsthändler, Auktionatoren, Experten – es gibt eine Liste von 70 zu hörenden Zeugen eigentlich – vorgeladen würden, um mehr über die Usancen des Kunstmarktes zu verraten, denn die Angeklagten haben in ihren Einlassungen immer wieder gesagt, es ist uns alles wahnsinnig einfach gemacht worden. Auch heute wieder Otto Schulte-Kellinghaus: Niemand hat eigentlich genau nachgefragt, ich hatte fast den Eindruck, die wollten alles glauben, was ich erzählt habe. Das wird aber durch diesen Deal wahrscheinlich jetzt so nicht mehr stattfinden, es sei denn, die Staatsanwaltschaft kommt nach diesen vier Geständnissen jetzt zu dem Schluss - und sie hat sich heute Bedenkzeit ausgebeten -, das reicht uns nicht. Da muss jetzt wie gesagt entschieden werden, war das umfassend, ist damit alles geklärt, oder fehlt da noch was.

Schäfer-Noske: Mindestens 16 Millionen Euro sollen die Kunstfälscher kassiert haben. Wer kommt denn jetzt eigentlich für den Schaden auf?

Koldehoff: Auch das war heute Thema. Es sind Werte, Sachwerte, aber auch Geldwerte sichergestellt worden durch die Staatsanwaltschaft, in Amtshilfe übrigens auch bei einer großen Schweizer Bank, bei einer Bank in Andorra. Es sind die Häuser der Angeklagten in Südfrankreich, in Mèze bei Montpellier und in Freiburg eine Luxusvilla mit sogenannten Sicherheitshypotheken belegt worden. Die Frage ist nur, Frau Schäfer-Noske, wird es jemanden geben, der überhaupt solche Ansprüche geltend macht. Eventuell die Galeristen und Auktionshäuser, deren Namen schon genannt wurden. Es ist aber hinter den Kulissen immer wieder zu hören, dass Privatgeschädigte sich gar nicht unbedingt melden werden, aus drei verschiedenen Gründen: Erstens die Schmach, man möchte nicht als der Betrogene dastehen. Zweitens gibt es möglicherweise – und auch dafür gab es heute durchaus Anzeichen – Bilder, die noch gar nicht entdeckt sind. Warum sollte da also irgendjemand sagen, ich habe auch noch eins, und es nicht lieber weiterhin als Original behalten und schnell verkaufen. Und drittens, weil im Kunsthandel viel mit Schwarzgeld im Koffer bezahlt wird, und wenn man das getan hat, wendet man sich auch nicht so furchtbar gern an die Polizei.

Schäfer-Noske: Wie geht es denn jetzt nach dem vierten Geständnis weiter, Herr Koldehoff?

Koldehoff: Der nächste Termin ist für Donnerstag angesetzt, und da wird sich dann die Staatsanwaltschaft erklären müssen, ob sie noch Beratungsbedarf sieht, ob sie noch Zeugen hören möchte, oder ob es das war, und wenn es das war, dann könnte es in der übernächsten Woche möglicherweise schon die Urteile geben.