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StartseiteTag für Tag"Der liberale Islam ist sehr verletzlich"03.07.2017

Debatte"Der liberale Islam ist sehr verletzlich"

Die Frauenrechtlerin Seyran Ates bekommt Morddrohungen, nachdem sie eine Moschee gegründet hat, in der Frauen und Männer gemeinsam beten. Fehlt liberalen Muslimen wie ihr die Unterstützung? "Theoretisch hat der Reformislam einen großen Rückhalt, praktisch nur einen sehr geringen", sagte der Islamwissenschaftler Stefan Weidner im Dlf.

Stefan Weidner im Gespräch mit Christiane Florin

Der Journalist, Schriftsteller und Übersetzer Stefan Weidner hält am 16.09.2011 im Friedenssaal im Rathaus in Osnabrück eine Laudatio. (picture-alliance / dpa / Friso Gentsch)
Islamwissenschaftler Stefan Weidner (picture-alliance / dpa / Friso Gentsch)
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Christiane Florin: Die Frauenrechtlerin Seyran Ates hat vor zwei Wochen eine liberale Moschee in Berlin eröffnet. Sie bekam dafür Hassmails von anderen Muslimen. Nun wurde bekannt, dass sie Polizeischutz braucht. Liberaler Islam – geht das nur unter Polizeischutz?

Bei mir im Studio ist der Islamwissenschaftler und Übersetzer Stefan Wieder. Sein jüngstes Buch beschäftigt sich mit den erotischen Dichtungen des islamischen Mystikers Ibn Arabis. Herzlich willkommen, Herr Weidner. Was halten Sie überhaupt von einem Etikett namens liberaler Islam?

Stefan Weidner: Gute Frage. Was wir in Berlin gesehen haben und die anschließenden Drohungen sprichen meiner Ansicht nach dafür, dass dieser sogenannte "liberale Islam" zumindest sehr verletzlich ist. Wir müssen die Frage stellen: Was erwarten eigentlich wir von einem Reformislam? Wie gelingt es, die Muslime, die wirklich liberal sind, in eine religiöse Aktivität zu bringen? Das Hauptproblem, das wir in Deutschland haben, ist, dass wir sehr viele Muslime haben, die sich als sehr liberal verstehen in ihrem Leben und auch ein tolerante und weites Religionsverständnis  haben, das sind aber oft solche, die gar nicht in die Moscheen gehen. Mit anderen Worten: die wir für ein solches Projekt, wie es Seyran Ates angestoßen hat, gar nicht gewinnen können.

Florin: Wer ist "wir" in diesem Zusammenhang?

Weidner: Gute Frage. Das wäre die deutsche Gesellschaft. Es geht darum, den Islam aus den Händen derjenigen zu holen, die ihn von außerhalb unserer Gesellschaft beeinflussen wollen. Das betrifft natürlich nicht nur Terrorgruppen, das betrifft auch fremdstaatliche Organisationen wie die Religionsbehörderde der Türkei, Dyanet. Es betrifft Saudi-Arabien mit seinem Wahabismus. Der Export des Salafismus usw. Das Ziel wäre wohl, einen praktizierten Islam zu definieren, der nicht von fremden Einflüssen kontrolliert ist.

"Konservative Engführung unter staatlicher Kontrolle"

Florin: Die gemäßigten Kritik an dieser Moschee lautet: Dass Frauen und Männer gemeinsam beten, dass Shiiten, Sunniten, Aleviten in eine Moschee kommen  dürfen, das sei nicht islamisch, das verstoße gegen die Tradition? Welche liberale Tradition gibt es, an die man anknüpfen könnte, wenn sozusagen Beweise eingefordert werden?

Weidner: Ich denke, dass jeder Muslim, wie auch immer er sich versteht, in einer Moschee beten kann. Es gibt natürlich die Geschlechtertrennung, es gibt abgegrenzte Bereiche, in denen Frauen beten. Damit zu brechen dürfte das provokanteste gewesen sein an dieser Aktion, die ja im Übrigen auch ein Medienspektakel gewesen ist. Die Frage ist: Will man den Gottesdienst ändern oder will man die Moschee zu dem machen, was sie klassischerweise immer war, aber nicht mehr ist, nämlich ein Treffpunkt? Das Wort Moschee heißt im Arabischen ürsprünglich Versammlungsort, ein Ort für intellektuellen Austausch. Eine Moschee konnte auch eine Schule, eine Lehranstalt sein. Fremde konnten dorthin gehen, um aufgenommen zu werden, um die Möglichkeit zu erbitten, die Nacht dort zu verbringen. Das, was wir heute als Moschee kennen, ähnelt viel mehr unserem Verständnis von Kirche als dem, was traditionellerweise eine Moschee war. Deshalb glaube ich, dass die Diskussionen um den Reformislam insofern falsch sind, als das, womit wir uns heute im Islam konfrontiert sehen, ein moderner, verwestlichter Islam ist, auch wenn er sich als konservativ und orientalisch gibt. Er ist nicht der klassische Islam. Er ist nicht diese sehr breite, sehr weite, weltweit  synkretistische Bewegung, die der Islam ursprünglich einmal darstellte. Der Islam ist nur deshalb groß geworden, weil er in der Lage war, die verschiedensten Strömungen aufzunehmen. Das ist vergessen worden, im Versuch staatlicher Akteure – wir müssen wissen, dass der moderne Staat wie wir ihn heute kennen nicht der Realität der islamischen Welt des Mittelalters und davor war – diese Religion zu kontrollieren letztlich zu der Situation geführt hat, die wir jetzt haben, nämlich, dass der Islam eine konservative Engführung erfahren hat, unter der wir in einer liberalen Gesellschaft dann womöglich leiden.

"Wir können dem Islam seine Unschuld nicht mehr zurückgeben"

Florin: Das heißt, das, was wir vereinfachend "liberalen Islam" genannt haben, ist eigentlich das Traditionellere?

Weidner: Natürlich. Es gibt eine moderne Liberalität, die die Geschlechtertrennung aufhebt. Das wäre nicht das Traditionelle. Aber: Die Moschee als ein relativ neutraler Treffpunkt für die unterschiedlichsten Strömungen, die Religion als eine offene Debattenkultur, die im Hier und Dort regional eine Engführung erfahren hat, aber nicht in einem staatlichen Sinn, in einem kontrollierten Sinne, das wäre der klassische Ansatz. Aber der ist vergessen und den bekommen wir nicht mehr zurück. Das ist eine Illusioin. Wir können dem Islam seine Unschuld nicht mehr zurückgeben. Das wird auch den liberalen Muslimen nicht mehr gelingen. Ich glaube, es geht konkret einfach darum, für diejenigen Muslime, die beten wollen, die sich als liberal verstehen, einen Ort zu schaffen, an dem sie das tun können und dürfen und das verdient jede Unterstützung.

In der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin können Frauen und Männer zusammen beten und predigen. (imago/Jens Jeske)In der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin können Frauen und Männer zusammen beten und predigen. (imago/Jens Jeske)

Florin: Wir haben vor einigen Wochen das Programm des liberal-islamischen Bundes einem Praxistest unterzogen und sind damit in einen Kölner Frisiersalon gegangen. Und einige Musliminnen dort sagten sinngemäß. "Hilfe, das ist ja ein ganz neuer Islam. Das wollen wir nicht." Welchen Rückhalt hat der liberale Islam in Deutschland?

Weidner: Das ist eine große Frage. Ich glaube, theoretisch hat er einen großen Rückhalt, praktisch nur einen sehr geringen. Wer von den Muslimen, die bisher nicht in die Moschee gegangen sind, weil ihnen das zu konservativ war, würde sich nun mit anderen zusammentun und in eine liberale Moschee gehen, um dort zu beten? Es ist im Grunde wie im Christentum. Viele liberale Muslime haben die Praxis des Gebets eigentlich vergessen. Das ist der Spagat. Warum sollte jemand, der sich ohnehin als liberal und säkularisiert versteht, zurück zur Religion gehen? Jemand, der sich als Muslim versteht, aber den praktischen Bezug zu seiner Religion verloren hat. Das ist das große Problem. Wie es auch im Christentum ist: Wer geht in die Kirche? Außer an hohen Feiertagen sind es auch dort eher die Strenggläubigen oder jedenfalls ein sehr bestimmter menschenschlag. Deshalb befürchte ich, dass diese liberale Projekt eher ein Einzelfall bleibt.

Florin: Also eine eher pessimistische Prognose?

Weidner: Was das betrifft, ja. Im Allgemeinen glaube ich: Die Probleme, die wir haben mit Einwanderern, mit Terrorismus, mit weltweiter Ungleichheit,  sind in Wahrheit keine Islamprobleme. Die Parole der Islamisten lautete immer: Der Islam ist die Lösung. Heute drehen Islamfeinde das um und sagen: Der Islam ist das Problem. Ich glaube: weder noch. Der Islam ist nur der Ausdruck. Die Probleme, die wir im Islam haben, sind nur das Symptom.

Florin: Vielen Dank, Stefan Weidner.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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