Montag, 15. August 2022

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Deep Water Horizon
600.000 Vögel starben durch Ölunfall

Umwelt. - Der Unfall der Explorationsplattform "Deep Water Horizon" am 20. April 2010 löste eine der größten Ölverschmutzungen der Geschichte aus. Jetzt haben amerikanische Forscher zum ersten Mal abgeschätzt, wie viele Vögel bei dem Ölunfall ums Leben gekommen sind. Monika Seynsche hat mit ihnen gesprochen.

Von Monika Seynsche | 17.04.2014

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    Auch viele Basstölpel gehörten zu den Opfern der Ölpest im Golf von Mexiko. (dpa/picture alliance/Hinrich Bäsemann)
    Allein in den Küstengewässern des Golfs von Mexiko waren monatelang 3600 Quadratkilometer Ozean ölbedeckt. Eine Fläche, fast anderthalb Mal größer als das Saarland. Und ein Gebiet, das von unzähligen Vögeln zur Brut und zur Nahrungssuche genutzt wird. Welchen Einfluss das Öl auf diese Tiere hatte, wollte Jeffrey Short herausfinden.
    "My name is Jeffrey Short and I am an oil spill consultant. I retired from 31 years with the US National Oceanic and Atmospheric Administration working on primarily the 'Exxon Valdez'. And now I consult with Oil spills elsewhere around the world."
    Der Ölpestforscher hat 31 Jahre lang für die Nationale Ozean- und Atmosphärenforschungsorganisation der USA gearbeitet und vor allem die Folgen der Exxon Valdez Katastrophe von 1989 untersucht. Heute ist er als Gutachter für andere Ölunfälle auf der Welt tätig. Im Golf von Mexiko wurden im ersten Jahr nach der Explosion der Bohrinsel etwa 2000 ölverschmierte, tote Vögel an den Stränden aufgesammelt. Das sei wahrscheinlich nur ein Bruchteil der tatsächlich gestorbenen Tiere, sagt Jeffrey Short.
    "Es gibt sehr viele verschiedene Wege, auf denen ein toter Vogel verschwinden kann, bevor die Helfer eine Chance haben, ihn zu finden und zu zählen. Haie fressen die Kadaver, Meeresströmungen treiben sie auf den offenen Ozean hinaus, Aasfresser klauben sie vom Strand weg und gerade die Leichen kleiner Vögel zersetzen sich auch sehr schnell. Und selbst wenn die Tiere noch am Strand liegen, sind sie nur schwer zu entdecken und werden oft übersehen. Das belegen mehrere Studien."
    Er und seine Kollegen haben deshalb zwei voneinander unabhängige Datensätze und Methoden genutzt, um die Zahl der tatsächlichen Todesfälle abzuschätzen.
    "Wir nutzten einen Ansatz, der auf den Kadaverfunden am Strand beruhte. Dann berechneten wir, wie groß die Wahrscheinlichkeiten waren, dass tote Vögel überhaupt am Strand anlandeten, dass sie dort lange genug liegen blieben um gefunden zu werden und dass sie tatsächlich gefunden wurden. Das gab uns drei Hochrechnungsfaktoren die wir dann auf die Zahl der gefundenen Vogelkadaver anwendeten, um abschätzen zu können, wie viele Vögel gestorben waren."
    Dieser Rechnung zufolge kostete der Ölunfall der "Deep Water Horizon" etwa 600.000 Vögel das Leben. Jeffrey Short ist sich bewusst, das diese Zahl durch die Hochrechnung mit großen Unsicherheiten behaftet ist. Ein gefundenes totes Tier mehr oder weniger lässt sie um Hunderte von Tieren nach oben oder unten schnellen. Deshalb verfolgten er und seine Kollegen noch einen zweiten Ansatz, ein Modell zur Expositionswahrscheinlichkeit.
    "Wir wussten ungefähr, wie groß der Ölteppich jeden Tag war und wir wussten wie viele Vögel sich normalerweise zu dieser Jahreszeit im Golf von Mexiko und speziell in der Region des Ölteppichs aufhalten. Diese Vögel ernähren sich von Fischen und anderen Meeresbewohnern. Sie tauchen also immer wieder ins Wasser und kommen dabei in Berührung mit dem Öl. Bei der Größe des Ölteppichs mussten alle Vögel Kontakt mit ihm gehabt haben. Wir gehen davon aus, dass 20 Prozent von ihnen starben."
    Diese Annahme fußt auf zahlreichen Studien, die untersucht haben, wie Vögel auf den Kontakt mit Öl reagieren. Jeffrey Shorts Computermodell zur Expositionswahrscheinlichkeit zeigt, dass auf diese Weise etwa 800.000 Vögel während des Ölunfalls gestorben sein könnten. Damit kommen beide Ansätze der Forscher mit unterschiedlichen Datensätzen zu sehr ähnlichen Ergebnissen. Am stärksten seien Aztekenmöwen von dem Unfall betroffen gewesen, sagt Jeffrey Short. Seinen Berechnungen zufolge ist ihre Population im nördlichen Golf von Mexiko um fast 40 Prozent eingebrochen. Aber auch Braunpelikane, Königsseeschwalben und Basstölpel starben in großen Zahlen.
    "I think the studies are really good. I think they are overdue."
    Melanie Driscoll ist bei der Vogelschutzorganisation "National Audubon Society" für die Golfregion zuständig und hält die Studie für gut und lange überfällig.
    "Der Ölunfall ist fast vier Jahre her und bislang gab es keine Abschätzungen über die Todesfälle. Die Zahlen, zu denen die Forscher hier kommen sind zwar deutlich höher als bei früheren Ölunfällen, aber ich denke, sie sind immer noch sehr konservativ geschätzt und die wissenschaftlichen Grundlagen der Studie sind sehr fundiert. Das bedeutet, die Tragweite dieser Ergebnisse ist gewaltig."
    Denn Vögel sind gleichzeitig Jäger und Beute für andere Tiere. Verschwinden sie, hat das Folgen für alle Teile des Nahrungsnetzes.