Genetik ist nicht alles. Das wissen heute auch die Genetiker. Bei den meisten Erkrankungen kommen viele Faktoren zusammen. Besonders vielfältig sind die Krankheitsursachen bei psychischen Störungen. Erziehung, Umwelt, Menschen, denen man begegnet, Ereignisse, Schicksalsschläge. All das trifft auf unserer genetisches Erbe. Den einen treibt es in die Krankheit, den anderen nicht. Die verborgenen Erbfaktoren für eine Krankheit wie die manische Depression aufzuspüren, scheint beinahe unmöglich. Dennoch hat sich ein europäisches Forscherteam darangemacht, im Erbgut, Gene zu suchen, die über die Veranlagung – die so genannte genetische Disposition - entscheiden. Zunächst einmal ging es darum, Familien ausfindig zu machen, in denen mehrere Mitglieder betroffen waren. Hier sind die Chancen am größten, den Weg der Vererbung kennen zu lernen. Allein, die Familien zu finden, war und ist ein Problem, weiß Marcella Rietschel vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim.
Diese Erkrankungen sind zwar häufig; das heißt: jeder von uns hat ein einprozentiges Risiko im Laufe seines Lebens eine solche Erkrankung zu entwickeln. Dass aber Geschwisterschaften mit zwei lebenden Betroffenen und zwei lebenden Eltern, die auch noch gleichzeitig zu uns zur Untersuchung kommen, vorhanden wären. Das ist doch recht selten.
Dennoch gelang es – über mehrere Jahre – allein in Deutschland 75 Modellfamilien zu finden und zur Teilnahme an einer genetischen Studie zu bewegen. Hinzu kamen 60 weitere Familien aus Spanien und Bulgarien. Genetiker aus Bonn und Antwerpen untersuchten dann, welche Regionen im Erbgut die Veranlagung zur manischen Depression von einer zu nächsten Generation getragen hatten. Dabei entdeckten die Forscher viele Stellen im Erbgut, die eine Rolle spielen könnten. Markus Nöthen vom Zentrum für medizinische Genetik der Universität Antwerpen in Belgien.
Wenn man jetzt die Ergebnisse von verschiednen Populationen – zum Beispiel die deutsche mit der spanischen – vergleicht, dann erhält man sehr unterschiedliche Ergebnisse. Das muss aber nicht darauf zurückzuführen sein, dass wirklich die genetischen Effekte so unterschiedlich sind. Wir haben einfach nicht so große Stichproben, um wirklich definitiv etwas sagen zu können.
Eine amerikanische Forschergruppe aus Los Angeles wählte deshalb einen anderen Weg. Man untersuchte eine Population aus zwei Millionen Menschen in Costa Rica, die alle von einer etwa tausendköpfigen Gruppe von Gründern aus Spanien abstammen. Ganz ähnlich wie bei einem Genom-Großprojekt in Island wollen sich die US-Wissenschaftler die Verwandtschaft der Menschen bei der Gensuche zunutze machen. Möglicherweise gibt es in dieser genetisch einheitlicheren Bevölkerung relativ wenige Erbfaktoren, die für die Veranlagung zur manischen Depression verantwortlich sind. Ob diese Vorstellung stimmt, ist allerdings unter Genetikern umstritten. Auf jeden Fall ergänzen sich beide Verfahren, meint Markus Nöthen.
In den nächsten Monaten oder Jahren wird man sehr überzeugend wissen, wo die Gene lokalisiert sind, wird die Gene identifiziert haben, ob das jetzt auf dem langen Arm von Chromosom acht ist oder auf dem kurzen Arm von Chromosom sechs, das wird zu zeigen sein.
Die Wissenschaftler sind - im Vergleich zu früher - vorsichtiger geworden. Die Hurra-Meldung "Depressions-Gen" entdeckt, wird es so nicht geben. Sie wäre auch schlichtweg falsch. Die Gene sind Rüstzeug für das Leben, aber sie bestimmen es nicht. Peter Propping, Humangenetiker von der Universität Bonn.
Offensichtlich ist die genetische Disposition nur eine Bedingung. Und es hängt möglicherweise von leicht beeinflussbaren äußeren Bedingungen ab, ob eine Disposition in Krankheit umschlägt.
Dieses Wissen um mögliche Krankheitsrisiken ist nicht nur für Ärzte und Psychologen interessant. Jeder, der sich einer genetischen Veranlagung bewusst ist, kann sein Leben besser lenken, und vielleicht das ein oder andere mal der Genetik ein Schnippchen schlagen.