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Der Abschlussmacher

Etwa 1000 "Äquivalenzgutachten" stellt Peter Marock an der Technischen Universität Berlin jedes Jahr aus. Er ist im Akademischen Auslandsamt für die Anerkennung von ausländischen Studienabschlüssen zuständig. Doch sein Urteil kann noch für einen weitaus wichtigeren Bereich entscheidend sein.

Von Verena Kemna | 22.06.2011

Ausländische Studierende aus 140 verschiedenen Ländern studieren an der TU Berlin. Viele wollen den Studienabschluss aus der Heimat mit einem Masterstudiengang oder einer Promotion abschließen. Um die Äquivalenz beurteilen zu können, muss Peter Marock das Bildungssystem des jeweiligen Landes kennen.

"Es ist eben nicht nur der Hochschulabschluss zu begutachten, sondern auch der davor liegende Sekundarschulabschluss und der ist in den meisten Ländern eben nicht 12- oder 13-jährig, sondern liegt unter Umständen darunter. Sodass selbst ein fünfjähriges Studium in einem anderen Land, sagen wir in Mexiko oder Brasilien, eben nicht einem fünfjährigen Studium in Deutschland gleichgesetzt werden kann, weil die schulische Vorbildung als geringer in Deutschland bewertet wird."

So entspricht zum Beispiel ein mexikanischer oder brasilianischer Ingenieurstitel nach fünf Jahren Studium in Deutschland gerade mal einem vierjährigen Bachelor oder dem früheren Fachhochschuldiplom. In der Internet-Datenbank Anabin kann jeder selbst die Wertigkeit eines Abschlusses überprüfen. Anabin steht für die Anerkennung und Bewertung ausländischer Bildungsnachweise. Ein Angebot der Zentralstelle für ausländisches Bildungswesen bei der Kultusministerkonferenz.

"Es ist dann so gedacht, dass die entsprechenden Webseiten von Anabin ausgedruckt werden sollen und einer Bewerbung beigelegt werden sollen und dann müsste der Arbeitgeber mit diesen Informationen umzugehen lernen. Das ist in der Praxis schwierig, sodass die Arbeitgeber es lieber haben, wenn ein entsprechender deutscher Abschluss vorliegt."

Ein Grund, weshalb viele Studierende aus dem Ausland einen deutschen Hochschulabschluss anstreben. Wer lediglich ein Äquivalenzgutachten vorweisen kann, hat trotz Fachkräftemangel Probleme. Dazu kommen oft mangelnde Deutschkenntnisse.

"Ich weiß aus Erfahrung, dass Leute sich auf Stellen bewerben, aber aufgrund dieser Unsicherheiten nicht so bevorzugt behandelt werden wie entsprechende deutsche Bewerber mit gleichwertiger Qualifikation. Einfach, weil bei den Arbeitgebern eine Unsicherheit da ist."

Maite LamUNO, Sozialarbeiterin mit spanischem Hochschulabschluss, hat all diese Unsicherheiten selbst erlebt. Als sie vor zehn Jahren nach Berlin kommt, kann selbst die zuständige Berliner Senatsverwaltung mit der spanischen Qualifikation nichts anfangen.

"Ich habe alles geleistet, was man von mir verlangt hat und manchmal wusste auch die Senatsverwaltung selber nicht, was sie wollte. Das war das Schwierigste, herauszufinden, was bedarf meine Anerkennung. Das kostete genau zweieinhalb Jahre Zeit."

Schließlich erfährt sie, dass ein zweites Studium an der Fachhochschule für Sozialarbeit ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt verbessert. Bis zur offiziellen Anerkennung ihrer beruflichen Qualifikation vergehen weitere fünf lange Jahre. In dieser Zeit hangelt sie sich von Projekt zu Projekt. Seit nunmehr einem Jahr arbeitet die Spanierin in der Senatsverwaltung für Gesundheit. Darüber, dass sie trotz jahrzehntelanger Berufserfahrung offiziell als Berufsanfängerin eingestuft ist, kann die 45-Jährige heute nur lächeln.

"Mein Ziel war einfach, meine Anerkennung zu schaffen. Ich wollte nicht hier leben und etwas anderes tun als Sozialarbeit. Ich wollte einfach meinen Beruf ausüben, was ich gelernt habe. Es kostet Jahre und ich hoffe, dass sich etwas ändert. Es ist einfach ein Verlust an Energie und auch an Steuergeldern."