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Der Anatom

Spätestens seit 1982, seit Umberto Ecos Roman "Der Name der Rose", darf auch der anspruchsvolle Leser einen historischen Roman in die Hand nehmen, ohne sich schämen zu müssen. Der Kritiker Jörg Drews begann seine Rezension damals mit dem Satz: "Eines zuvor: Die Leser sind zu beneiden, die die Lektüre von Umberto Ecos Roman noch vor sich haben." Das waren ziemlich ungewohnte Töne. Höchstens Marcel Reich-Ranicki durfte damals von der Literatur verlangen, sie möge uns bitte auch unterhalten. Reich-Ranicki hat dann auch ein Buch gelobt, das die Tendenz des historischen Romans festigte und ihr gleichzeitig eine gattungsbildende Richtung gab: Mit Patrick Süskinds "Das Parfum" war ein Genre geboren, das wir "historischen Sinnroman" nennen möchten, aber nur deshalb, weil in seinem Zentrum ein Sinnesorgan steht, die Nase oder das Ohr. Hier soll der Begriff "Sinn" also als Fähigkeit der Empfindung verstanden werden, nicht als Sinn_qehalt. Der Sinngehalt des Sinnromans ist nämlich eher umstritten. An erster Stelle steht natürlich - siehe oben - die Unterhaltung. Was er sonst noch bietet, bleibt Spekulation. Wir leben in einer Zeit, in der der lndividualismus problemlos in den Egoismus übergehen darf und das Individuum trotzdem in der Masse untergeht. Vielleicht erfüllt der Roman mit dem Sinnesorgan also die Sehnsucht des Publikums nach einem Helden mit ungewöhnlichem Leben, in dem alles maßlos ist, denn diese Helden sind ja auch Genies - egal, ob es sich um den Duftschöpfer Jean-Baptiste Grenouille im "Parfum" handelt oder den Musiker Johannes Elias Alder in Robert Schneiders Erzählung "Schlafes Bruder". Laut "Spiegel", der nie um eine zündende Vokabel verlegen ist, befriedigen derlei Bücher das "allgemeine Bedürfnis nach dem ultimativen Kick".

Peter Urban-Halle | 28.05.1998

Der 33jährige Norweger Nikolaj Frobenius hat so einen Sinnroman mit dem "ultimativen Kick" geschrieben - auch wenn sein Stil im Vergleich zu Süskinds Enthusiasmus eher zaghaft ist. In seinem Buch "Der Anatom" geht es nach dem Riechen und Hören nun um das Tasten und Fühlen, mit dem Unterschied, daß dem Anatom gerade der Tastsinn fehlt, während ja Grenouille und Alder große Schnüffler bzw. Lauscher vor dem Herrn waren. Nikolaj Frobenius' Held Martin Latour Quiros hingegen empfindet nichts, auch keinen Schmerz.

Gerade das läßt den potthäßlichen Knaben, der die Frucht einer Vergewaltigung ist, nicht ruhen. Latour, der schon als Kleinkind den Insekten die Beinchen auszupft, geht bei einem Tierpräparator in die Lehre und macht sich dann nach Paris auf, um ein berühmter Anatom zu werden und das große Geheimnis zu lüften: Wo im Gehirn sitzt das Organ für den Schmerz? Erst studiert er die Standardbücher seiner Zeit, die er dem Tierpräparator gestohlen hat: Andreas Vesalius, "De humani corporis fabrica" oder Raymond de Vieussens, "Neurographia universales". Dann macht ihn seine Obsession zum Mörder. Er braucht Köpfe, die er sezieren kann, und dafür bringt er Leute um. Er findet sie auf einer Liste seiner plötzlich gestorbenen Mutter, die Geldverleiherin gewesen war, und diesen Leuten gibt er die Schuld am unerwarteten Tod der Mutter. Wahllos ist sein Töten also nicht, aber zufällig bleibt es doch. Die Geschichte spielt im 1 8. Jahrhundert, einer "an genialen und abscheulichen Gestalten nicht armen Epoche", wie es im ersten Satz von Süskinds "Parfum" heißt. Zu diesen Gestalten gehört natürlich der Marquis de Sade. Tatsächlich hatte de Sade einen Diener namens Latour, ihre Bekanntschaft ist also historisch, genauso wie die Drogenorgie mit vier Huren, seine Gefangenschaft in der Irrenanstalt Charenton, die Vernichtung eines Teils seiner Schriften durch die Polizei und vieles andere mehr. Der Autor Frobenius bildet hier das nach, was Umberto Eco den "kosmologischen Akt" genannt hat, bei dem die historische Welt aus der realen Welt "erfunden" und mit Elementen aus ihr "ausstaffiert" wird.

Mit dem Auftauchen de Sades wird die Sache interessant. Da haben sich zwei gefunden, die sich trotz aller Ähnlichkeit fundamental unterscheiden. Die Ähnlichkeit findet sich in de Sades Satz: "Tant pis pour les victimes, il en faut. - Was kümmern mich die Opfer, sie werden gebraucht." Den Unterschied finden wir ausgerechnet in dem, was alle Opfer verbindet: dem Schmerz. De Sade geht es um die Suche nach dem Vergnügen, eine Suche, die die Erotisierung des Schmerzes mit sich führt. Latour dagegen sucht - zumindest auf den ersten Blick - nicht das Vergnügen, sondern ihn bewegen wissenschaftliche Gründe. Kalt sucht er den Schmerz und sein Organ. Um diese völlige Kälte zu vermitteln, verwendet Frobenius ein simples, aber immer funktionierendes Rezept: Er unterläßt es, jene Momente zu beschreiben, die Gefühle beim Leser wecken könnten, wodurch Grauen und Ekel erst recht entstehen. Praktisch sieht das so aus, daß sich der Täter dem stets ahnungslosen Opfer nähert - und sich im nächsten Satz bereits mit dessen Gehirnlappen beschäftigt. Zwischen Annäherung und Hirnuntersuchung liegt also höchstens der angehaltene Atem des in Spannung versetzten Publikums. Die Tat wird ausgespart.

Latours Suche nach dem Schmerzzentrum hat, sagten wir, wissenschaftliche Gründe. Aber es ist natürlich auch die Suche nach dem eigenen Ich bzw. dem, was diesem Ich fehlt. Spätestens nach seiner Bekanntschaft mit dem Marquis de Sade aber kommt eine Dimension hinzu, die das Ganze ironisch macht - und ohne Ironie ist der historische Sinnroman, so wie wir ihn verstehen, undenkbar. Sucht nämlich Latour mit dem Schmerz nicht auch das Vergnügen, das nach de Sade mit diesem eng verbunden ist? Aber das ist Latour nicht bewußt, obwohl es ihn im wahrsten Sinne danach gelüstet, auch selbst einmal Schmerz zu empfinden. Aber es kommt noch ironischer. De Sade wird zufällig Zeuge, wie Latour seinen offenbar grausamsten Mord begeht: Er häutet sein Opfer bei lebendigem Leibe, um dem Schmerz näherzukommen. Ausgerechnet de Sade, der immerhin dem Sadismus den Namen gab, ist erschüttert. "Diese Szene schockierte mein Herz", schreibt er. Unbewußt spürt Latour, daß er beobachtet wurde: Der Blick de Sades wird zu einem Leitmotiv, er wird zu einem "Blick aller", zum "Blick Gottes". Außer von diesem Blick wird Latour von niemandem durchschaut, von keinem lnspektor Ramon, der ihm doch so dicht auf den Fersen war, und von keinem Doktor Coulmier, dem Direktor der Irrenanstalt Charenton. Dort ist de Sade eingesperrt, und dorthin kommt Latour, um "seine Memoiren zu schreiben". Die aber bleiben in den Ansätzen stecken, er scheint sich selbst nicht recht durchschauen zu können. "Die Stille ist die einzige Macht, die mir noch bleibt", heißt sein letzter Satz. Ein Serienmörder um der Wissenschaft willen wartet ganz unspektakulär auf sein natürliches Ende.