Sonntag, 04. Dezember 2022

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Der Dirigent Václav Neumann
Böhmische Klänge ohne Kitsch

Natürlich liebte er vor allem die Komponisten seiner Heimat: Allerdings hinterfragte Václav Neumann die Musik von Smetana, Dvořák oder Janáček ohne sentimentale Brille – und kam zu bemerkenswerten Interpretationen.

Am Mikrofon: Klaus Gehrke | 01.10.2020

    Portraitbild eines weißhaarigen Mannes mit gepunkteter Krawatte.
    Der tschechoslowakische Dirigent Václav Neumann in den 70ern. Er war von 1964 bis 1968 Dirigent des Leipziger Gewandhausorchesters, von 1968 bis 1990 Chefdirigent der Tschechischen Philharmonie in Prag. (dpa/CTK)
    Die sprichwörtliche "böhmische" Musikalität wurde dem am 29. September 1920 in Prag geborenen Václav Neumann sozusagen mit in die Wiege gelegt: Schon früh machte der Jugendliche als begnadeter Geiger auf sich aufmerksam. Bis 1945 studierte er am Prager Konservatorium unter anderem bei Václav Talich Violine und Dirigieren. Noch während dieser Zeit gründete Neumann das Smetana Quartett, in dem er zunächst als Primarius, später als Bratscher spielte. In dieser Funktion war er auch in der Tschechischen Philharmonie tätig. Als dort der Dirigent Rafael Kubelík 1948 ein Konzert krankheitsbedingt absagen musste, tauschte Neumann kurzerhand seinen Bogen gegen den Taktstock. In den folgenden Jahrzehnten gehörte er zu den profiliertesten Dirigenten des so genannten "Ostblocks" und machte vor allem als versierter Interpret des tschechischen Repertoires ohne jegliches böhmisches Klischee von sich reden. Gleichzeitig war Neumann ein glühender Patriot und wandte sich sowohl 1968 als auch 1989 gegen allzu sowjettreue Politiker. Die "Historischen Aufnahmen" werfen einen Blick auf frühe Aufnahmen des tschechischen Dirigenten.