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Der lettische Robin Hood

Ein Unbekannter namens "Neo" veröffentlichte im Februar via Twitter brisante Daten über Lettlands staatseigene Firmen. Demnach verdienten zahlreiche Manager trotz der Wirtschaftskrise weiterhin sehr gut, während ihren Angestellten die ohnehin bescheidenen Löhne gekürzt wurden.

Von Matthias Kolb | 19.07.2010

Er ist mit sich im Reinen und bereut nichts. Gelassen sitzt Ilmars Poikans in einem Straßencafé in Riga und beobachtet die Passanten. Er trägt Jeans, unter dem karierten Hemd zeichnet sich ein Bäuchlein ab und auf seiner Stirn sind erste Geheimratsecken zu erkennen. Mit dem Hollywood-Star Keanu Reeves hat Poikans keinerlei Ähnlichkeit - und doch wurden die beiden oft verglichen. Denn Poikans übernahm den Namen "Neo" aus dem Science-Fiction-Film "Matrix", in dem Reeves einen Computerfreak verkörperte. Als "Neo" stieß er im vergangenen November auf ein riesiges Datenloch der lettischen Finanzbehörde.

"Ich war mit der Steuererklärung für meine Firma beschäftigt. Als ich mich im Internet im System angemeldet hatte, merkte ich, dass ich ein Dokument nicht finden konnte, das mein Steuerberater hatte aufrufen können. Also öffnete ich ein neues Fenster in meinem Browser und hatte plötzlich Zugang zu sämtlichen Daten der Steuerbehörde. Das war eigentlich gar kein Hacken, jeder hätte das machen können."
Ilmars Poikans ärgerte sich über diese Nachlässigkeit und beschloss, die Daten zu sichern – insgesamt 120 Gigabyte. Der 31-Jährige entdeckte in den Unterlagen der staatseigenen Firmen viele brisante Fakten: So hatte ein kommunales Versorgungsunternehmen noch im März 2009 über 20. 000 Euro als Bonus an einen Manager ausgezahlt. Dabei hat die Finanzkrise Lettland an den Rand des Staatsbankrotts geführt. Poikans wandte sich an Journalisten und stellte zahlreiche Daten ins Internet, um die "Scheinheiligkeit der Eliten" aufzuzeigen. Doch seine Veröffentlichungen blieben fast ohne Reaktion. Das habe ihn enttäuscht:

"Wir haben ein Problem in Lettland: Die Menschen hier sind sehr still und es ist eine ziemliche Herausforderung, sie auf die Straße zu bringen. Ich denke, in Frankreich oder Griechenland wäre in einem ähnlichen Fall die Hölle los gewesen. Es ist wohl ein Charakterzug der Letten, zu ruhig zu bleiben, wenn man besser aufsteht und für seine Rechte kämpft."
Offenbar waren die Letten nur wenig überrascht. Zu Protesten kam es erst, nachdem Poikans verhaftet worden war. Vor dem Regierungssitz schrieben Demonstranten mit Kreide Slogans wie "Fangt die wahren Diebe" auf die Straße und forderten die Freilassung von "Neo":

Für weitere Aufregung sorgte das Vorgehen der Polizei, als sie im Mai auch die Wohnung der Fernsehjournalistin Ilze Nagla durchsuchte. Sie hatte zuerst über "Neo" berichtet, weshalb die Beamten nun ihren Laptop beschlagnahmten. Zahlreiche Journalisten sehen nun den Quellenschutz in Gefahr. Dies weist der Sprecher des Innenministeriums, Mariks Matisons, zurück:

"Ich kann nur darauf hinweisen, dass das Vorgehen der Ermittlungsbehörden legal war. Der Chef der Staatspolizei, Valdis Voins, hat zurecht betont: Wir können Verbrechen nicht in gute oder schlechte einteilen. Wenn eine Straftat begangen wurde, wird der Schuldige die Konsequenzen tragen müssen und gefragt werden, warum er diese Tat begangen hat."

Es ist aber strittig, ob "Neo" wirklich Gesetze gebrochen hat. Klären soll das ein Gerichtsprozess. Während Poikans auf den Prozessbeginn wartet, forscht er weiter an der Universität Riga über künstliche Intelligenz – allerdings darf er Lettland nicht verlassen. Solidaritätsbekundungen bekommt er von allen Seiten: auf der Straße, per E-Mail oder via Facebook. Für die Journalistin Ilze Nagla sind dies positive Anzeichen:

"Der Fall hat eine Diskussion über Transparenz im öffentlichen Dienst ausgelöst. Das Parlament berät über ein Gesetz, dass allen staatlichen Institutionen und Firmen vorschreiben würde, ihre Lohnzahlungen im Internet zu veröffentlichen. Es ist das Geld der Steuerzahler und es gibt keinen Grund, diese Informationen zu verstecken."

Die Diskussion über die Gier der politischen Klasse wird weitergehen, nicht zuletzt im Wahlkampf. Im Oktober wählen die Letten ein neues Parlament. Ilmars Poikans erhofft sich von den Wahlen keine Verbesserung der politischen Lage. Für eine politische Partei möchte sich der Vater zweier Kinder nicht engagieren:

"Ich denke, dass es keine gute Idee wäre, eine neue Partei zu gründen. Sie wäre ein Instrument des bisherigen Systems, und das hat nur dazu geführt, dass sich einige wenige Personen bereichert haben. Wir brauchen eine andere Form und neue Ideen, um unsere Meinung zu vertreten und etwas in Lettland zu ändern."