Der Sturm auf die Gefängnismauern

O-Ton RIAS : Die sind so schwarz, wie sie von der Werkbank kamen, so sind sie zu uns gekommen und haben mit Brecheisen und Hammer und Zange und was sie nicht alles hatten unsere Schlösser aufgebrochen. Dadurch, weil die Polizei die Schlüssel nicht raus gegeben hat .

Von Doris Simon |
    Eine junge Frau berichtet am 22. Juni im Berliner RIAS, wie sie fünf Tage zuvor aus dem Gefängnis in Görlitz befreit worden ist. Schon eine Woche vor dem 17. Juni merken die politischen Häftlinge in den Gefängnissen der DDR, dass sich außerhalb der Mauern etwas tut. Bernhard Muschlien, damals als Zeuge Jehovas Häftling im Zuchthaus Brandenburg, registriert, dass die Haftbedingungen etwas gelockert werden.

    Muschlien: Dann kamen verschiedene Polizisten zu einzelnen Gefangenen und wollten Zettelchen unterschrieben haben, daß sie sich anständig aufgeführt haben uns gegenüber. In einigen Fällen hat das auch gestimmt.

    In vielen Städten der DDR marschieren die Menschen am 17. Juni als erstes zu den Gefängnissen, um die politischen Gefangenen zu befreien

    Beck: Ob sie uns jetzt raus ließen, amnestierten, um die aufgebrachte Bevölkerung zu besänftigen? Oder ob man uns befreite? Die Amerikaner, die müssten doch eingreifen! Uns rausholen!

    Klaus Beck, damals Häftling in Bautzen.

    Muschlien: Am 17. Juni trat auf einmal eine Spannung, eine Stille ein, die schon ein bisschen beunruhigend war. Die Zellen wurden wieder richtig abgeschlossen und aus dem gegenüberliegenden Zellenblock ... wurde uns signalisiert, was vor der Mauer vor sich ging.

    Lothar Stöbe, ebenfalls in Bautzen inhaftiert erinnert sich, wie ein Angehöriger des Wachpersonals auf die Ereignisse "draußen" reagiert

    Stöbe: Als er uns erreicht hatte, blitzte er uns mit hass erfüllten Blicken an : "Jetzt hofft Ihr wohl, dass die Euch hier rausholen werden, was? Macht Euch nur keine Hoffnungen, bis die bis hierher gekommen sind, haben wir Euch alle längst bis auf den letzten Mann liquidiert!

    Im Gefängnis "Roter Ochse" in Halle sitzt damals Manfred Will aus politischen Gründen ein.

    Will: Wir waren sechs Mann in der Zelle, wir waren uns in der Beziehung einig gewesen, wir wären rücksichtslos vorgegangen, wenn sich uns die Möglichkeit geboten hätte, hätte es kein Pardon gegeben. So einen Hass hatten wir.

    In Jena wird die Haftanstalt von einer aufgebrachten Menge gestürmt. Inge Ehrig, damals Schülerin und Augenzeugin.

    Ehrig: Die haben irgendwie die Tore eingetreten. Gewaltsam geöffnet. Und da war ein Wachhabender, den haben sie so wie gelyncht. Den haben sie total ausgezogen und verprügelt, Uniform runter gerissen.

    Bley: Da kommt plötzlich eine Gruppe von Männern, und zwei hatten ein vielleicht zwölfjähriges Mädchen und trugen die so.

    Sieglinde Bley, eine weitere Augenzeugin.

    Bley: Dieses Mädchen sah aus wie, na ja, wie später Bilder aus Biafra, die ich gesehen habe. Andere trugen eine Decke, da tropfte auch Blut raus. Und dann schrieen die immer: Diese beiden Kinder haben wir aus dem Gefängnis der Staatssicherheit rausgeholt und der Junge ist angeschossen

    In Magdeburg gehört Friedhelm Hartmann zu jenen, die die politischen Häftlingen aus dem Zuchthaus Halberstädter Straße holen

    Hartmann: Nicht wir Demonstranten mussten die Aufseher des Zuchthauses verjagen, das taten die ca. 300 Gefangenen selber. Jeder Aufseher wurde krankenhausreif geschlagen und mit eigenen Handschellen gefesselt und in die Zellen eingesperrt. Die Schlüssel der Zellen wurden zerstört

    In Bitterfeld sieht der Schuhmacher Hans-Jörg Moka erstmals Kellerzellen der Stasi:

    Moka: Das war schon eine schockierende Sache, wenn man so eine Gefängniszelle sieht, die so ein bisschen an eine Marterzelle erinnert. Ist einfach so. Denn die Pritsche, die da war, die war einfach nass, also muss darin zu Zeiten Wasser gestanden haben. Und derjenige, der da drinnen war, muss im Wasser gestanden haben.

    In Teterow, einer Ortschaft östlich von Güstrow ist der Tischlerlehrling Horst Köster dabei, wie das Gefängnis am Amtsgericht gestürmt wird.

    Köster: Die Polizei leistete keinen Widerstand. Und mit den schweren Schmiedehämmern wurden die Stahltüren, die verriegelt waren, zum Gefängnis geöffnet. Daraufhin wurden die politischen Gefangenen, um die es ja ging, auf den Schultern hinausgetragen unter Pfeif- und Jubelbezeugungen, und wurden nach Hause geleitet.

    In Preschen bei Torgau verlassen die Wachen am Abend das Arbeitslager. Gottfried Walther ist damals einer der Häftlinge:

    Walther : Das Tor war offen und unbewacht. Später kam ein junger Wachmann ohne Waffe in das Lager und informierte uns darüber, dass in Berlin gestreikt würde, russische Panzer im Einsatz wären und die Regierung wahrscheinlich zurücktreten müsste.

    Die Gefangenen bleiben nach kurzer Beratung im Lager. Am nächsten Tag ist die Chance zur Flucht schon vorbei. - In Gera bleiben die Gefängnistore verschlossen. Der Bruder von Otto Beier gehört dort zum Wachpersonal.

    Beier : Da stürmten Jugendliche das Gefängnis, und weil er die meisten davon kannte, hat er seine Waffen abgelegt und ist raus auf den Gefängnishof und hat mit denen diskutiert. Man kannte sich ja persönlich. Und da hat's auch keinen größeren Tumult gegeben, die sind da nicht rein gekommen ins Gefängnis.

    Auch für die Häftlinge im "Gelben Elend", in Bautzen, erfüllt sich die Hoffnung auf Freilassung nicht. Am Abend des 17. Juni registriert der Gefangene Klaus Beck:

    Beck: Dann die befürchteten Geräusche, das Rasseln von Panzerketten! Der Traum war aus. Eine der deprimierendsten Nächte unserer Haftzeit. Der folgende Morgen war ernüchternd. Beim Aufschließen der Zellen abweisende Mienen und barscher Ton der sich gestern noch anbiedernden Vopos.