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StartseiteKalenderblattDer Wörterverrückte03.11.2011

Der Wörterverrückte

Vor 75 Jahren ist der ungarische Schriftsteller Dezsö Kosztolányi gestorben

Der ungarische Romancier, Literaturkritiker und Journalist Dezsö Kosztolányi hat mit seinem Wirken einen wichtigen Beitrag zum Miteinandersein der ungarischen und türkischen Sprache geleistet. Am 3. November 1936 starb Kosztolányi.

Von Ales Knapp Kis

Kosztolányi war nicht nur als Lyriker und Romancier, sondern auch als Übersetzer aus mehreren europäischen Sprachen tätig.  (Stock.XCHNG / Christy Thompson)
Kosztolányi war nicht nur als Lyriker und Romancier, sondern auch als Übersetzer aus mehreren europäischen Sprachen tätig. (Stock.XCHNG / Christy Thompson)

"Lieber Herr Kosztolányi,
bewegt scheide ich von Ihrem Manuskript, diesem Kaiser- und Künstlerroman, mit dem Sie die Hoffnungen erfüllen, ja übertreffen, die sich seit den Novellen der 'Magischen Laterne' an Ihr feines und starkes Talent knüpfen."


Mit diesen Worten begrüßte Thomas Mann die deutschsprachige Ausgabe des Romans "Der blutige Dichter". Die Biografie seines Autors Dezsö Kosztolányi verkörpert den multikulturellen europäischen Geist. 1885 im serbischen Subotica, früher deutsch "Maria Theresiopel" geboren, studierte Kosztolányi Deutsch und Ungarisch an der Budapester Universität. In Wien besuchte er Seminare über Hegels Philosophie, Schiller und Grillparzer. Kosztolányis erster Lehrer war sein Großvater, der den Führer der ungarischen Unabhängigkeitsbewegung 1848-49 Lájos Kossuth und den weltberühmtesten ungarischen Dichter Sándor Petöfi persönlich kannte.

Kosztolányi war nicht nur als Lyriker und Romancier, sondern auch als Übersetzer aus mehreren europäischen Sprachen tätig – er übertrug Molière, Balzac und Maupassant aus dem Französischen, Byron und Oscar Wilde aus dem Englischen, Calderón aus dem Spanischen, aus dem Deutschen übersetzte er Werke von Georg Büchner und Thomas Mann. Er arbeitete als Literaturkritiker und Journalist, vorwiegend für die Zeitschrift Nyugat - "Nyugat" heißt "der Westen", "das Abendland" . Bereits als Student schloss er enge Freundschaft mit Frigyes Karinthy, der durch Swift und Voltaire beeinflusste Literaturparodien schrieb. Kosztolányis sprachphilosophischer Witz zeigt sich beispielsweise in den "Abenteuern des Kornél Esti", erschienen im Jahr seines Todes – Kosztolányi starb in Budapest am 3. November 1936. Das Buch enthält unter anderem Überlegungen zu Wahrheit und weibliche Lüge, die keinesfalls frauenfeindlich gemeint waren:

"In jeder weiblichen Lüge ist ein Körnchen Wahrheit. Das ist ihre moralische Basis. Und gerade deswegen sind sie gefährlich. Die Frauen verteidigen ihre Lüge mit solcher Überzeugung, Entschlossenheit und Vehemenz, als verteidigten sie die Wahrheit. Es ist unmöglich, sie aus dem Schwung zu bringen. Das, was ist, passen sie elastisch dem an, was nicht ist. Ich muss sagen, in ihrer luftigen Leichtigkeit, genauen Maßhaltung und hauchfeinen Schattierung sind für mich ihre Lügen oft so bewundernswert wie Gedichte. Wir mögen auf diesem Gebiet mehr oder weniger begabte Dilettanten und Wissenschaftler sein. Die Meister, die Künstler, die Dichter sind sie."

"Esti" heißt "abendlich", der Held Kornél Esti spricht als Kosztolányis alter ego. "Die deutschsprachigen Leser haben zunächst Sándor Márai und erst danach Dezsö Kosztolányi kennengelernt," stellt Péter Esterházy im Nachwort zu Kosztolányis Buch "Ein Held seiner Zeit" fest. Esterházy betont, mit Kosztolányi ende das Prinzip des "allwissenden Erzählers" aus den großen Romanen des 19. Jahrhunderts. Im Vergleich zu Sándor Márai ist Kosztolányi in Deutschland relativ wenig bekannt. Sein Werk indessen ist höchst aktuell. Beispielsweise wenn Kosztolányis Held Kornél Esti auf die ungarische Geschichte eingeht und einem türkischen Mädchen gegenüber seine Dankbarkeit ausdrückt. Nach der verlorenen Schlacht bei Mohács, 1526, hatten die Türken Kosztolányis ungarische Heimat mehr als 150 Jahre lang in Knechtschaft gehalten - die Bewohner aber nicht um ihre Sprache, nicht um ihre kulturelle Identität gebracht. Im Gegenteil.

"Ich war deinem Volk nie böse, denn von ihm haben wir unsere schönsten Wörter bekommen, Wörter, ohne die ich unglücklich wäre. Ich bin ein Dichter, der Liebhaber der Wörter, der Wörterverrückte. Ihr habt uns dieses Wort gegeben: 'gyöngy' - Perle, und dieses Wort: 'tükör' - Spiegel, und dieses Wort: 'koporsó' - Sarg. Du Perle, die im Spiegel meiner Seele widerstrahlt, bis sich der Sarg über mich schließt. Verstehst du, wenn ich sage: 'gyürü', 'gyüszü', 'búza', 'bor'? - Ring, Fingerhut, Weizen, Wein? Natürlich verstehst du´s, denn auch das sind ja eure Wörter und sind auch der Buchstabe, die Schrift, von der ich lebe. Du mein Ring, mein Fingerhut, mein nährender Weizen, mein berauschender Wein. Dreihundertdreißig unserer schönsten Wörter verdanke ich euch."

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