Donnerstag, 30. Juni 2022

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Deutsche Einheit
Wie westdeutsche Gewerkschaften und FDGB zusammenfanden

"Die Ossis hatten ja gar keine Ahnung von Tarifpolitik", sagte der Wirtschaftsprofessor Rudolf Hickel im DLF. Er hat sich unter anderem mit der Vereinigung des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes und des Deutschen Gewerkschaftsbundes befasst. Sein Fazit: Die Zusammenführung hatte nicht nur positive Effekte.

Von Godehard Weyerer | 24.09.2015

Im September 1989 reiste eine Delegation des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes der DDR unter der Führung des FDGB-Vorsitzenden Harry Tisch nach Stuttgart und traf dort auf Ernst Breit und andere Mitglieder des Bundesvorstands des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Beide Seiten zeigten sich über die positive Entwicklung in den Beziehungen zufrieden. Mit Blick auf den nicht abreißenden Strom ostdeutscher Flüchtlinge garantierte Harry Tisch auch für die Zukunft allen Bürgern in der DDR soziale Sicherheit, Geborgenheit und ein Leben in Frieden. Ernst Breit betonte, die Gewerkschaften des DGB seien jederzeit bereit, Reformprozesse zu unterstützen und nach Kräften zu helfen.
Sechs Wochen später war die politische Nachkriegsordnung Makulatur. Harry Tisch trat noch vor dem Fall der Mauer zurück. Im Deutschlandfunk wurde DGB-Chef Ernst Breit gefragt, ob die Gewerkschaften bei Wahrung des selbst auferlegten Anspruchs, sich nicht in die internen Angelegenheiten der DDR einzumischen, zur Unterstützung überhaupt etwas tun können:
"Wir sind darauf vorbereitet, mit der neuen Spitze des FDGB ein breitgefächertes Kooperationsabkommen zu schließen. Ich will jetzt kein Zehn-Punkte-Programm aus Gewerkschaftssicht vorstellen Aber auf mittlere Sicht sind der Vorstellungskraft kaum Grenzen gesetzt."
Reformversuch auf eigene Faust
Zunächst versuchten es die Ostdeutschen auf eigene Faust. Die DDR-Gewerkschaften lösten sich 1989/1990 vom Dachverband FDGB ab und wollten sich reformieren, was scheiterte, weil die Mehrheit der Ostdeutschen den Reformversuchen der ausgetauschten Führungsriege nicht über den Weg traute. Mit dem Bekenntnis Hans Modrow zur deutschen Einheit im Februar 1990 waren die Weichen ohnehin zum Beitritt der DDR unter bundesdeutscher Federführung gestellt, sagt Wirtschaftsprofessor Rudolf Hickel.
"Als die DDR übernommen wurde, wollte man immer mit der Vermeidung der Währungsunion in gewisser Weise politische Identität retten aus der DDR-Zeit. Ich habe viele Diskussionen mit DGB-und früheren FDGB-Vertretern, die waren immer noch beseelt von der Illusion eines dritten Weges."
Letztendlich liefen die westdeutschen Gewerkschaften wie der Großteil der Bonner Entscheidungsträger der Dynamik der sich überstürzenden gesellschaftspolitischen Entwicklung hinterher.
Aufbauarbeiten in Garnisionsstärke
Nach der Volkskammerwahl im März 1990 arbeiteten die Gewerkschaften in Ost und West eng zusammen, um die im Juli anstehende Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion der beiden deutschen Staaten vorzubereiten.
"Es gab ja die berühmten Buschpioniere, ganz viele aus der westdeutschen Gewerkschaftsbewegung sind gerne gegangen, manche sind quasi versetzt worden. Da haben fast in Garnisionsstärke Aufbauarbeit geleistet."
Es ging Schlag auf Schlag: Im September 1990 wurde ein im Westen ausgehandelter Tarifvertrag der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten auf die DDR-Branche übertragen. Zwei Monate später löste sich die Ost-Gewerkschaft auf. Andere Branchen folgten.
"Es ging vor allem von der IG-Metall Hamburg aus, dass wir gesagt haben, wir machen ein Dreistufen-Tarifvertrag, das war der einzige Vertrag, der gesagt hat, wir fangen nicht an mit einer 100-prozentigen Lohnangleichung, aber wir machen drei Stufen."
Die zweite Stufe ist dann in Sachsen aufgekündigt worden durch den VSM, Verbandes sächsischer Metallindustrie. Dann gab es Streik und Schlichtung. Ich selber habe die Schlichtung gemacht. Die Schlichtung ist gescheitert. Dann gab es lange Streiks. Am Ende war es nicht so schlimm wie es die Kapitalseite wollte, nämlicher kompletter Ausstieg aus der Angleichung.
"Die sitzen alle im Westen oder im Ausland"
In der Lohnangleichung, so Rudolf Hickel, erlitten die Gewerkschaften schwere Niederlagen. Viele kleine Betriebe in Ostdeutschland fielen zudem unter die Härtefallklausel.
"Dieser Werkbankscharakter, das heißt, es waren Werkbänke vom Westen, die dominiert waren vom Interesse, billige Lohnarbeiter zu bekommen. Und die zweite große Fehlentwicklung war, es gibt praktisch kein namhaftes, großes Unternehmen, der seinen Firmensitz im Osten hat. Die sitzen alle im Westen oder im Ausland."