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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenDie älteste Bibel der Welt ist online09.10.2008

Die älteste Bibel der Welt ist online

Der Codex Sinaiticus ist im Internet für alle zugänglich

Der Codex Sinaiticus wurde vor über 1600 Jahren mit der Hand geschrieben und enthält die christliche Bibel auf Griechisch mit dem vollständigen Neuen Testament. Mit dem sogenannten Codex-Sinaiticus-Projekt hat nun ein internationale Kooperation von Bibliotheken das Manuskript in Gänze digital ediert und es über das Internet erstmals weltweit zugänglich gemacht.

Von Christian Forberg

Blick auf den Codex Sinaiticus in der  British Library in London. (AP Archiv)
Blick auf den Codex Sinaiticus in der British Library in London. (AP Archiv)

Es war in London, an einem kalten Märztag des Jahres 2005, als der Vertrag zwischen den Besitzern der vier Teile des Codex Sinaiticus unterschrieben wurde. Ein Vertrag, der die Besitzverhältnisse nicht ändern, und doch den Besitz als Ganzes öffentlich machen sollte: Im Internet, und das auf eine Weise, wie sie mit einem solch umfassenden antiken Text bislang noch nicht geschehen war.

Und doch begann es nicht erst mit dem Vertrag, betont John Tuck von der British Library, der das Projekt bis vor kurzem leitete:

"Viel früher als 2005. Die visionären Ideen reichen bis ins Jahr 2001 zurück, sogar bis 2000. Ich denke, wir haben uns der Herausforderungen zu erinnern, die wir intern zu überwinden hatten, die Partner zusammenzubringen; zu sichern, dass sich alle Partner einig sind, das Projekt voran zu treiben. Das war das eine bedeutende Element. Dann mussten wir uns über die Technologie-Standards einigen, die Digitalisierung, ähnlich den Arbeiten, die bei der Konservierung zu tun waren."

Bleiben wir zunächst bei der erstgenannten Herausforderung, dem Zusammenbringen der Partner. Damit sind weniger die drei europäischen Bibliotheken gemeint - sie waren sich über die Chancen eines solchen Projektes für die Wissenschaft und die Öffentlichkeit recht schnell einig. Ekkehard Henschke, damals Direktor der Leipziger Uni-Bibliothek, erinnert sich:

"2002 fand eine Besprechung in der British Library statt, an der ich teilnahm und berichtete, was wir für Blätter haben, diese 43 Blätter, und den Erhaltungszustand. Und dann natürlich die grundsätzliche Bereitschaft und den ausdrücklichen Wunsch von unserer Seite, an einem solchen Projekt mitzumachen."

Diese 43 Blätter waren die ersten, die der Leipziger Theologe Konstantin Tischendorf aus dem Sinaikloster mitbrachte. Mitte der 1840er Jahre war das, als Leipzig ein international geachtetes Zentrum kritischer Bibel-Textforschung war, sagt der Theologiehistoriker Christfried Böttrich von der Uni Greifswald, der von Beginn an am Projekt Codex Sinaiticus beteiligt war:

"Tischendorf ist mit einer neuen Methodik an die Arbeit gegangen: Er hat sich nicht begnügt mit dem Material, was vorlag, sondern war bestrebt, die ältesten Handschriften des Textes ausfindig zu machen, die bis dahin unbekannt oder nur geahnt in den großen Handschriftenmagazinen Europas lagen. Und dann war natürlich seine naheliegende Überlegung die - der Text kommt aus dem Orient, deshalb müssen auch die orientalischen Bibliotheken in die Untersuchung mit einbezogen werden. Das war dann auch sein "Impetus" 1844, als er sich bereits in Süditalien befand, sich auch nach Ägypten zu begeben und dort die koptischen Klöster und vor allem auch das Katharinen-Kloster auf dem Sinai zu besuchen."

Aus dem einen Besuch wurden zwei weitere, wurde der Fund des eigentlichen Codex Sinaiticus und wurde nicht zuletzt der Vorwurf, Tischendorf habe sich die Pergamente unrechtmäßig angeeignet. Angesichts europäischer "Erschließungsgeschichte" originaler Quellen, die aus heutiger Sicht oft an Beutezüge erinnern, scheint der Vorwurf nicht von der Hand zu weisen zu sein. Christfried Böttrich ist anderer Meinung: es war eine Schenkung, deren Urkunde seit 2007 publiziert ist. Ergo:

"Ein Trophäensammler ist er mit Sicherheit nicht gewesen, denn es ging ihm nicht darum, Handschriften zusammen zu tragen und eine bestimmte Sammlung auszuschmücken, sondern sein erklärtes Ziel war es, die bislang unbekannten Handschriften zugänglich zu machen und wissenschaftlich auszuwerten. "

Was er auch tat: Er veröffentlichte ein Faksimile des Codex Sinaiticus für die öffentliche Nutzung. Somit kann er durchaus als Vorreiter dessen gelten, was heutzutage mit wesentlich feineren und umfassenderen Methoden geschieht. Das hat schließlich auch die Brüder des Sinaiklosters bewogen, die Chancen für Wissenschaft und Öffentlichkeit über den Schmerz des Verlustes zu stellen. Dafür wurde im Kloster eine Restaurierungs-Werkstatt mit modernsten Standards eingerichtet, wo gerade die letzten Funde von Codex-Seiten aus dem Jahre 1975 bearbeitet werden.

Auch über die Standards haben sich die Partner erst einigen müssen, sagt Ulrich Schneider, der jetzige Direktor der Leipziger Universitätsbibliothek:

"Das sind über 150 Kategorien, die bei jeder Seite von den Konservatoren an den verschiedenen Orten unter Beratung der englischen Kollegen beantwortet werden mussten - einfach, dass es eine einheitliche Sicht der Dinge gibt, und das war schon der erste Schritt, weil auch dann erst beschlossen wurde, wie genau die Seiten digitalisiert werden."

Schließlich sollen künftig auch die meisten Wissenschaftler mit jenem Text arbeiten, der im Internet abgebildet wurde. Um ganz sicher zu gehen, haben die Transkriptoren des Originals in gut leserliches Griechisch nochmals die Originale vor Ort betrachtet - sie trauten den hoch aufgelösten Fotos anscheinend doch nicht zu 100 Prozent. Ihre präzise Arbeit ist unabdingbar für die Übersetzungen ins Englische, Deutsche und Russische.
Aber die technische Entwicklung schritt rasant fort, ermöglicht weit mehr als zu Beginn des Projektes. Professor Schneider demonstriert das:

"Wenn man ein Wort auf der Transkription anklickt, erhält man sofort einen roten Kasten um das Wort auf der Handschrift und es gibt noch andere Informationen zur physischen Beschreibung - das muss alles noch aufbereitet werden, das ist noch nicht komplett fertig. Das Wachstum wird sich daraus ergeben, dass die Londoner ihre restlichen Seiten reintun, dass die neuen Funde aus dem Katharinenkloster dazukommen und die Fragmente, sowohl die aus Ägypten als auch die aus Russland, eingebunden werden. Jetzt im Jahre 2008 ist der Codex soweit bearbeitet, dass man ihn erstmal für mehrere hundert Jahre wegschließen kann."

Weshalb sich Experten unter Leitung von Norbert Lossau, Direktor der Uni Bibliothek Göttingen, alle Mühe gegeben haben, einen möglichst realistischen Eindruck der Seiten abzubilden. Das fängt bei einer farbgetreuen Wiedergabe der vielfältigen Randglossen an und hört bei der Darstellung von Korrekturen, von abgeschabten und überschriebenen Wörtern nicht auf. Der Betrachter kann zwei Sichten auf die Schrift wählen: frontal von oben oder seitlich, als würde er das Pergament drehen, als würde er in das Blatt hineinschauen, ohne das Original in Händen zu halten.

Werden sich die Wissenschaftler damit zufrieden geben? Christfried Böttrich betont den Pioniercharakter des Projektes, der für die Erfassung und das Studium so vieler alter Schriften Modell sein - kann:

"Es wird sich zeigen, wie handhabbar die ganze Sache ist und ob es sich eignet, auch auf andere Handschriftenbestände übertragen zu werden."

Das wird im kommenden Juli in London auf einer wissenschaftlichen Konferenz diskutiert, wenn alle Teile des Codex Sinaiticus im Internet zur Verfügung stehen.

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